Autonomes Autofahren : Alle fahren Bus – und keiner lenkt

Angekommen: Der Kieler Uni-Präsident Lutz Kipp hat seine erste Fahrt in einem autonom fahrenden Bus hinter sich gebracht.
Angekommen: Der Kieler Uni-Präsident Lutz Kipp hat seine erste Fahrt in einem autonom fahrenden Bus hinter sich gebracht.

Auf dem Campus der Uni Kiel kann sich jeder davon überzeugen, wie das autonome Fahren der Zukunft funktionieren könnte.

Kay Müller von
11. September 2018, 11:28 Uhr

Kiel | Wenn Lutz sich ihm in den Weg stellt, bremst Emil sofort. Lutz, das ist Lutz Kipp, der Präsident der Christian-Albrechts-Universität Kiel und Emil ist ein Bus – ohne Fahrer. „Funktioniert doch, der hat mich nicht überfahren“, sagt Kipp, der sich gestern auf seinem Campus davon überzeugt hat, wie das autonome Autofahren der Zukunft aussehen kann. Noch bis Dienstag können ihm das alle Interessierten vor dem Audimax der Universität täglich von 10 bis 17 Uhr nachtun.

„Zur digitalen Woche zeigt sich die Uni Kiel digital“, sagt Kipp. Drei Hochschullehrer sind eingebunden in das Projekt, das auf dem Green Tec Campus in Enge-Sande (Kreis Nordfriesland) entwickelt wird. Ein Jurist prüft etwa, wer bei einem Unfall die Haftung übernimmt, wenn kein Fahrer mehr im Bus sitzt – dazu sind ein Geograph und ein Informatiker involviert. „So praxisnah und am Leben der Menschen wollen wir als Universität sein“, sagt Kipp. Er träumt schon davon, dass der Bus nicht nur im Probebetrieb über den Campus rollt. „Wir könnten die Olshausenstraße perfekt für ihn nutzen und arbeiten sogar schon daran, mit einer autonom fahrenden Fähre aufs Wasser zu kommen.“ Bei dem Projekt seien auch Psychologen der Uni dabei, die in der Akzeptanzforschung arbeiten.

Denn dass noch immer viele Menschen Bedenken haben, wenn sie in einem Fahrzeug sitzen, dass per GPS und programmiert gefahren wird, ist auch Marten Jensen, dem Besitzer des Green Tec Campus, klar. Er hält das Individuum im Straßenverkehr aber für das größere Risiko, denn das sei oft viel zu gestresst und abgelenkt zum Autofahren: „Der Mensch und das Lenkrad – das geht nicht mehr zusammen.“

Jensen geht davon aus, dass sich die Technik durchsetzen wird. Emil, der in Frankreich gebaut und in Enge-Sande für den Einsatz im Straßenverkehr ausgerichtet wird, verbinde erneuerbare Energien mit Umweltschutz und der Digitalisierung. Im Herbst soll der Bus – noch mit einem Steward, der notfalls eingreifen kann – auf Sylt in den Straßenverkehr starten, im kommenden Jahr ein weiteres Fahrzeug ohne Lenkrad durch Dithmarschen rollen. Bis dahin würden die Systeme optimiert, sagt Jensen, Sicherheit gehe vor.

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Felix Friebel (Foto) hat sich das alles genau angehört. Der 18-Jährige macht eine Ausbildung bei der Stadt Kiel, fährt jeden Tag mit dem Bus von Nortorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) in die Landeshauptstadt. „Das scheint ja zu klappen, dann kann ich ja auch mal mitfahren“, sagt er und setzt sich auf einen der sechs Plätze im Bus. Angst hat Friebel keine.

Noch läuft nicht alles rund. Emil könnte noch besser auf Regen reagieren, auch bei kleinen Zweigen auf der Straße bleibt er stehen. Und wenn ein Uni-Präsident auf die Straße tritt, bremst er sehr abrupt. „Jetzt ist er nur 8 km/h schnell gefahren – wenn es wie geplant einmal 50 km/h sind, wäre das schon eine ziemlich harte Bremsung gewesen“, sagt Friebel und reibt sich den Nacken. Er kann sich trotzdem gut vorstellen, dass in zehn Jahren fast nur noch solche Busse unterwegs sind, wie es die Macher vom Green Tec Campus prognostizieren. Aber trotzdem macht der 18-Jährige gerade seinen Führerschein: „Ist vielleicht besser.“

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