Atomstrom : 25 Jahre AKW Brokdorf - umstritten bis heute

Als weltweit erstes neues Kernkraftwerk nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl erhielt Brokdorf am 3. Oktober 1986 die Dauerbetriebsgenehmigung. Foto: ddp
Als weltweit erstes neues Kernkraftwerk nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl erhielt Brokdorf am 3. Oktober 1986 die Dauerbetriebsgenehmigung. Foto: ddp

Seit einem Vierteljahrhundert liefert Brokdorf Atomstrom - doch an dem Meiler an der Unterelbe scheiden sich bis heute die Geister.

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04. Oktober 2011, 01:33 Uhr

Mit Mahnwachen vor den Toren des AKW fordern Kernkraftgegner beharrlich seit 1986 "sofort stilllegen" - symbolträchtig jeweils am 6. Tag jedes Monats. Das soll erinnern an den Atombombenabwurf über Hiroshima am 6. August 1945. "Wir wollen damit die enge Verzahnung von militärischer und ziviler Atomnutzung deutlich machen", sagt Karsten Hinrichsen, Urgestein der Anti-AKW-Bewegung im Norden.
Als weltweit erstes neues Kernkraftwerk nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl erhielt Brokdorf am 3. Oktober 1986 die Dauerbetriebsgenehmigung. Seit der Planung in den 1970er Jahren hatten immer wieder massive Proteste den Bau begleitet. Sie waren auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung. "Unser Protest damals war politischer als der heutige und eng verbunden mit massiver Kapitalismuskritik und der Ablehnung eines imperialistischen Atomstaates", betont Hinrichsen. "Dagegen geht es vielen heute ausschließlich um die technische Sicherheit, gerade nach der Katastrophe in Fukushima."
Straßensperren sollten die Protestler aufhalten
Nachdem 1976 ein Baustopp vier Jahre relative Ruhe brachte, löste die angekündigte Wiederaufnahme der Arbeiten massive Widerstand aus. Am 28. Februar 1981 wollten rund 100.000 Demonstranten bei bitterer Kälte nach Brokdorf. Es sollte die bis dahin größte Anti-AKW-Demo in der Geschichte der Bundesrepublik werden. Die Behörden verboten den Protestzug, eine Entscheidung, die das Bundesverfassungsgericht später als verfassungswidrig bewertete.
Rund 10.000 Polizisten aus dem gesamten Bundesgebiet wurden zusammengezogen, Hubschrauber, Wasserwerfer, Greiftrupps der Polizei in Zivil waren im Einsatz. Straßensperren sollten die Protestler auf dem Weg nach Brokdorf zum Baugelände aufhalten, vielfach brachen Demonstranten durch. Knapp 130 Polizisten und etwa ebenso viele Demonstranten wurden verletzt.
"Holt uns hier raus, die schlagen uns tot"
"Es waren bürgerkriegsähnliche Verhältnisse", erinnert sich der damalige leitende Oberstaatsanwalt von Itzehoe, Hans-Dieter Räfler, der beim Polizeileitstand dabei war. Aus einem Wasserwerfer mit zerstochenen Reifen funkten Polizisten "Holt uns hier raus, die schlagen uns tot", erinnert sich Räfler. Ein Hubschrauber eilte zu Hilfe und versprühte Tränengas. Andernorts schlug ein Demonstrant mit einem Handspaten auf einen Polizisten ein. Räfler hat das Foto heute noch auf seinem Schreibtisch.
Der damalige schleswig-holsteinische Innenminister Uwe Barschel (CDU) flog mit einem Hubschrauber zum Polizeileitstand, um sich zu informieren. Wie viele Festnahmen es bereits gebe, wollte Barschel wissen. Noch keine, lautete die Antwort. "Wie soll ich das politisch verkaufen?", meinte daraufhin Barschel nach der Erinnerung Räflers.
"Die große Mehrheit der Demonstranten war friedlich"
