zur Navigation springen

50 Jahre „Stena Line“ in Kiel : Wie die Schweden-Fähre nach Kiel kam

vom
Aus der Onlineredaktion

Mitten auf der Ostsee wird dieser Tage gefeiert. 1967, also vor 50 Jahren, ist erstmals ein Schiff der Reederei „Stena Line“ zwischen der Landeshauptstadt Kiel und Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens, gefahren.

Kiel/Göteborg | Norddeutschland – ein fernes und spannendes Reiseziel. Das war die Idee, die der geschäftige Schwede Sten A. Olsson, Reedereigründer der Stena Line hatte, als er die Verbindung zwischen Göteborg, der zweitgrößten Stadt in Schweden und der Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein ins Leben rief. Bereits seit 1964 bediente Olsson mit seinem Schifffahrtsunternehmen die Verbindung zwischen Göteborg und Skagen, ganz im Norden Dänemarks. Mit der deutlich längeren Route nach Norddeutschland aber begab sich die damals noch junge Reederei auf unbekanntes Terrain. Und aller Anfang war schwer.

Mit rund 400.000 Passagieren und rund zwei Million Tonnen Ladung ist die Stena Line heute einer der wichtigsten Kunden des Kieler Hafens.  

Neue Strecke – neues Schiff. So in etwa muss die Devise gelautet haben. Doch gleich zu Beginn stocken die Pläne. Es gibt Probleme beim Bau der neuen Fähre. Aus diesem Grund verschiebt sich die Inbetriebnahme der Verbindung zwischen Kiel und Göteborg, für die Sten A. Olsson bereits 1964 konkrete Pläne hatte. 1966 heißt es dann aber: Wasser unterm Kiel des neuen Fährschiffes. Die „Stena Germanica“ läuft auf der Langesund Mekaniske Verksted im norwegischen Langesund vom Stapel. 110,80 Meter lang und 18 Meter breit mit Platz für 1301 Passagiere, 15 Lkw und 200 Pkw – so der Steckbrief des Neubaus.

Anfang einer Erfolgsgeschichte: Die neue Fährverbindung zwischen Schleswig-Holstein und der Westküste von Schweden wird der Öffentlichkeit präsentiert. 

Anfang einer Erfolgsgeschichte: Die neue Fährverbindung zwischen Schleswig-Holstein und der Westküste von Schweden wird der Öffentlichkeit präsentiert. 

Foto: Stena Line
Die Geschichte der Stena Line

1939
Sten Allan Olsson startet sein erstes eigenes Unternehmen: Sten A. Olssons Metallprodukter (Stena Metaller). Dieser kleine Altmetallhandel ist Ausgangspunkt für den Erfolg der späteren Fährgesellschaft.

1948
Im Jahr 1948 erfolgt der Einstieg in die Schifffahrt. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Helge Olofsson gründet Olsson seine erste Reederei.

1962
Im Jahr 1962 wird die „Stena Line“ gegründet.

 

Die „Stena Germanica“ ist damals die mit Abstand größte Fähre in der Flotte der Stena Line. Die mehr als 240 Seemeilen zwischen Kiel und Göteborg schafft sie in etwa elf Stunden. Dafür erreicht die „Stena Germanica“ eine Geschwindigkeit von bis zu 23,5 Knoten, also umgerechnet etwa 43 Stundenkilometer. Ein Wert, der auch nach heutigen Maßstäben noch eine echte Marke darstellt. 

Nicht Hamburg, nicht Bremen – Kiel

Auch, wenn sich die noch junge Reederei mit der Linie in neue Fahrwasser begibt – die Idee hinter dem Angebot ist das gleiche, wie bei der bereits seit einigen Jahren bestehenden Strecke Göteborg – Skagen. Den Göteborgern soll ein neues und attraktives Reiseziel geboten werden. Und die Reisezeit an Bord soll sich dabei lohnen – für die Gäste genauso wie für die Reederei. So werden im Bord-Shop zollfreie Waren verkauft. Unterhalten werden die Passagiere in Restaurants und Bars mit Bühnen oder im Casino. Unterschiedliche Klassen gibt es an Bord der Schiffe nicht. Zu der damaligen Zeit ein Novum.

