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Schleswig-Holstein

21. November 2017 | 13:19 Uhr

Windkraftanlagen offiziell lauter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Mühlen werden immer höher – eine neue Rechenmethode berücksichtigt das und macht den Ausbau der Öko-Energie komplizierter

Dem ohnehin schon in der Bredouille befindlichen Windkraft-Ausbau in Schleswig-Holstein steht eine weitere Hürde ins Haus: Die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI) hat eine neue Methode festgelegt, um die Schallausbreitung von Windrädern zu berechnen. Dadurch werden sich „tendenziell die Immissionspegel gegenüber dem bisherigen Rechenansatz erhöhen“, sagt Experte Martin Pohlmann aus der Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft in Potsdam auf Anfrage. Je höher die Lärmprognose ausfällt, desto schneller sind die Grenzwerte erreicht, die ein Investor einhalten muss. Sonst – so sieht es das Bundes-Immissionsschutzgesetz vor – kann das jeweilige Bundesland keine Genehmigung erteilen oder allenfalls mit Einschränkungen, etwa indem nachts oder bei viel Wind die Flügel stillstehen müssen.

Die neue Formel reagiert auf das rasante Höhenwachstum der Anlagen. Das neue Verfahren erlaube eine realistischere Prognose der Geräuschbelastung hochliegender Schallquellen, begründet die LAI den Kurswechsel. Die bisher gängige Berechnungsmethode habe auf 30 Meter hohen Mühlen beruht. Schon lange liegt der Durchschnitt in Schleswig-Holstein bei 100 Metern. Und von den neu aufgestellten Anlagen sind fast alle mindestens 150 Meter hoch.

Mit dem Verwaltungsgericht Düsseldorf hat Ende September erstmals die Justiz die neue Rechenmethode als aktuellen, bei Genehmigungen anzuwendenden Stand der Technik eingestuft. „Es ist beabsichtigt, die Hinweise der Arbeitsgemeinschaft in Schleswig-Holstein eins zu eins umzusetzen“, kündigt denn auch eine Sprecherin des Kieler Umweltministeriums an. Ein entsprechender Erlass sei in Vorbereitung. „Damit wollen wir den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung tragen. So wird der Lärmschutz im Land besser.“ Nach Auskunft aus dem Ressort von Grünen-Minister Robert Habeck soll das neue Verfahren nicht nur auf künftige, sondern auch bestehende Anlagen angewandt werden. Erkennbar schwer tut man sich in der Landesregierung, das Ausmaß der Folgen abzuschätzen. „Pauschal lässt sich das nicht vorhersagen“, äußert Habecks Sprecherin. Bei Neubauten hänge es „zum Beispiel davon ab, ob und welche Windkraftanlagen im Umfeld bereits stehen oder wie viele geplant sind und welchen Typs.“ Bei vorhandenen Mühlen könne es „möglicherweise Änderungen geben, etwa Auflagen zum schallreduzierten Nachtbetrieb oder andere Maßnahmen“. Mit Umplatzierungen von Anlagen rechne man nicht.

Die Vorsitzende des Windkraftkritiker-Bündnisses Gegenwind SH, Susanne Kirchhof, wertet das neue Rechenmodell als „ersten Schritt in die richtige Richtung, um den hörbaren Schall realistischer zu bewerten. Kirchhof erinnert daran, dass die frühere Landesregierung ihr noch „Einbildung“ vorgehalten habe, als sie eine genauere Ermittlung des Schalls gefordert hatte. Tieffrequenter Schall und Infraschall, kritisiert Kirchhof, würden bei den Genehmigungen jedoch nach wie vor nicht ausreichend berücksichtigt.

Beim Bundesverband Windenergie (BWE) übt man sich in Galgenhumor, wenn es um die strengere Berechnungsmethode geht. „Wo ohnehin kaum etwas gebaut wird, kann auch kein Schall gemessen werden“, sagt BWE-Sprecherin Jana Lüth. Sie spielt darauf an, dass es im Land derzeit keine gültigen Regionalpläne für Windkraft gibt. Das Oberverwaltungsgericht hatte sie wegen rechtlicher Fehler gekippt. Seit dem Regierungswechsel unterzieht die Jamaika-Koalition die Entwürfe für neue Pläne einer weiteren Prüfung und rechnet mit grünem Licht erst 2019.

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