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Zahlen steigend : 3000 Betriebe suchen einen neuen Chef

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Angst vor Risiko und Verantortung oder schlicht kein Interesse, das Geschäft der Eltern zu übernehmen - vor allem Familienunternehmer suchen Nachfolger.

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2013 | 09:48 Uhr

Kiel/Lübeck | Schuhmacher, Blumenläden, Internet-Firmen, Restaurants und Maschinenbaubetriebe - sie alle haben zwei Dinge gemeinsam. Sie liegen in Schleswig-Holstein und gehören zu den immer zahlreicher werdenden Unternehmen im Land, die zum Verkauf stehen oder auf der teils verzweifelten Suche nach einem Nachfolger sind. Mehr als 270 Betriebe im Norden listet schon allein die vom Bundeswirtschaftsministerium und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) initiierte Seite Nexxt-Change auf. Die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein (IHK) geht sogar davon aus, dass bis Ende 2014 rund 3000 Unternehmen zwischen Nord- und Ostsee einen Nachfolger suchen müssen.
Mit Blick auf die nächsten Jahre dürfte die Zahl indes noch höher sein. "Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren jeder dritte Fachhändler vor der Nachfolgeentscheidung steht, knapp 4000 Unternehmen in Schleswig-Holstein", sagt etwa Monika Dürrer vom Einzelhandelsverband Nord (EHV) allein mit Blick auf ihre Branche. Unter den Betrieben, die sich schwer mit dem Thema Unternehmensnachfolge täten, seien nach Beobachtung ihres Verbandes viele Familienunternehmen in der zweiten und dritten Generation.

Kein Nachfolger in der Familie


Gründe hierfür seien vor allem, dass es keinen Nachfolger in der Familie gebe. "Gerade die früher klassische Nachfolge aus der Familie heraus gelingt immer seltener, weil es die Kinder in andere Berufe, oftmals auch in andere Orte zieht", so Dürrer. Den Betrieb der Eltern zu übernehmen, erscheine häufig zudem als deutlich weniger lukrativ. "Viele scheuen zudem die Selbständigkeit, die hohe Verantwortung und Haftung für das volle Risiko", sagt sie. Hier sei noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Nach wie vor lasse sich im Handel Geld verdienen, wenn die Rahmenbedingungen stimmten.
Tatsächlich sieht der EHV genau hier aber Nachholbedarf seitens der Politik. Nicht zu unterschätzen seien steuerliche Aspekte, Finanzierungsfragen und der ewige Kampf mit der Bürokratie. "Wir fordern als Einzelhandelsverband von der Politik dringend Rechtssicherheit in puncto Erbschaftssteuer, um vor allem die familiäre Unternehmensnachfolge zu sichern", so die EHV-Geschäftsführerin. Außerdem warne ihr Verband vor einer Neuauflage der Erbschaftssteuer. "Die Besteuerung von unternehmerischer Substanz wäre der Tod für viele weitere mittelständische Unternehmen."

Industrie- und Handelskammer berät in Sachen Übergabe


Seit Längerem hätten die Kammern erkannt, dass die Nachfolgeberatung für Unternehmen zu intensivieren sei, sagt IHK-Unternehmens experte Michael Schmidt. Viele Betriebe unterschätzten aber die Zeit, die für eine geordnete Übergabe notwendig ist. Sieben Prozent aller Unternehmen wollten die Übergabe in weniger als drei Monaten stemmen, 28 Prozent in sechs bis zwölf. Nur drei Prozent aller Betriebe hätten laut Schmidt drei Jahre und mehr für die Übergabe eingeplant. Drei bis sieben Jahre hält er selbst indes für notwendig.
Wo die Übernahme scheitert, hat auch die Gesamtwirtschaft den Schaden. "Viele Unternehmen vernichten über diesen Weg Arbeitsplätze im Land", sagt Schmidt. Und im Einzelhandel wird das inhabergeführte Geschäft zunehmend zur Rarität, wie Zahlen des EHV zeigen. Lag der Anteil inhaber geführter, mittelständischer Facheinzelhändler am Einzelhandelsumsatz 1995 noch bei 31 Prozent, waren es 2010 nur noch 14. Und auch aktuell seien die Zahlen weiterhin rückläufig, so EHV-Expertin Dürrer.
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