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Freiwillige Feuerwehr : Wie es Treia gelang, die Feuerwehr wieder hip zu machen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Freiwillige Feuerwehr Treia hat ein Drittel neue Mitglieder in einem Jahr hinzu gewonnen.

shz.de von
erstellt am 24.Apr.2017 | 09:59 Uhr

Treia | Lena Albertsen muss sich noch zurechtfinden. Schließlich ist die 22-Jährige erst seit knapp zwei Wochen bei der Freiwilligen Feuerwehr in Treia (Kreis Schleswig-Flensburg) dabei. Und als sie fürs Foto zur Axt greifen soll, bekommt sie fast einen Lachkrampf. „Ich will mich doch nur um die Jugendfeuerwehr kümmern und gar nicht Brände bekämpfen.“ Doch es sind gerade Leute wie Lena Albertsen, die Feuerwehren im Land suchen: jung, in ihrer Gemeinde verwurzelt und engagiert. „Wir brauchen jeden“, sagt Stephan Peltzer, stellvertretender Wehrführer in Treia. Vor ein paar Monaten wurde Lena Albertsen seine Nachbarin und der 48-Jährige sprach sie gleich gezielt an.

Das dritte Jahr in Folge haben die Freiwilligen Feuerwehren in Schleswig-Holstein Mitglieder hinzugewonnen. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Mitgliederzahl um 367 auf 48.649. Vor allem der große  Anteil der Frauen ist dabei bemerkenswert: 317 der Neu-Mitglieder sind weiblich. Insgesamt sind damit jetzt 4208 Frauen Mitglied in den 1350 Freiwilligen Wehren in Schleswig-Holstein.

„Bei uns muss nicht jeder vorne am C-Rohr stehen, wir brauchen auch Leute, die hinten das Wasser aufdrehen.“ Oder wie Lena Albertsen, die Soziale Arbeit an der Fachhochschule Kiel studiert und gern mit Kindern und Jugendlichen arbeitet. Aber Peltzer hat auch einen 61-Jährigen geworben, der einen Grundlehrgang als Feuerwehrmann bekommt, sich aber vor allem um Öffentlichkeitsarbeit und die Betreuung der sozialen Medien kümmert.

So hat es die Freiwillige Feuerwehr in dem 1500-Einwohner-Dorf geschafft, im vergangenen Jahr 18 neue Mitglieder zu gewinnen – fünf kamen aus der Jugendfeuerwehr, der Rest von außen. Damit liegen sie landesweit in der Spitzengruppe. Denn während Chöre, Vereine und Kirchen über Mitgliederrückgänge klagen, verzeichnet der Landesfeuerwehrverband im dritten Jahr hintereinander einen Mitgliederzuwachs.

In Treia wissen sie genau, wie es ist, wenn die Alten die Wehr verlassen und die personelle Ausdünnung droht. „Vor zwei Jahren waren wir nur noch 39 Aktive, wenn der Trend angehalten hätte, wäre es irgendwann kritisch geworden“, sagt Peltzer, der damals schon mal das Wort Pflichtfeuerwehr in den Mund genommen hat. Die muss ein Bürgermeister dann gründen, wenn eine Wehr die Sollstärke nicht mehr erreicht.

Öffentliche Übungsabende

Doch in Treia kommt es nicht mal annähernd so weit. „Uns war klar, dass wir etwas tun müssen“, sagt Peltzer, der unumwunden zugibt, dass er gern in der Zeitung steht. Er holt einen Flyer, den seine Kameraden damals an alle Haushalte verteilt haben. „Wir sind mit der Wehr rausgegangen, haben die Übungsabende einfach in die Straßen in Treia verlegt.“ Dort habe es dann Getränke und Grillwurst gegeben und mit den extra eingeladenen Anwohnern sei man schnell ins Gespräch gekommen.

So wie mit Michael Keck, der nach 20 Jahren Abstinenz wieder in eine Wehr eingetreten ist. „Viele sagen, dass sie keine Zeit dafür haben, das habe ich auch lange gedacht. Aber tatsächlich sind es vier Stunden im Monat, die man hier bei den Übungsabenden verbringt – das ist weniger als in einem Sportverein. Und man macht ehrenamtlich etwas Sinnvolles“, sagt der 41-Jährige.

