Brasilien vor der Weltmeisterschaft 2014 : „Wir lieben Fußball, aber nicht die WM“

Maria da Penha Fonseca (46) droht die Vertreibung aus der  kleinen Holzhütte am Rand von Belo Horizonte.
1 von 5
Maria da Penha Fonseca (46) droht die Vertreibung aus der kleinen Holzhütte am Rand von Belo Horizonte.

Die Brasilianer träumten von einem Sommer-Märchen, wie einst in Deutschland. Doch statt des Aufschwungs kamen Korruption und Gewalt.

shz.de von
09. Juni 2014, 11:54 Uhr

Durch die beschlagenen Gläser seiner rechteckigen Brille kann Argemiro Almeida (50) kaum noch etwas erkennen. Regentropfen perlen von ihnen ab wie kleine Sturzbäche. Die krausen, graumelierten Haare kleben ihm klatschnass am Kopf. Aus pechschwarzen Wolken entlädt sich an diesem schwül-feuchten Nachmittag ein Unwetter mit voller Wucht über dem parkähnlichen Platz im Zentrum von Salvador da Bahia.

Während vorbeieilende Passanten Schutz unter den Markisen der gegenüberliegenden Geschäfte suchen, trotzt Almeida der Naturgewalt. Wie ein Derwisch läuft er auf und ab. Immer wieder brüllt er in ein Megafon: „Weder Sturm noch Regen – nichts kann uns stoppen.“

„Wir“, damit ist die Protestbewegung gemeint, die seit gut vier Jahren gegen die negativen Folgen der WM in Brasilien mobil macht und einer deren führenden Köpfe Almeida ist. Doch am „Internationalen Tag des Kampfes gegen die WM“, an dem zeitgleich in allen anderen elf WM-Austragungsorten tausende Menschen auf die Straße ziehen, droht die Veranstaltung in Brasiliens drittgrößter Stadt buchstäblich ins Wasser zu fallen.

Bereits wenige Stunden zuvor mussten die Protestler eine andere Hiobsbotschaft hinnehmen. Die Polizei hatte einen Lautsprecherwagen gestoppt, der die Menschen auf seiner Fahrt durch die 2,7 Millionen Einwohner zählende Metropole mobilisieren sollte. Neben Almeida haben sich daher nur knapp 30 Mitstreiter zur vereinbarten Zeit am Ausgangsort der Demonstration versammelt. Dann aber hört der Regen plötzlich auf. Als hätten sie bereits in den Startlöchern gestanden, strömen Menschen mit Bannern und Transparenten aus den Seitenstraßen. Innerhalb kürzester Zeit wird aus dem anfangs traurigen Grüppchen eine lautstarke Menge. Etwa 400 WM-Gegner mögen es nun sein. Die Stimmung steigt. Auch bei Almeida. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Das Ziel: die Arena „Fonte Nova“. Knapp vier Wochen bevor die deutsche Nationalelf dort am 16. Juni gegen Portugal ins Turnier startet, ist von Vorfreude im Land des fünffachen Weltmeisters kaum etwas zu spüren.

Statt über Fußball diskutieren die Menschen auf der Straße über teure Stadien, Misswirtschaft und Korruption. Brasilien hadert mit sich und seiner Gastgeberrolle. Was einst als große Chance galt, das aufstrebende Land positiv in Szene zu setzen, droht immer mehr zu entgleiten. Es rumort quer durch alle sozialen Schichten.

Als Brasilien im Oktober 2007 den Zuschlag von der Fifa für die Ausrichtung der WM erhielt, sahen viele darin ein großes Konjunkturprogramm. Die Fußballparty als Impuls, die vielerorts rückständige Infrastruktur der sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt auf Vordermann zu bringen. Moderne Flughäfen, mehr öffentliche Busse und neue U-Bahnlinien. Die Politiker versprachen viel. Gehalten haben sie bis dato wenig. In Brasiliens Metropolen ist der tägliche Weg zur Arbeit für die meisten Menschen nach wie vor eine nerven- und zeitaufreibende Tortur in hoffnungslos überfüllten Wagons oder auf verstopften Straßen.

Viele Bauprojekte kämen nur schleppend voran, weil die dafür bereitgestellten öffentlichen Gelder in Korruption versickertet seien, kritisiert Almeida. In anderen Fällen hätte mangelhafte Planung zu explodierenden Kosten geführt. Knapp zehn Milliarden Euro stehen auf Brasiliens WM-Rechnung. Es werden die teuersten Titelkämpfe aller Zeiten. Dreimal so teuer wie Deutschlands Sommermärchen 2006.

