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Naturschutz im Kreis Segeberg : Wildbrücke lenkt Tiere auf die Straße

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Gut gemeint, aber gefährlich? Eine Grünbrücke über die A20 im Kreis Segeberg wird zur Zielscheibe von Jägern und Naturschützern. Sie kritisieren den Standort des Bauwerks – und fordern ein Tempolimit zum Schutz vor Unfällen.

shz.de von
erstellt am 26.Feb.2014 | 12:30 Uhr

Strukdorf/Segeberg | Das kommt nicht oft vor – dass Naturschützer Grünbrücken kritisieren. Ist aber so im Fall der A20 bei Strukdorf im Kreis Segeberg. Vorweg: Grünbrücken sind etwa 50 Meter breit, sind bepflanzt, und sie führen in der Regel über eine Autobahn. Der Sinn: Die Tiere sollen gefahrlos die ihren Lebensraum trennende Autobahn überqueren können. Doch aus Sicht des Naturschutzbeauftragten des Kreises Segeberg, Hans Peter Sager (75), bringt  die Grünbrücke Hainholz  bei Strukdorf das Wild eher in Gefahr. Denn nur 60 Meter weiter südlich verläuft hier die ehemalige B206, heute eine Kreisstraße. „Eine gut ausgebaute und eine gefährliche Straße“, sagt Sager. Genau auf diese aber würden die Tiere durch die Grünbrücke gelenkt.

Die Bilanz des Jagdgenossenschaftspächters Wilfried Henck (71) aus Strukdorf bestätigt die Kritik des Naturschutzbeauftragten. „Die Wildunfälle in diesem Bereich sind mehr geworden“, sagt Henck. Seit Beginn dieses Jagdjahres im April habe es nahe der Grünbrücke auf der Kreisstraße zehn Rehe, zweimal Damwild und vier Wildschweine erwischt.

Vor sieben Jahren bereits wurde die Wildbrücke bei Strukdorf für 2,4 Millionen Euro errichtet. Das Teilstück der Autobahn20 zwischen Lübeck und Geschendorf (Kreis Segeberg) wurde allerdings erst 2009 freigegeben. In der Folge wurde die südlich davon parallel verlaufende alte Bundesstraße 206 zur Kreisstraße 115 herabgestuft.

Aus Sicht von Sager wäre eine Wildbrücke wünschenswert gewesen, die nur 400 Meter weiter östlich die A20 und die heutige Kreisstraße115 gleichzeitig überspannt – und an dieser Stelle damit zudem zwei Waldflächen miteinander verbindet. Dass dies „vielleicht zu aufwendig“ gewesen wäre, „das kann ich  ja  noch einsehen“, sagt der Naturschutzbeauftragte. Jetzt aber, wo die Grünbrücke halt stehe, müsse wenigstens die Geschwindigkeit auf der Kreisstraße auf 70 Stundenkilometer begrenzt und unbedingt vor Wildwechsel gewarnt werden, fordert Sager.

„Gefühlt wird hier bis zu 150 Stundenkilometer schnell gerast“, sagt Jagdpächter Henck. Nach seinen Angaben passieren im Bereich der Grünbrücke Hainholz bis zu 2000 Fahrzeuge täglich die Kreisstraße. „Diese Zahl erscheint mir  dann doch zu hoch gegriffen“, sagt dazu Jens Sommerburg, Leiter der Niederlassung Lübeck des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein. Die Verkehrsmenge auf der alten B 206 falle kaum noch ins Gewicht im Vergleich zu früheren Zeiten, als es die A20 noch nicht gab. „Damals hatten wir 15.000 bis 16.000 Fahrzeuge täglich“, macht Sommerburg deutlich. Mit Blick auf den geringeren Verkehr und die Entlastungswirkung der A20  sei die  Straße zudem von seinerzeit knapp elf Meter Breite auf nunmehr 6,50 Meter angepasst worden.

Gleichwohl sei die Wildunfall-Gefahr damit eben keineswegs gebannt, hält  Henck dagegen. Zumal inzwischen entlang der heutigen Kreisstraße etwa sechs Hektar neuer Wald angelegt worden seien. Dieser locke noch mehr Tiere an, die Gefahr des Wildwechsels werde damit sogar noch erhöht. Wie der Kreisnaturschutzbeauftragte fordert der Jagdpächter ein Tempolimit und Wildwechsel-Warnschilder.

Dazu könnte es möglicherweise bald kommen. Nach Angaben von Michael Krüger, Leiter der Verkehrsaufsicht des Kreises Segeberg, dürfen neue Verkehrszeichen angeordnet werden, wenn sie „zwingend erforderlich sind“. Für Wildwechsel heißt dies: „Fünf bis sechs Wildschäden auf einer Strecke von einem Kilometer“, so Krüger. Sein Signal an Sager und Henck: „Wenn wir die Zahlen erhalten, dann werden wir über eine ergänzende Beschilderung  – also Tempo 70 und Wildwechsel – nachdenken.“

Zehn Rehe, zweimal Damwild und vier Wildschweine als Verkehrsopfer  – sobald  das Jagdjahr  am 31. März zu Ende ist,  wird Henck die Wildunfall-Zahlen präsentieren.

Grünbrücken im Norden
Mittlerweile sind nach Angaben des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr drei Grünbrücken in Schleswig-Holstein errichtet worden: Über die A21in Kiebitzholm bei Negernbötel (Kreis Segeberg) wurde  bereits 2005 eine Grünbrücke für etwa 2,5 Millionen Euro fertiggestellt. Die Grünbrücke Hainholz über die A20 zwischen Strukdorf und Langniendorf (Kreis Segeberg) wurde 2007 für 2,4 Millionen Euro errichtet. 6,4 Millionen Euro kostete die bei laufendem Autobahn-Betrieb im Jahr 2012 fertiggestellte Wildbrücke über die A24 bei Gudow-Segrahn (Kreis Herzogtum Lauenburg). Eine weitere Wildquerung ist an der A21 bei Stolpe (Kreis Plön) kurz vor der Vollendung – in diesem Fall  aber handelt es sich   um einen geräumigen Grüntunnel. Weitere Wildbrücken in Schleswig-Holstein sind geplant – und zwar  im Falle des Weiterbaus  der A20 westlich von Bad Segeberg bei Todesfelde und bei Mönkloh, darüber hinaus  soll es Grünbrücken im Verlauf des sechsspurigen Ausbaus der  A7 bei Brokenlande südlich von Neumünster und bei Bad Bramstedt geben.
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