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Tiere fühlen sich sauwohl : Wildschweine lassen in Schleswig-Holstein die Sau raus

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Schleswig-Holstein gab es bis 1939 nur im Herzogtum Lauenburg ein paar Wildschweine. Inzwischen haben die Schwarzkittel fast das gesamte Land zurückerobert und machen an den Stadtgrenzen nicht halt.

Gedrungener Körper, ein dichtes Borstenfell, knapp ein Meter Risthöhe und stattliche 180 Kilo Lebengewicht – Wildschweine sind echte Pfundskerle und die Schwarzkittel entdecken immer mehr den Echten Norden. So wurde im Kreis Schleswig-Flensburg nach Informationen des Landesjagdverbandes im Jagdjahr 2005/2006 kein einziges Wildschwein geschossen, 2013/2014 waren es bereits 111.

Landesweit brachten die Jäger im abgelaufenen Jagdjahr rund 13.900 Tiere zur Strecke, wie der Landesjagdverband am Mittwoch in Flintbek (Landkreis Rendsburg-Eckernförde) mitteilte. Das waren knapp 4700 mehr als in der vorangegangenen Saison. „Das ist zwar kein Rekordwert, aber ein deutlicher Anstieg“, sagte der Sprecher des Landesjagd-Verbandes, Marcus Börner. Höhere Abschusszahlen gab es nur in den Jahren 2008/2009.

Mit Ausnahme der Marschgebiete, Teilen der Eider-Treene-Niederung und Nordfriesland sind die Allesfresser inzwischen überall in Schleswig-Holstein heimisch. Dabei waren Wildschweine im 18. Jahrhundert in Deutschland fast völlig ausgerottet. Noch 1939 gab es hier im Land nur Herzogtum Lauenburg einige wenige Rotten. Für den rasanten Drang der Schwarzkittel in Richtung Dänemark hat Börner eine einfache Erklärung: den zunehmenden Maisanbau für die Biogasanlagen. „Sie finden dort Deckung und Nahrung“, sagte er. Auch für den Deutschen Jagdverband (DJV) hat „unter anderem der Wandel in der Energiepolitik dazu geführt, dass auf mittlerweile zehn Prozent der Bundesfläche Mais und Raps angebaut werden – 26 Mal mehr Nahrungsquelle und Lebensraum als in den 1990er Jahren.“

Um das Problem zu lösen, könnte man nun nur nach den Jägern rufen: Deren Aufgabe sei es schließlich, die Wildbestände zu regulieren. Einfach gesagt, schwierig getan. Denn Wildschweine sind, um im Bild zu bleiben, sauschwer zu bejagen. „Das ist tatsächlich eine Herausforderung“, bestätigt Marcus Börner. Denn erstens sind die Tiere dämmerungs- und nachtaktiv, treten also bei Tageslicht eher selten in Erscheinung. Zudem bieten ihnen bestimmte Nutzpflanzen, allen voran der dichte und hohe Mais, nicht nur eine gute Nahrungsquelle, sondern auch optimale Deckung.

Jetzt, wo im Schleswig-Holstein der Beginn der Hauptjagdsaison mit dem der Maisernte zusammenfällt, dürfte im wahrsten Sinne des Wortes Bewegung in die Sache kommen – das heißt verstärkt das Halali auf Wildschweine geblasen werden. „Die Drückjagdsaison zwischen Oktober und Januar bietet Jägern die wohl effektivste Maßnahme, um Wildschweinbestände zu reduzieren“, heißt es beim DJV.

„Erntejagd“ wird die Strategie genannt, sich während des Erntevorgangs am Feldrand zu postieren in der Erwartung, flüchtende Tiere vor die Flinte zu bekommen. Auch in den Tagen nach Abzug des Häckslers seien die Chancen gut für die Jäger, weiß Marcus Börner. Denn die Wildschweine sind zunächst desorientiert und kehren nicht selten erst einmal auf das abgeerntete Feld zurück – nicht zuletzt, um dort liegengebliebene Maiskolben zu fressen.

Der Aufwärtstrend betrifft jedoch nicht diese Wildtierart allein, sondern auch anderes Schalenwild wie zum Beispiel Hirsche. „Das ist eine europaweite Entwicklung“, sagt der Pressereferent des Landesjagdverbandes. Als mögliche Ursache rückt, wie bei anderen starken Veränderungen in der Natur in jüngster Zeit, der Klimawandel immer stärker in den Fokus. In der Tat haben Forscher des Institutes für Wildtierkunde und Ökologie der veterinärmedizinischen Universität Wien anhand von Langzeitdaten aus zwölf europäischen Ländern belegen können, dass gerade Wildschweine vom weltweiten Temperaturanstieg, besonders von den warmen Wintern, profitieren.

Ein Faktor ist zudem die Zunahme der sogenannten Mastjahre, also eine besonders ergiebige Produktion von Samen und Früchten wie Eicheln und Bucheckern, seit den 1980er Jahren. Denn diese sichern den Tieren selbst im Winter Futter im Überfluss. Das gilt nach Beobachtungen von Marcus Börner auch für Schleswig-Holstein: „Mittlerweile erleben wir solche Zeiten fast alle zwei Jahre.“

Weil sich die Schweine in Schleswig-Holstein mittlerweile überall sauwohl fühlen, lassen sie auch immer öfter in Städten die Sau raus. In den Lübecker Stadtbezirken Karlshof und Israelsdorf beschweren sich verstärkt Anwohner über Wildschweine. Die Tiere kommen bis in die Gärten, verwüsten die Rasenflächen und machen sich über Äpfel, Birnen und Pflaumen her. Stadtjäger Christoph Benett hat bereits 15 bis 20 Wildschweine gezählt, die regelmäßig in der Stadt unterwegs sind.

2012 marschierte drei unternehmungslustige Schwarzkittel gar mitten durch Hamburg und wurden liebevoll „City-Schweine“ getauft. Weniger liebevolle Begriffe verwenden die Mitglieder von Gartenanlagen oder Sportvereinen, deren Rasenflächen regelmäßig „umgepflügt“ werden. Selbst vor Friedhöfen machen die Schwarzkittel nicht mehr Halt.

Und die jetzige „dunkle“ Jahreszeit bringt noch andere Gefahren durch die Tiere. Vor allem weil an diesem Wochenende die Sommerzeit endet und die Uhren um eine Stunde zurückgestellt werden, verstärke sich der Feierabendverkehr gerade in der Dämmerung. Genau dann seien aber auch Wildschweine und andere Wildtiere besonders aktiv: Sie verlassen bei Einbruch der Dämmerung ihre Deckung und gehen auf Nahrungssuche.

Der Zusammenprall mit einem Wildschwein knapp 200 Kilogramm Lebendgewicht kann für alle Beteiligten tödlich ausgehen – für die Insassen des Autos und das Tier. Besondere Vorsicht gelte auf Straßen, die durch Wälder führen oder an Waldrändern entlang verlaufen, warnt deshalb die Deutsche Wildtier Stiftung. Laut Statistik verenden in Deutschland jährlich etwa 230. 000 Wildschweine, Rehe oder Hirsche im Straßenverkehr. Dabei werden im Durchschnitt rund 3000 Menschen verletzt und 27 Menschen getötet.

 

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erstellt am 25.Okt.2015 | 12:38 Uhr

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