Die Demonstranten auf Salvador da Bahias Straßen schreien in die heranbrechende Nacht hinaus, wofür das Geld in ihren Augen besser angelegt worden wäre: „Bildung! Gesundheit! Bezahlbarer Wohnraum!“ Unter ihren Füßen ist der Asphalt in bemitleidenswerten Zustand. Links und rechts türmt sich Müll auf den Gehsteigen. Von den Fassaden der einst prächtigen Barockbauten bröckelt der Putz. Viele Anwohner beugen sich aus ihren Fenstern und spenden der vorbeiziehenden Menge Applaus. „Brasilien hat so viele Probleme. Eine WM nach europäischen Standard können wir uns nicht leisten“, sagt Almeida. Er wirft der Regierung vor, dass diese sich von Anfang an über die Köpfe der Menschen hinweggesetzt habe. Einen ehrlichen Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen habe es nie gegeben.

Statt soziale Härten zu mildern, seien Bürgerrechte mit Füßen getreten worden, so der Aktivist. „Über 250 000 Menschen mussten wegen der WM ihre Häuser verlassen“, sagt Almeida. Oft mit Gewalt und ohne angemessene Entschädigung. Die Existenzen ganzer Gemeinden sind für Stadien, Parkplätze und Zugangsstraßen zerstört worden.

In den Innenstädten vertreibe die Polizei zudem Obdachlose und mobile Händler. „Alles soll schön sauber sein. Almeida: „Die WM-Touristen sollen das wahre Elend in Brasilien nicht sehen.“ Die Regierung wolle den rund 600 000 erwarteten Gästen aus aller Welt eine Postkarten-Idylle präsentieren. Sonne, Samba und Caipirinha.

An der Spitze des Demonstrationszuges marschiert ein Mann mit einem mobilen Bildschirm um den Hals. Immer wieder flackert darauf das Bild von Fifa-Präsident Joseph Blatter auf. Daneben der Slogan: „Fifa, go home!“ – „Fifa, hau’ ab!“

Der mächtige Weltverband ist für viele Brasilianer ein rotes Tuch. Man habe nichts gegen Fußball, stellt Almeida klar. „Wir sind aber gegen das WM-Modell der Fifa, das einzig und allein auf Kommerz ausgelegt ist“, wettert er. In seiner jetzigen Form sei das größte Sportereignis der Welt eine elitäre Veranstaltung, die einzig den Interessen der Großsponsoren nutze und sozial Schwächere ausgrenze.

In der Fifa-Zentrale im fernen Zürich weiß man, wie schlecht es um das eigene Image bestellt ist. Zuletzt hatte Blatter in einem Interview versucht, den schwarzen Peter weiterzureichen – an die brasilianische Regierung. Diese sei dafür verantwortlich, dass die Stimmung so negativ sei. „Die Brasilianer sind ein bisschen unzufrieden. Ihnen wurde eine Menge versprochen. Doch vieles davon ist nicht eingehalten worden.“ Das aber sei nicht Schuld der Fifa. Zudem, so Blatter, habe sich die jetzige Präsidentin Dilma Rousseff nicht in dem Maße um die WM gekümmert, wie es ihr Vorgänger Lula getan hatte.

Immer wieder hatte es in den vergangenen Monaten Zwist zwischen der brasilianischen Regierung und der Fifa gegeben. Ein zentrales Thema war dabei immer wieder auch die ständigen Verzögerungen bei der Fertigstellung der Stadien. Erst vor wenigen Tagen rollte im „Itaqueirão“ in São Paulo erstmals der Ball. Die zukünftige Heimmannschaft Corinthians, aktueller Klub von Ex-HSV-Star Paolo Guerrero, verlor dabei ihr Ligaspiel gegen Figueirense mit 0:1. Wichtiger als das Ergebnis war jedoch die geglückte Generalprobe der Arena. Bis zuletzt hatte der neue Fußballtempel in der östlichen Peripherie der brasilianischen Wirtschaftsmetropole einer riesigen Baustelle geglichen.

Nichts schien fertig an dem Ort, wo am 12. Juni der Weg der Seleção beginnen soll, der, so hoffen die Brasilianer, am 13. Juli in Rio de Janeiro mit dem Gewinn des sechsten WM-Titels endet. Überall liefen Arbeiter in gelben und blauen Overalls eifrig umher. Sie verlegten Pflastersteine und breiteten Grassoden aus. Die Bäuche der Betonmischer rotierten unaufhörlich. Kräne hievten Stahlträger in die Höhe. Durch die Luft schallte der Lärm von Schweißgeräten und Hammerschlägen.

