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Lieferengpässe in SH : Apotheker schlagen Alarm: Impfstoffe fast ausverkauft

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Eine Rolle spielt die Nachfrage für Flüchtlinge. Die Schuld an Lieferengpässen gibt der Apothekerverband der Politik.

Kiel | Das Theater um Lieferengpässe beim Grippeimpfstoff vor zwei Jahren ist den Schleswig-Holsteinern noch gut in Erinnerung. Jetzt wird das Fortsetzungsstück aufgeführt. Landesweit ist nicht nur ein Spezial-Influenza-Impfstoff knapp, auch die Mehrfachimpfungen für Babys sind teilweise ausverkauft. „Die Versorgung der Flüchtlinge ist nicht Ursache für diesen Engpass, aber sie hat ihn ohne Zweifel erheblich verschärft“, erklärte am Mittwoch der Geschäftsführer des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein, Thomas Friedrich. Damit in den voll belegten Sammelunterkünften keine Epidemien ausbrechen, wird dort fast jeder geimpft.

Schuld an den Lieferengpässen sei die Politik, die mit ihren Rabattvorgaben in die Preisgestaltung eingreife. „Deutschland ist für die Pharmakonzerne kein interessanter Markt mehr“, sagt Friedrich. Wenn dann durch Produktionsprobleme das Angebot knapp werde oder – wie durch die Flüchtlinge – große Nachfrage entstehe, verkauften die Firmen an den, der am meisten bezahle. „Und das sind derzeit die Bundesländer, die für die Impfung von Flüchtlingen zuständig sind.“ Anders als die Kassenärzte, die vom Gesetzgeber gezwungen werden, nur Impfstoff zu rabattierten Niedrigpreisen einzusetzen, gelten diese Regularien für die Bundesländer als Einkäufer nicht.

Beispiel Grippeimpfstoff. Hier gibt es zwei Varianten. Eine Variante für die gesetzlich Versicherten mit Dreifachschutz. „Diese reichte in der Vergangenheit in der Regel völlig aus“, so Friedrich. In diesem Jahr grassiert jedoch ein besonderer Virustyp, dem man mit der teureren Vierfach-Impfung besser beikomme. Wer diesen besseren Schutz wünscht, muss den Impfstoff aus eigener Tasche zahlen. Nun haben aber die Länder genau diese Chargen für die Flüchtlinge aufgekauft. „Der Markt ist leergefegt“, so der Apotheker-Chef.

Auch die Kassenärzte schlagen Alarm. „Bis Jahresende werden wir bestimmte Impfstoffe nicht bekommen, etwa den Impfstoff gegen Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung und Tetanus. Auch beim Kombinationsimpfstoff gegen Masern Mumps, Röteln und Windpocken sowie beim nasalen Grippeimpfstoff für Kinder gibt es große Lieferengpässe“, klagt der Verband der Kinder- und Jugendärzte.

Um zu sparen, zahlen Kassen meist nur noch Sechsfachimpfungen – damit ist das komplette Impfprogramm bei Kindern in einem Arztbesuch abgehakt. Wenn jedoch bei einer dieser sechs Komponenten – wie aktuell geschehen – in der Herstellung etwas schiefläuft und der zeitintensive Produktionsprozess wiederholt werden muss, bleibt der Nachschub vorerst aus. „Dann werden die noch vorhandenen Bestände – wie in der Marktwirtschaft üblich – meistbietend verkauft“. Nämlich derzeit an die Bundesländer, berichtet Friedrich.

Für Eltern, die jetzt auf den Piks für ihr Baby warten müssen, sei dies zwar kein Beinbruch, „weil im Impfplan immer eine Zeitspanne angegeben ist“, so Friedrich. „Ärgerlich ist es trotzdem, wenn wir die Eltern vertrösten müssen.“ Das führe zu zusätzlichen Arztkontakten „und ist auch nicht gut für die Impfmoral“.

Wer beim Impfstoff spart, riskiert Leben – ein Kommentar von Margret Kiosz

 

Gesundheitspolitiker haben einen schweren Job. Ob sie ihn immer gut machen, ist die Frage. Der Einfluss der Lobbyisten –  von Ärzte- und Kassenfunktionären bis zu den Pharmakonzernen – dürfte hier mindestens so groß sein wie in der Rüstungsindustrie. Gleichzeitig haben Fehlentscheidungen nirgendwo anders eine so durchschlagendeWirkung wie im Gesundheitssektor. Bestes Beispiel ist der Dauerbrenner Impfstoff-Engpass. Weil  Gröhe & Co. sparen müssen, knebeln sie die Pharmahersteller mit Preisvorgaben. Referenzländer für den „richtigen“ Preis(-nachlass) sind Nachbarländer wie Polen, Frankreich und Italien. Mehr als dort darf der Grippe-Piks für Kassenpatienten oder die  Masernimmunisierung hierzulande nicht kosten.         

Kein Wunder, dass die Pillenhersteller, die sich über Jahrzehnte an exorbitante Gewinnmargen gewöhnt hatten, keine Lust mehr auf den deutschen Markt haben. Erschwerend kommt die fast monopolistische Angebotsstruktur hinzu. Von den bekannten Traditionsmarken sind nach diversen Fusionsrunden nur noch zwei übrig geblieben. Auch um deren Marktmacht auszubremsen, mussten die Gesundheitspolitiker Preisobergrenzen einziehen und den Markt regulieren. Womöglich haben sie ihn jedoch  überreguliert. Zusätzliche Nachfrage, wie sie jetzt durch die medizinische Versorgung der Flüchtlinge entsteht, ist nicht einkalkuliert. Wer die Marktwirtschaft durch Planwirtschaft  ersetzt, darf sich  darüber nicht wundern. Und wer jetzt der Pharmaindustrie die Schuld in die Schuhe schiebt, löst das Problem nicht. Lösungen sind aber dringend nötig, denn  Engpässe gibt es nicht nur beim Impfstoff für Kinder, sondern auch bei wichtigen Krebsmitteln und bei Antibiotika.

Natürlich können sich Gesundheitspolitiker rühmen, im Sinne der Versicherten Milliarden gespart zu haben. Doch die Rechnung geht  nicht auf, wenn Menschen diese Sparorgien mit dem Leben bezahlen müssen. Gesundheit gibt es nicht zum Nulltarif –  aber auch nicht zu Mondpreisen. Nur wer den Mittelweg richtig austariert, macht seien Job wirklich gut. 

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erstellt am 21.Okt.2015 | 20:23 Uhr

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