Neben ihm steht Marc Schierholz, der ebenfalls nach einem öffentlichen Übungsabend eingetreten ist. „Das haben die ganz geschickt gemacht, mir gleich die Klamotten angezogen. Und wenn man die einmal an hat, dann passen die einem auch“, sagt der 45-Jährige, den aber auch ein Schlüsselerlebnis zur Wehr brachte. Pfingsten erlitt er auf einer Autofahrt eine Lungenembolie – doch schnell waren Retter bei ihm. „Denen verdanke ich mein Leben, da habe ich beschlossen, etwas zurückzugeben.“ Warum er nicht früher zur Wehr gestoßen ist? Der Familienvater weiß es nicht: „Mein Vater und mein Onkel waren Feuerwehrleute – aber meine Bruder und ich waren es nicht.“

Vielleicht braucht es diesen Anstoß von außen. Als in Treia erst ein paar neue Mitglieder in der Wehr auftauchten seien plötzlich „die Dämme gebrochen“, sagt Peltzer. „Plötzlich kamen auch von alleine immer mehr, als wenn sich das rumgesprochen hat.“ Möglicherweise hat sich das Image der Feuerwehren in den vergangenen Jahren gewandelt, und die sind in den Dörfern attraktiver geworden. Und viele Wehren haben erkannt, dass sie auf die Menschen zugehen müssen, wenn sie weiter existieren wollen.

Frauen als Zielgruppe

„Unser Konzept ist doch nichts Besonderes – und es ist auf jeden Fall auf andere Wehren übertragbar“, meint Peltzer, der noch weitere Ziele hat. „Wir haben uns für dieses Jahr vorgenommen noch mehr Frauen zu gewinnen“, sagt er. Zurzeit sind sieben von 51 Aktiven weiblich. Die Frauen seien häufiger als die Männer tagsüber im Dorf, das erhöhe die Einsatzstärke zwischen Frühstück und Abendbrot. „Wir lassen nicht nach“, verspricht Peltzer – und hat offenbar Erfolg: „Zwei neue Frauen sind dieses Jahr schon wieder bei uns eingetreten.“

Auch die 435 Jugendfeuerwehren in SH verzeichnen Erfolge: Sie haben jetzt 9761 Mitglieder. „Bei den Jugendfeuerwehren in Schleswig-Holstein ist die Zahl der Mitglieder auf Rekordniveau gestiegen. Über 500 junge Frauen und Männer sind im vergangenen Jahr aus den Jugendwehren in die aktive Wehr übergetreten. In 166 Jugendwehren machen Kinder aus geflüchteten Familien mit“, sagte Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) zu den knapp 300 Delegierten und Gästen auf der Landesfeuerwehrversammlung am Sonnabend in Bad Oldesloe. „Jeder Einzelne in den Freiwilligen Feuerwehren hat unsere Hochachtung und unseren Dank verdient. So wie Sie sich aufeinander verlassen können, so können wir uns auf die Feuerwehren verlassen“, so der Ministerpräsident. Albig stellt in diesem Zusammenhang einen Kabinettsbeschluss in Aussicht, durch den bis 2020 rund 20 Millionen Euro für die Erneuerung von Fahrzeugen des Katastrophenschutzes bereitgestellt werden sollen.

Der stellvertretende Landesvorsitzende Ralf Kirchhoff will unterdessen weitere Mitglieder gewinnen. Für Kampagnen könnten die Wehren Zweckerträge aus der Lottoförderung verwenden. „Leider ist diese Information noch nicht bis in alle Wehren gedrungen“, so Kirchhoff. „Dabei schlummern vor Ort viele tolle Ideen, die es zu fördern  gilt.“ Auch Flüchtlinge wolle man mittels spezieller Programme integrieren. 9761 Brände bekämpften die Männer und Frauen in den Wehren 2016 – 44 weniger als im Jahr zuvor. Darunter waren 1042 Großbrände, deren Zahl um 242 im Vergleich zu 2015 stieg.

Das Problem bleiben die Schlafdörfer - ein Kommentar von Kay Müller

Die Nachricht schafft Erleichterung: Im dritten Jahr hintereinander ist die Mitgliederzahl der Freiwilligen Feuerwehren im Land gestiegen. In Zeiten, in denen es immer schwieriger wird, Menschen für das ehrenamtliche Engagement in Vereinen und Verbänden zu gewinnen, ist das eine bemerkenswerte Leistung, auf die die Wehren stolz sein können.

Zurecht haben sie in den vergangenen Jahren darauf hingewiesen, dass bei anhaltendem Abwärtstrend bei den Mitgliederzahlen irgendwann die Wehren nicht mehr einsatzbereit seien und so die Gefahr für alle Menschen steigen würde.

Doch wer nun glaubt, dass die Kuh vom Eis ist, der täuscht sich. In Schleswig-Holstein gibt es viele Gemeinden, die zu Schlafdörfern geworden sind, wo bei den Wehren schon heute tagsüber kaum genügend Personal auf die Löschfahrzeuge zu bringen ist. Deswegen sollten sie weiter versuchen, mit modernen Ideen, Mitglieder zu gewinnen – auch solche, die bislang mit der Feuerwehr wenig bis gar nichts am Hut hatten. Dafür müssen sich allerdings auch einige Wehren stärker öffnen, neuen Leuten Chancen geben. Nur dann wird der Mitgliederzuwachs verstetigt. Dass er es tut, daran sollten alle ein Interesse haben.

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