Eigentlich hätte der Neubau schon Ende 2013 abgeschlossen sein sollen. Doch zwei tragische Unfälle mit insgesamt drei Toten hatten die Bauarbeiten weit zurückgeworfen.

In Salvador da Bahia sind die Demonstranten mittlerweile an einer Kreuzung zum Stehen gekommen. Von allen Seiten haben sich ihnen Polizisten in den Weg gestellt. Schlagstöcke und Pfefferspraydosen hängen am Gürtel der Beamten. Die Botschaft ist eindeutig: Bis hier, und nicht weiter! Das Stadium „Fonte Nova“ ist in Sichtweite. Erreichen werden es die Protestler nicht.

Brasiliens Sicherheitskräfte haben ihre Lehren aus den gewalttätigen Massenprotesten im vergangenen Jahr gezogen. Sie sind gut vorbereitet – das wird an diesem Abend deutlich. Die brasilianische Regierung verspricht eine sichere WM. Während des Turniers sollen 170 000 Polizisten, Soldaten und private Sicherheitskräfte im Einsatz sein.

Die Drohkulisse der in Reih und Glied aufmarschierten Polizisten zeigt Wirkung. „Viele Brasilianer haben Angst, auf die Straße zu ziehen“, sagt Almeida. Das sei einer der Gründe, warum an den Märschen zuletzt nur einige tausend Menschen teilgenommen hätten.

Am Rande des Confed Cups waren es landesweit noch Millionen gewesen. Damals hatte eine Fahrpreiserhöhung im öffentlichen Verkehr um wenige Cent das Fass zum Überlaufen gebracht. Ein ähnlicher Auslöser, der die Menschen erneut in Scharen auf die Straße treibt, fehlt derzeit. Kurz vor WM-Beginn scheint der Protestbewegung nun jedoch der Schwung etwas abhanden gekommen zu sein.

Marcel Chagas Merguizo, Sportjournalist bei der renommierten Tageszeitung „Folha de Sao Paulo“, hat einen weiteren Grund für die nachlassende Mobilisierung ausgemacht: „Der normale Bürger sympathisiert zwar durchaus mit den Zielen der Protestbewegung. Allerdings haben auch viele die Gewalt satt, die oft bei den Märschen zu beobachten ist. Das schadet der Bewegung.“ Immer wieder mischen sich Gruppen von maskierten und gewaltbereiten Anarchisten, die sogenannten „black blocs“, unter die heterogenen Bewegung von WM-Gegnern.

Auch an diesem Abend sind sie wieder da. Plötzlich stürmt eine Gruppe vermummter Jugendlicher heran. Die schwarzen Tücher über ihren Gesichtern haben nur schmale Schlitze für die Augen. Ein Junge setzt sich vor das Polizeiaufgebot und hält ein Schild in die Höhe: „Vem pra rua!“ – „Geht auf die Straße!“ Neben ihm sitzt ein Mädchen. Ihr Slogan lautet: „Ich könnte töten oder ich könnte stehlen – aber die Regierung ist mir zuvorgekommen.“

Anders als zur gleichen Zeit in São Paulo, wo Polizisten Tränengas und Gummigeschosse einsetzten, eskaliert die Situation in Salvador da Bahia nicht. Nach kurzer Zeit löst sich die Demonstration auf. Die wütend hupenden Autofahrer haben wieder freie Fahrt.

Wird Brasilien am Ende doch ein rauschendes Fußballfest erleben? Fifa-Boss Blatter glaubt jedenfalls, dass die Proteste letztlich zu einer Randnotiz verkommen: „Wenn der Ball erst einmal rollt, wird in Brasilien ein Klima von Samba und Rhythmus herrschen.“

Marcel Chagas Merguizo rechnet ebenfalls mit fröhlichen Spielen. Zwar herrsche momentan noch keine große Euphorie. Ab Juni werde sich das aber ändern. „Das ganze Land malt sich in den Nationalfarben Grün und Gelb an, um die Spiele der Seleção zu verfolgen. Das ist immer so bei einer WM und das wird in diesem Jahr nicht anders sein“, sagt er. Almeida ist sich nicht sicher. Es sei schwer zu sagen, wie die WM verlaufen werde. Er und seine Mitstreiter werden auf jeden Fall weiter demonstrieren – auch während der Titelkämpfe. Friedlich. Für eine gerechtere WM.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen