Hamburg : Auf eine Zigarre

Stefan Appel - er  genießt die von ihm selbst gerollten Zigarren.  Foto: Mona  Stephan
Stefan Appel - er genießt die von ihm selbst gerollten Zigarren. Foto: Mona Stephan

Stefan Appel ist einer der letzten Zigarrenmacher in Hamburg. Seine Kundschaft kann nicht nur bei der Herstellung zusehen, sondern auch im Salon entspannen.

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11. Juni 2013, 12:12 Uhr

Hamburg | Cremig dicker Rauch zieht am Freitagvormittag durch Otto Hatje’s Zigarrenladen. Nichtrauchertage interessieren hier keinen. Während im hinteren Teil des Ladens in netter Geselligkeit um die Wette gepafft wird, verkauft Stefan Appel vorne seine handgefertigten Schmuckstücke.
Alfred Hitchcock rauchte sie, genau wie Thomas Mann, Ludwig Erhard, Al Capone oder Udo Lindenberg. Die Zigarre. Auch Stefan Appel hat es irgendwann gepackt. Damals allerdings, als er den Zigarrenladen "Otto Hatje" in Altona übernahm, war der 45-Jährige noch Nichtraucher. Heute ist das anders. Drei bis vier Zigarren genießt er seitdem am Tag - zusammen mit seinen Gästen. Er ist einer der letzten Zigarrenmacher Hamburgs.

Das Büro wurde zum Salon

Der braune Ledersessel im Eingangsbereich hat seine besten Zeiten schon hinter sich, das wird jedem sofort klar, der sich nur mal abstützen will. Sofort knarrt das alte Material und die Lehne sinkt ein Stück herab. Vor zehn Jahren trafen sich die Zigarrenraucher noch im vorderen Bereich des kleinen Ladens. "Irgendwann standen hier zehn paffende Männer und ans Verkaufen war nicht mehr zu denken", erinnert sich ein Kunde, der schon seit 16 Jahren in dem Altonaer Geschäft einkauft. Kurzerhand baute Stefan Appel sein Büro zu einem Salon um, in dem sich seither die Zigarrengesellschaft trifft. Doch hier sitzen keine Anzugträger mit teuren Uhren und noch teureren Autos. Allemal der Chef fährt "ein ganz nettes Auto", wie er grinsend gesteht. Hier trifft sich Hamburg. Der Rentner, genau so wie der Student oder der Familienvater.
Freitag, 11 Uhr: Es ist voll im Salon. Alle vier schwarzen Ledersessel sind von der rauchenden Kundschaft in Beschlag genommen. Der eine liest auf dem iPad, der andere ist in seine Gedanken versunken und wieder ein anderer hat seine Mutter mitgebracht. Die rothaarige Dame raucht genüsslich eine Zigarette, auch sie ist willkommen. "Wir haben alle Mal klein angefangen", scherzt einer der Herren mit Blick auf den dünnen Glimmstängel.

"Die wird dir zu bissig sein"

Stefan Appel kennt seine Kundschaft und er genießt es, wenn sie sich die Zeit nehmen und bei ihm Platz nehmen. Neben den Zigarren serviert der Hamburger Kaffee oder Schnaps - Whisky oder Brandy. Manchmal auch beides. Seine Kunden sollen sich wohl fühlen.
Kundschaft. Ein Stammkunde betritt den Raum und steuert zielstrebig auf das rechte Regal zu. Rechte Wand bedeutet: Zigarren aus eigener Herstellung, links bedeutet Importware, geradeaus durch bedeutet: ab in den Salon, sitzen und fachsimpeln. "Wie ist die?", fragt der adrette Rentner mit dem Rucksack, der gerade eben erst durch die Tür gekommen ist. "Die wird dir zu bissig sein, du nimmst ja sonst eher Importe", antwortet Appel. Er dreht sich um und greift ins linke Regal. "Irgendwas in der Richtung hatten wir beim letzten Mal." Der Rentner nickt zufrieden mit der Auswahl und studiert das Tabak-Produkt. Früher konnte es auch mal eine "Montecristo Nr. 2" für 13,20 Euro sein. Das ist ihm heute aber zu teuer. Lieber die für 2,60 Euro. Seit 22 Jahren kommt er regelmäßig in die Alte Königstraße, er mag die persönliche Ebene und die breite Auswahl - "besser geht’s nicht". Rauchen tut er bei Stefan Appel aber nie.

Über 300 Sorten im Sortiment

Die meisten Kunden kaufen nach Größe. Groß und dick muss die Zigarre sein, wenn es nach Stefan Appel geht. Doch natürlich gibt es bei ihm die Zigarren, die die Kunden nachfragen. Über 300 Sorten hat er in seinem Sortiment. Neben wechselnder Importware bietet er 40 Eigenmarken mit typisch hanseatischen Namen an. "Elbe 1", "Hamburger Lotse", "Blankeneser" oder "Der Altonaer" heißen sie. Die "Junior" läuft am Besten. Die meisten Kreationen stammen noch von Otto Hatje, dem ursprünglichen Besitzer, der vor 91 Jahren den Zigarrenhandel gründete. Nach seinem Tod war der Laden in der Hand von mehreren Besitzern. 1992 übernahm Stefan Appel den Hanseatischen Betrieb. Und das ohne jegliches Grundwissen. "Mir gefiel die Atmosphäre", sagt er heute. Nach fünf Wochen hatte er das Handwerk des Zigarrenherstellens drauf.
Jeden ersten Sonnabend im Monat können die Kunden bei der Zigarren-Herstellung zusehen. Dann demonstriert der Hamburger, wie sich eine gute Zigarre rollen lässt. "Auf die Menge kommt es an." Online gibt es seine Tabak-Kunstwerke nicht zu erwerben. "Das passt nicht zu mir und meinem Laden", sagt er. Lieber lädt er seine Kunden noch auf eine Zigarre und ein Gespräch ein.

Info: Otto Hatje - Zigarrenmacher seit 1922, Stefan Appel, Alte Königstraße 5, 22767 Hamburg. Dienstag, Mittwoch und Freitag 10 bis 19 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr, Sonnabend bis 15 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung. Jeden 1. Sonnabend im Monat: Zigarrenherstellung zum Zusehen oder Mitmachen.

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