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Geesthacht : Winter 1995/1996: So schön war das Eisvergnügen auf der Elbe

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Tausende Menschen konnten über die Elbe laufen. In Geesthacht brach eine regelrechte Goldgräberstimmung aus.

Geesthacht | Dieser Tage jährt sich ein für viele Menschen in der Region unvergessenes Spektakel: Vom 3. bis 10. Februar 1996 konnte man zu Fuß über die Elbe laufen. Von Tesperhude nach Tespe. Wo sonst der 300 Meter breite Fluss die Menschen an beiden Ufern trennt, verbanden damals dicht an dicht zusammengeschobene Eisschollen Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Tausende spazierten am 9. und 10. Februar während eines Eisvergnügens mit Budenzauber über den zugefrorenen Fluss und erlebten unvergessliche Momente.

Der Winter 1995/1996 schrieb Geschichte – er war deutlich kälter als die langjährigen Mittelwerte, wie Meteorologen später auswerteten. Und das Winterwetter machte vor Geesthacht nicht halt. Vor allem von der Nordseeküste einmal quer durch den Norden und Osten schlugen Minustemperaturen rekordverdächtig zu. 50 sogenannte Eistage, an denen die Temperatur unter Null Grad liegt, wurden registriert. Üblich sind sonst 20.

Schuld daran war das Tief „Ilona“, das sibirische Kälte in den Norden strömen ließ. Von Mitte Januar an war es meistens klirrend kalt, die Nächte hatten oft zweistellige Minuswerte. Dann bildet sich auf der Elbe sogenanntes Grundeis, das vom Grund aufsteigt und als Schollen an der Wasseroberfläche schwimmt. Ist es lange sehr kalt, kommt immer neues Eis hinzu, das aneinander friert und irgendwann stehen bleibt.

„Augen zu und durch“

„Tesperhude erlebte einen Ansturm wie sonst nur im Sommer“, schrieben die Zeitungen am Montag nach dem Spektakel an der Elbe. Was den Hamburgern ihr Alstervergnügen auf dem zugefrorenen Binnengewässer war, war für die Menschen in der Region das Eisvergnügen auf der Elbe. „Eigentlich hatte ich Angst und wollte nicht da rüber gehen, die Schollen waren ja ziemlich übereinander geschoben und da ich schwanger war, war da natürlich die Angst zu stolpern oder auszurutschen“, erinnert sich Manuela Völzke aus Grünhof an die Situation vor 21 Jahren. „Aber wann hat man mal die Gelegenheit das zu tun? Würde das Baby es selber irgendwann mal tun können? Also Augen zu und durch“, berichtet sie von der seit dem nie wieder da gewesenen Gelegenheit, über den Fluss gehen zu können.

Um die Menschenmassen am und auf dem Fluss versorgen zu können, herrschte unter vielen Geesthachtern regelrechte Goldgräberstimmung. Günstig beschafft wurden Glühwein und Bratwurst mit satten Gewinnen verkauft. „Es war ja keine offizielle Veranstaltung, schon gar nicht war der Weg über die Elbe offiziell freigegeben. Aber es war ein riesiges Spektakel und wir hatten zahlreiche Anfragen von Geesthachtern, ob man einen Ausschank anbieten könnte“, weiß Sabine Erdmann vom städtischen Ordnungsamt.

<p>Am Elbufer wurde Glühwein ausgeschenkt - 20 Mark kostete eine Ausschank-Erlaubnis.</p>

Am Elbufer wurde Glühwein ausgeschenkt - 20 Mark kostete eine Ausschank-Erlaubnis.

Foto: Timo Jann
 

20 Mark kostete eine Ausschank-Erlaubnis für Getränke, 40 Mark waren fällig, wenn man auch Speisen verkaufen wollte. „Wir haben damals Gestattungen verteilt, die aber keinen Verkauf auf dem Eis erlaubten. Die Stände mussten am Ufer stehen“, erinnert sich Sabine Erdmann. Und so wurden neben dem damaligen Minigolfplatz (heute Elbkantinchen) am Strandweg Stände zum privaten Glühwein- und Bratwurst-Verkauf aufgebaut. „Ich hab da damals am Stand meiner Schwester geholfen“, erklärt Axel Brinkmann, heute Chef des gleichnamigen Autohauses an der Steinstraße. „Es war lausig kalt, aber ein wirklich tolles Ereignis“, berichtet er. „Gefühlt wollte irgendwie jeder mal über die Elbe laufen“, erinnert sich Brinkmann.

Das Ordnungsamt erließ eigens eine veränderte Verkehrsführung, um den Besucheransturm irgendwie lenken zu können. Die geparkten Autos hatten Kennzeichen aus ganz Norddeutschland.

1962 konnten Autos über die Elbe fahren

Am 12. Februar starteten schließlich die in Geesthacht stationierten Eisbrecher des Wasser- und Schifffahrtsamtes mit dem Eisaufbruch. Für den ersten Kilometer oberhalb von Krümmel benötigten „Büffel“, „Wisent“ & Co. eine Stunde. 40 Zentimeter dick war das aufzuknackende Eis. Zuvor war die Schifffahrt bereits Mitte Januar eingestellt worden, weil immer mehr Treibeis den Fluss für Binnenschiffe unpassierbar machte. Von beiden Ufern waren anfangs gut 100 Meter von Eis bedeckt und zum Stillstand gekommen, mittig der Elbe war nur noch ein schmaler Streifen in Bewegung. Schließlich stoppte das Eis komplett. Unterhalb des Kernkraftwerkes Krümmel, das damals in Betrieb war und aus dessen Kühlanlagen erwärmtes Elbwasser wieder in den Fluss abgegeben wurde, schmolz das Eis. Zwischen Krümmel und Tesperhude befand damals sich eine Abbruchkante – auf einer Seite Wasser, auf der anderen dickes Packeis. Elbaufwärts staute sich das Eis 230 Kilometer weit bis Magdeburg. Es dauerte Wochen, ehe das Eis geknackt war.

1962 – damals gab es weder das Kernkraftwerk noch die Geesthachter Elbbrücke – konnte man über den komplett zugefrorenen Fluss sogar mit dem Auto fahren. Am Fähranleger an der Elbuferstraße hinter dem heutigen Freizeitbad kassierte der Fährmann – der eisbedingt nicht mit seiner Fähre übersetzen konnte – die Passagegebühr.

1987 sorgte die Natur ebenfalls für ein Schauspiel: Es kam zu einem Eisstau auf der Elbe Höhe Ochsenwerder, Pioniere der Bundeswehr sprengten das Eis damals, nachdem sich hinter der Barriere ein gefährliches Hochwasser gebildet hatte. Auf der überfluteten Elbuferstraße in Krümmel schwammen damals Schwäne, ein Hausboot war auf die Straße gedrückt worden.

Unterhalb des Stauwehrs saß 1993 der Eisbrecher „Bison“ eine Woche lang im Packeis fest, als die Spezialschiffe dort den Eisabfluss gewährleisten sollten und es für den „Bison“ plötzlich weder vor noch zurück ging.

Den letzten starken Eisgang auf der Elbe gab es im Februar 2012: Damals setzte sich abrupt ein 40 Kilometer langer Eisabschnitt in Bewegung und richtete unter anderem an der Tesperhuder Seebrücke schwere Schäden an.

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erstellt am 08.Feb.2017 | 20:56 Uhr

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