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Medizin : Wie ein Flensburger Arzt Prostatakrebs in China bekämpfen will

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

25 Jahre sahen sie sich nicht. Jetzt starten ein Flensburger Arzt und sein chinesischer Kollege ein gemeinsames Projekt.

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
erstellt am 05.Jun.2016 | 10:49 Uhr

Flensburg | Es ist eine jener Geschichten, die so wohl nur das Leben schreiben kann: Vor 25 Jahren lernten sich der chinesische Austauscharzt Xie Li-Ping und der deutsche Jung-Mediziner Tillmann Loch an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel kennen – und verloren sich aus den Augen. Heute, zweieinhalb Jahrzehnte später, schicken sie sich an, gemeinsam die Geschichte der Behandlung von Prostatakrebs in China neu zu schreiben, nachdem die Technik Patienten in Schleswig-Holstein schon zugutekommt.

Schon seit vielen Jahren arbeitet der Professor des Flensburger Diakonissenkrankenhauses an einem Programm, das er früher mal „Anna“ getauft hat. Die vier Buchstaben stehen für „Artifizielle Neuronale Netzwerk-Analyse“. Die Technik soll nicht weniger, als Prostatakrebs schon dann vorherzusagen, wenn er für das menschliche Auge noch nicht sichtbar ist.

Prostatakrebs ist die dritthäufigste krebsbedingte Todesursache in Deutschland. Schleswig-Holstein ist eine der Hochburgen der Tumorerkrankung. Zwischen 1998 und 2012 war die Prostatakrebs-Rate dem Krebsregister nach zu urteilen stets eine der vierthöchsten deutschlandweit – wobei allerdings nicht aus allen Bundesländern für jedes Jahr Daten vorliegen.

Loch zog es mit der Anwendung seiner Technik nach Fernost – nach China. Der Bedarf in der Volksrepublik an derartigen Untersuchungsverfahren ist gewaltig. Zumal sich das Verfahren von Loch grundsätzlich auch auf andere Krebsarten übertragen lässt. In Hangzhou, der Hauptstadt von Schleswig-Holsteins chinesischer Partnerprovinz Zhejiang, sucht er nach einem chinesischen Arzt, mit dem er zusammenarbeiten könnte. Der in der gesamten Volksrepublik hochangesehene Urologe und Abteilungschef im medizinischen Zweig der Zhejiang Universität, auf den er stieß, war ein alter Bekannter aus Studientagen – Xie Li-Ping.

Vor drei Jahren unterzeichneten beide Mediziner eine erste Vereinbarung zur Zusammenarbeit. Damals war Loch auch erstmals in die Volksrepublik gereist. Vor wenigen Tagen nun hat ein weiteres Abkommen die Grundlage für ein deutsch-chinesisches Krebszentrum und eine deutsch-chinesische Krebsberatung mit einer Internet-Konsultationsplattform gelegt. Loch und Xie werden künftig regelmäßig in Videokonferenzen über verschiedene Fälle beraten. Die Daten der chinesischen Patienten zwischen dem Krankenhaus in Zhejiang und der Klinik in Schleswig-Holstein ausgetauscht. Obendrein hat Loch nun auch die Zulassung der chinesischen Behörde inne, um als Arzt praktizieren zu können.

„Der Krebs ist der Terrorist“

„Wir haben eine große Datenbank an Krebsbeispielen“, erklärt Loch, der sich in Schleswig-Holstein früher auch als Handballspieler einen Namen gemacht hat, das Grundprinzip der Technik. Mit diesen Beispielen werden die jeweils aktuellen Proben durch die Software abgeglichen. Der Mediziner vergleicht das Vorgehen mit der Suche nach einem Terroristen am Flughafen, den die Sicherheitsbehörden stoppen wollen, noch bevor er seine verbrecherische Tat begangen hat. „Der Krebs ist der Terrorist“, sagt Loch. Die Software errechnet dabei aufgrund der Erfahrungen früherer Beispiele, wo und wie sich bei dem jeweiligen Patienten Prostatakrebs entwickeln – oder wo eben ausbleiben – könnte. Die Genauigkeit früherer Messverfahren lässt das Ultraschall-System von Loch dabei nach eigenen Angaben hinter sich. Die Zahl der Gewebeentnahmen sinkt.

In China gilt die Technik als ein Schlüsselprojekt und wird als solches vom chinesischen Gesundheitswesen gefördert. Die Volksrepublik bietet allein aufgrund der schieren Größe der Bevölkerung auf absehbare Zeit einiges an Beschäftigung für Loch und seinen chinesischen Mitstreiter Xie. Einmal in der Woche beraten sie zu den Fällen. Zwar galt die Prostata-Krebs-Rate in der Volksrepublik in der Vergangenheit noch als eine der geringsten der Welt, doch inzwischen steigen die Zahlen deutlich an. Auch aus anderen Ländern in Fernost wird Bedarf angemeldet. Zuletzt sollen Loch zufolge so beispielsweise die Japaner Interesse an der Technologie bekundet haben.

Tumorerkrankung Prostatakrebs

Bei Prostatakrebs handelt es sich um die Krebserkrankung Nummer eins bei Männern. Die Heilung der bösartigen Tumorerkrankung hängt davon ab, wie frühzeitig das Prostatakarzinom entdeckt wird. Meist verursacht Prostatakrebs dabei erst in einem fortgeschrittenen Stadium Beschwerden. Entsprechend bleibt der Krebs oftmals für lange Zeit unentdeckt. Mehr als 60.000 Männer erkranken jährlich in Deutschland an Prostatakrebs.  Betroffen sind dabei meist Männer im fortgeschrittenen Alter. Die genaue Ursache von Prostatakrebs ist unklar. Immer wieder wird unter anderem die Ernährung als ein Faktor diskutiert. Der Flensburger Urologe Tillmann Loch sagt: „Grüner Tee soll helfen.“ Studien sprechen auch kalorien- und fettarmer Ernährung positive Effekte zu.

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