Oft seien Gewalttäter in die große Masse der friedlichen Demonstranten zurückgewichen. Bei den wenigen Verfahren, die vor Gericht landeten, sei die Beweisführung oft schwierig gewesen. "Die große Mehrheit der Demonstranten war friedlich, zum Beispiel hatten wir auch einen Kirchenmusiker als Zeugen vor Gericht." Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hatte ihre Fenster damals mit Spanplatten gegen eventuelle Molotow-Cocktail-Würfe geschützt.
Zu den friedlichen Demonstranten auf dem Weg durch die Wilster Marsch gehörte auch der heutige FDP-Fraktionsvorsitzende im Landtag und Rechtsanwalt Wolfgang Kubicki. Ihm ging es nicht vorrangig um die seit Tschernobyl unstrittigen technischen Risiken der Atomenergie.
Ruf eines "sicheren Kernkraftwerks"
"Ich befürchtete, dass diese Energieform, wenn sie sich ausbreitet, demokratiegefährdend sein könnte", sagt Kubicki rückblickend. Ihm bereitete der Sicherheitsaufwand zum Schutz dieser Anlagen Sorge und das Überprüfen von Privatleben Dritter. Die Proteste 1986 seien aus heutiger Sicht friedliche gewesen, "aus damaliger Sicht waren sie zumindest in Teilbereichen sehr ruppig". Nach der Einschätzung von Hinrichsen hat die Polizei überhart reagiert und sogar Jagd auf Demonstranten gemacht.
Im jahrelangen Alltagsbetrieb erwarb sich Brokdorf - anders als die für immer vom Netz gegangenen "Pannenmeiler" Brunsbüttel und Krümmel - den Ruf eines "sicheren Kernkraftwerks". Die durchschnittliche Arbeitsverfügbarkeit seit Inbetriebnahme im Jahre 1986 (berechnet bis Ende 2009) betrug nach Angaben der Kieler Atomaufsicht 90,8 Prozent (Brunsbüttel 58,2/Krümmel 73,2 Prozent).
21 mal unter den Top Ten "der weltweit besten Kernkraftwerke"
Zuletzt hatten jedoch eine ungewöhnlich lange Jahresrevision, bei der unter anderem Verformungen an Brennstäben festgestellt wurden, das Image beschädigt. Zudem fiel einer von zwei Transformatoren, die die Stromspannung für den Transport umwandeln, irreparabel aus. Die Genehmigung der Atomaufsicht, Brokdorf dennoch mit maximal halber Leistung wieder anzufahren, stieß nicht nur bei den Grünen auf Kritik. Am Donnerstag wurde das Kraftwerk für einige Tage vom Netz genommen, um einen neuen Transformator einzubauen.
Für den Betreiber Eon ist Brokdorf eine wirtschaftliche Erfolgsstory: "Bezogen auf die Jahresstromproduktion war die Anlage insgesamt zweimal Weltmeister, 1992 und 2005", betonte Eon zum Jubiläum. In 25 Jahren Betrieb sei die Anlage 21 mal unter den Top Ten "der weltweit besten Kernkraftwerke" gewesen und wiederum davon 12 mal unter den Top Drei. Stolz verweist Eon auf insgesamt 270 Milliarden kWh erzeugten Atomstrom, der 256 Millionen Tonnen CO2 eingespart habe. Die jährliche Stromleistung decke den Bedarf Hamburgs oder 90 Prozent des jährlichen Strombedarfs von Schleswig-Holstein.
Mit dem vom Bundestag beschlossenen Atomausstieg ist dennoch das Ende dieser Brückentechnologie absehbar - spätestens 2021 muss das AKW endgültig vom Netz. Brokdorfs Bürgermeister Werner Schultze (CDU) sieht das gar nicht so gern. Kein Energieträger dürfe von vorneherein diskriminiert werden, darum müsse auch die friedliche Nutzung der Kernenergie ihren Platz in einem vernünftigen Energiemix haben. Die Gemeinde habe sich aber mit Rücklagen "auf die Zeit "danach"" eingerichtet. Und: Auch nachdem das Kernkraftwerk abgeschaltet sein wird, "werden wir aufgrund der bestehenden Betriebsform weiterhin mit Gewerbesteuerzahlungen rechnen können".

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