Erneuerbare Energien : Windkraft in Deutschland soll vervierfacht werden

Precision Farming: Das Landesamt für Vermessung und Geoinformation stellt in einer dreijährigen Testphase ein Satellitenkorrektursignal für Landwirte in Schleswig-Holstein zur Verfügung.

Zwei Prozent der Flächen Schleswig-Holsteins sollen bis 2025 der Windkraft zur Verfügung gestellt werden.

Regierungsberater fordern stärkeren Ausbau von Ökostrom – und einen neuen Anlauf für unterirdische CO2-Speicher.

shz.de von
04. Juni 2018, 18:44 Uhr

Keine Autoabgase mehr, keine Kohlekraftwerke, keine Ölheizungen: Deutschland will in den nächsten drei Jahrzehnten ein fast emissionsfreier Industriestaat werden – doch um das zu schaffen, muss die Bundesregierung die erneuerbaren Energien viel stärker ausbauen als bisher geplant. Zudem soll sie einen erneuten Anlauf für das umstrittene unterirdische Speichern von Kohlendioxid nehmen. Das geht aus der neuen Leitstudie zur Energiewende hervor, die die Deutsche Energieagentur Dena heute veröffentlicht.

Die von vier Bundesministerien getragene Dena hat darin untersucht, wie sich der Energieverbrauch hierzulande bis 2050 entwickelt – und welche Schritte gleichzeitig nötig sind, damit Deutschland den Ausstoß von Treibhausgasen so weit senken kann, dass es sein Klimaschutzziel erreicht. Bis 2050 sollen die CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990 um 80 bis 95 Prozent senken. Bei einer Fortführung der jetzigen Politik misslänge das: Deutschland käme nur auf 62 Prozent, hat die Dena ermittelt.

Deshalb und weil der Bund nach Überzeugung von Dena-Chef Andreas Kuhlmann wegen Zusagen im Pariser Klimaschutzvertrag gleich 95 statt nur 80 Prozent Reduktion anpeilen soll, fordern er und seine Leute, den Windstrom trotz wachsender Proteste auf fast das Vierfache von heute auszubauen. So müsse die Windkraftleistung auf See von derzeit 5 Gigawatt auf rund 30 steigen, die an Land von 50 Gigawatt auf rund 175. Fast drei Prozent der deutschen Landfläche würde dann für Windräder gebraucht. „Die benötigten Flächen“, mahnt Kuhlmann, „müssen in den Bundesländern auch wirklich zur Verfügung stehen.“

In Schleswig-Holstein plant der grüne Energieminister Robert Habeck bisher nur auf zwei Prozent der Fläche mit Rotoren. Die Windkraftleistung im Land soll so in den nächsten sieben Jahren von 7 Gigawatt auf 10 steigen. Obwohl dieser Beitrag aus dem Norden laut Dena-Rechnung mit Blick auf 2050 zu klein ist, hält Habeck seine Pläne erst mal für ausreichend: „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Nun sind zunächst andere Länder gefordert, deutlich mehr Windflächen bereitzustellen.“

Um auch Industrieabgase bis 2050 genügend senken zu können, hält die Dena außerdem das in Deutschland bisher gescheiterte unterirdische Speichern von Kohlendioxid, kurz CCS, für nötig. Geeignete Lagerstätten liegen vor allem in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Brandenburg. Zwar räumt die Dena ein, dass es „in der Bevölkerung Vorbehalte gegenüber der Technologie“ gibt. Doch wäre der Beitrag von CCS zum Erreichen des Klimaziels „erheblich“, rechnet Dena-Präsident Kuhlmann vor: „Die Rest-Emissionen des Industriesektors in 2050 würden um 38 Prozent sinken“. Habeck lehnt die Technik trotzdem ab: „Eine Verpressung von abgeschiedenem CO2 im Untergrund kommt in Schleswig-Holstein nicht in Frage und ist gesetzlich untersagt.“

Zumutungen für den Norden

Ein Kommentar von Henning Baethge

Die gute Nachricht zuerst: Das deutsche Klimaschutzziel ist erreichbar – der Traum von einer fast völlig abgasfreien Industrienation kann 2050 wahr werden. So steht es in einer neuen Studie der Deutschen Energieagentur Dena. Die schlechte Nachricht der Regierungsberater: Der Weg zum emissionsarmen Land wird noch schwieriger als gedacht.

Selbst wenn die Politik den jetzigen Ausbaukurs bei den erneuerbaren Energien konsequent fortsetzen würde, wäre das bei weitem nicht genug. Nötig ist vielmehr ein deutlich stärkerer Ausbau von Wind- und Sonnenkraft, mehr Energie-Effizienz, bessere Technik in Gebäuden und neue, künstliche CO2-freie Kraftstoffe. Selbst einen erneuten Anlauf für das unpopuläre unterirdische Speichern von Kohlendioxid, kurz CCS, fordert die Dena.

Nicht zuletzt in Schleswig-Holstein drohen daher in den nächsten drei Jahrzehnten Zumutungen. CCS ist hier besonders unbeliebt, auch die Windkraft stößt auf immer mehr Protest. Das Land wird schon sein jetziges Ziel nur schwer erreichen, bis 2025 zwei Prozent der Flächen für Windräder bereitzustellen. Wie soll es erst werden, wenn fast drei Prozent für Rotoren gebraucht werden, wie es die Dena will? Genau: Sehr hart. Aber die Folgen einer starken Erderwärmung würden noch härter.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen