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Nordische Filmtage in Lübeck : Wie ein Filmfest Linde Fröhlich zum Ritter werden ließen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jenseits von Bullerbü, Scandi Noir und Wikinger-Mythen steckt hinter den Nordischen Filmtagen vor allem eine engagierte Frau - seit nunmehr 38 Jahren.

Der Countdown läuft. Die letzten Filme sind gesichtet, am kommenden Mittwoch (11. Oktober) wird das Programm für die fünf Festivaltage der Nordischen Filmtage verkündet, bald darauf werden sich wieder lange Schlangen vor der Vorverkaufsstelle bilden, werden tausende Besucher zu den Spielstätten pilgern.

32.000 Menschen sahen im vergangenen Jahr 185 Filme in 250 Vorführungen – nicht mehr nur in Kinosälen. Da gab es ein 360-Grad-Kino im Fulldome, der auch diesmal wieder aufgebaut wird, die Katharinenkirche wurde zur Stummfilmarena, der Innenhof des Europäischen Hansemuseums zum Schauplatz für cineastische Seestücke. Festivalleben ist Wandel. Das war schon so, als Linde Fröhlich im Winter der Schneekatastrophe kam und das gerade ins Leben gerufene Kinderfilmfest betreute.

Es war 1979, das Internationale Jahr des Kindes und damit ein bis heute andauernder Glücksfall für das Lübecker Filmfestival, das aus dem Vollen der pfiffigen skandinavischen Produktionen schöpfte. Im deutschen Kinderfilm herrschte da noch tote Hose. „Willst du meinen schönen Bauchnabel sehen?“ Linde Fröhlich lässt sich noch immer den Titel des dänischen Films von Søren Kragh-Jacobsen auf der Zunge zergehen: Da wurden junge Menschen berührt und eine ganze Generation, auch eine Generation Filmschaffender beeinflusst.

2000 Schüler zählen heute zu den Filmfestgästen, einer der acht in der Filmpreisnacht zu vergebenden Preise wird von einer Kinderjury verliehen, und wenn die Regisseure regelmäßig versichern, dass dies eine der schönsten Auszeichnungen überhaupt ist, dann klingt das authentisch.

Lübeck als Filmfeststadt: Auch ein Open-Air-Kino wird es in diesem Jahr wieder geben. Im Altstadtbad Krähenteich werden Filme zum 100. Bestehen der Republik Finnland gezeigt. NFL, Turné
Lübeck als Filmfeststadt: Auch ein Open-Air-Kino wird es in diesem Jahr wieder geben. Im Altstadtbad Krähenteich werden Filme zum 100. Bestehen der Republik Finnland gezeigt. NFL, Turné
 

In ihrem ersten Lübecker Jahr war Linde Fröhlich längst schon filmbegeistert. Ihre erste Begegnung mit nordischer Kultur war allerdings nicht eine mit bewegten Bildern, sondern die mit Büchern von Astrid Lindgren. Die Jungen und Mädchen aus Bullerbü und Kalle Blomquist waren die Helden ihrer Kindheit. „Und als ich dann in Nachbars Fernsehen die ersten Bullerbü-Filme sah, war ich enttäuscht, weil das alles ganz anders als in meiner Vorstellung war“, erzählt sie. Das war in ihrer Geburtsstadt Salzgitter, und nachhaltig war der Schock nicht. Vier Kinos habe es damals in der Stadt gegeben, erinnert sie sich. Bald hatte sie die wöchentliche Kindervorstellung in den Bann gezogen. Eintritt 50 Pfennig in fantastische Welten. Die Begeisterung blieb mit dem Umzug nach Frankfurt und beim Studium in Marburg. „Lachen, weinen – im Kino kann man machen, was man sich sonst so nicht traut“, sagt sie, „aber damals hätte ich nie gedacht, dass das ein Beruf ist.“

Zunächst stand das Studium in Marburg im Mittelpunkt: Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Politikwissenschaften. Linde Fröhlich war eine gewissenhafte Studentin und wurde ohne Umwege Diplompädagogin – für die es 1979 allerdings noch kaum Arbeitsplätze gab. Also tat sie das Naheliegende, ging zum Arbeitsamt. Hamburg, Bremen, Frankfurt hatte sie im Auge. Das Angebot aus Lübeck passte genau da hinein: „Ich kannte die Stadt, vor allem Travemünde, von Familienurlauben. Hier hab ich mich immer wohlgefühlt.“ Also kam sie. Blieb als städtische Angestellte. Und prägte die Nordischen Filmtage.

Sichten, planen und vor allem Reisen steht das Jahr über auf dem Programm der künstlerischen Leiterin. Auf mindestens fünf weiteren Filmfesten knüpft und pflegt sie Kontakte zu Filmschaffenden. Göteborg, Berlin, Cannes, Haugesund und Tallin stehen auf dem Jahresplan. Mindestens. Überall dort haben die Nordischen Filmtage einen besonderen Ruf. „Dass Filmschaffende, Filmwissenschaftler, Studenten und Zuschauer bei einem Festival aufeinandertreffen, ist nicht selbstverständlich“, sagt Linde Fröhlich. Reizvoll ist das nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Experten, die ohne Filter die Wirkung ihrer Produkte auf die Endverbraucher beobachten können – ein Kleinod, das in Lübeck zum kulturellen Alltag gehört, andernorts aber mit mehr Aufwand zur Kenntnis genommen wird.

Linde Fröhlich wurde 2012 von König Harald V. in den Stand des Ritters 1. Klasse des Königlich Norwegischen Verdienstordens erhoben; 2015 verlieh ihr Interfilm, das internationale Netzwerk für den Dialog zwischen Kirche und Film, die Ehrenmitgliedschaft. Und am NFL-Budget (700.000 Euro) beteiligt sich die EU mit Geld aus dem begehrten Creative Europe Media-Programm.

5000 bis 6000 Zuschauer erlebte Linde Fröhlich in ihren ersten Lübecker Jahren; als sie 2001 die künstlerische Leitung übernahm, waren es 15.000, und wenn vom 1. bis zum 5. November mehr als die zuletzt gezählten 32.000 Gäste kommen, dann ist das zwar nicht Ziel gewesen, wird vom Team um Linde Fröhlich aber freudig zur Kenntnis genommen. Vor allem, weil der Blick über die 59. Nordischen Filmtage hinaus ins runde Jubiläumsjahr 2018 geht. Die 60. Festspiele sollen breiter aufgestellt werden und gleich im Januar mit Filmen aus und über Lübeck starten. Und dann verrät Linde Fröhlich auch, dass momentan diskutiert wird, das fünftägige Filmfest ab November 2018 auf sechs Tage zu verlängern.

Für sie selbst wird das runde Jubiläum auf ihr 39. NFL-Jahr fallen. 2019 steht ihr eigenes rundes Festival-Jubiläum an. Und dann? „Die Vorstellung, keine Filmtage mehr zu machen, ist schwierig“, gibt die 63-Jährige zu. Den Cineasten geht es ähnlich: Kaum etwas ist so konstant wie die künstlerische Leitung der Nordischen Filmtage.

 

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