Trotz Job-Boom : Armut in Schleswig-Holstein wächst

Von Armut betroffen sind Menschen in befristeter oder Teilzeitbeschäftigung unter 21 Stunden, mit Minijobs oder in Zeit- und Leiharbeit.
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Von Armut betroffen sind Menschen in befristeter oder Teilzeitbeschäftigung unter 21 Stunden, mit Minijobs oder in Zeit- und Leiharbeit.

In Westdeutschland sind die Bruttolöhne nirgends so niedrig wie in SH. Die Zahl der Anträge auf Grundsicherung steigt. Ganz unmittelbar wirkt sich die Armut laut einem Datenreport auch auf die Lebenserwartung aus. Im Schnitt sterben arme Männer elf Jahre früher.

shz.de von
27. November 2013, 06:44 Uhr

Kiel/Berlin | Die Zahl der Beschäftigten liegt in Deutschland auf einem Rekordhoch, dennoch wächst in Schleswig-Holstein die Armut. Das geht aus dem gestern vorgestellten Datenreport 2013 hervor, in dem Statistiker und Sozialexperten die Situation der Bundesrepublik in Zahlen dargelegt haben. Demnach ist das Armutsrisiko der 55- bis 64-Jährigen deutlich gestiegen. Unter den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren gilt bundesweit jeder Fünfte als armutsgefährdet. Als arm gilt den Experten zufolge, wer 2011 weniger als 980 Euro im Monat verdiente. Betroffen sind Menschen in befristeter oder Teilzeitbeschäftigung unter 21 Stunden, mit Minijobs oder in Zeit- und Leiharbeit.

In Schleswig-Holstein sind die Bruttostundenlöhne mit 17,99 Euro demnach so niedrig wie in keinem anderen westdeutschen Land und liegen unter dem Bundesschnitt von 19,33 Euro. Zudem standen hierzulande rund 860.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigten laut Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit zuletzt etwa 260.000 geringfügig Beschäftigte gegenüber – Tendenz steigend. Genau dieses Zusammenspiel von Niedriglöhnen und atypischer Beschäftigung ist laut Datenreport jedoch dafür verantwortlich, dass der Job-Boom nicht zu mehr Wohlstand geführt hat. Arbeit sei nur auf mehr Schultern verteilt worden, das Arbeitsvolumen heute niedriger als vor 20 Jahren.

„Die Spaltung in Arm und Reich ist Jahr für Jahr tiefer geworden“, so Uwe Polkaehn, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Nord. „Wird nichts dagegen getan, fliegt die Gesellschaft auseinander.“ Der Vorsitzende des Sozialverbands Schleswig-Holstein, Sven Picker, sagte: „Der oft zitierte Satz: ‚Sozial ist, was Arbeit schafft‘ stimmte so noch nie und heutzutage erst recht nicht.“ Sozial sei, was Arbeit schaffe, von der die Menschen vernünftig leben können. Laut Verband zeigen sich Folgen niedriger Löhne spätestens im Rentenalter. So sei die Zahl der Anträge auf Grundsicherung zwischen 2007 und 2012  in Schleswig-Holstein um 26 Prozent gestiegen. Ganz unmittelbar wirkt sich die Armut laut Datenreport auch auf die Lebenserwartung aus. Im Schnitt sterben arme Männer elf Jahre früher.

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