Dass Kiel das Ziel der schwedischen Fähren wird, ist anfangs keineswegs klar. Auch deutlich größere Hafenstädte wie Hamburg oder Bremen sind im Gespräch. Am Ende aber fällt die Entscheidung auf die Landeshauptstadt.

 

Deutschland als Reiseziel ist damals äußerst interessant. Eine Vielzahl an Fähren verkehren auf der Ostsee von und nach Schweden. So fahren allein von Travemünde aus Schiffe nach Trelleborg, Malmö oder Helsingborg. Die Konkurrenz für die neue Linie Göteborg – Kiel ist also groß. Die Verantwortlichen setzen deshalb vor allem auf Passagiere aus den nördlicheren Teilen Schwedens. Für sie bietet die neue, für eine Fährpassage durchaus lange Strecke, einen Zeitvorteil, um das europäische Festland zu erreichen.

Eine Taufe mit Prominenz – so wie es sich gehört

Als die „Stena Germanica“ im April 1967 die Werft verlässt und kurze Zeit später offiziell getauft wird, lässt sich auch die Prominenz nicht lange bitten. Am Stenpiren in Göteborg schreitet die Taufpatin Helga Renger, Ehefrau des damaligen Kieler Stadtrats Rolf Renger, zur Tat. Danach haben die Göteborger die Chance, das neue Schiff in Augenschein zu nehmen. Die quasi öffentliche Veranstaltung ist ein für damalige Verhältnisse durchaus werbewirksamer Schachzug der Reederei. Denn die Einrichtung und der Schick an Bord erfüllen ihren Zweck. Die Menschen, und damit vielleicht auch zukünftige Kunden, zeigen sich begeistert.

Auch die Prominenz bei der Taufe der „Stena Scandinavica“ konnte sich sehen lassen: Königin Silvia von Schweden und Kapitän Dan Feansson.

Auch die Prominenz bei der Taufe der „Stena Scandinavica“ konnte sich sehen lassen: Königin Silvia von Schweden und Kapitän Dan Feansson.

Foto: Stena Line

Doch nicht alles läuft so, wie es sich die Betreiber vorstellen. Der ehrgeizige Plan, die Strecke zwischen Schweden und Deutschland täglich mit den theoretisch möglichen knapp 23 Knoten zu befahren, um den Fahrplan einzuhalten, erweist sich, wohl auch aufgrund weicher Faktoren wie den Wetter- und Seebedingungen, als nicht umsetzbar. Zwar übertreffen die Passagierzahlen im ersten Jahr der Verbindung die gesetzten Ziele von 100.000 Passagieren um etwa 20.000 Personen – aber die Route wirft nicht genügend Gewinn ab. Der Betrieb der „Stena Germanica“ zwischen dem erweiterten Oslokai in Kiel und dem ebenfalls 1967 eingeweihten Terminal im Skandiahamn in Göteborg erweist sich als sehr kostenintensiv.

Neue Verkehre bereiten Probleme

In den Folgejahren verändert sich die Kundschaft. Waren es zu Beginn vor allem Passagiere, die auf der Fähre unterwegs waren, sind es bald in stark steigender Anzahl auch Lkw, die die Verbindung nutzen. Immer mehr Handelsgüter werden über die Straße zwischen Zentral- und Nordeuropa transportiert. Es dauert nicht lang und die „Stena Germanica“ wird der neuen Kundschaft nicht mehr gerecht. Das Ende des einstigen Flaggschiffs der Reederei auf der Strecke Kiel – Göteborg ist für das Jahr 1974 vorgesehen.

Immer mehr rollende Ladung: Um die zunehmenden Verkehre zwischen Kiel und Göteborg zu meistern, werden im Jahr 1972, zum Beispiel durch den Einsatz der „Stena Olympica“, zusätzliche Kapazitäten geschaffen.

Immer mehr rollende Ladung: Um die zunehmenden Verkehre zwischen Kiel und Göteborg zu meistern, werden im Jahr 1972, zum Beispiel durch den Einsatz der „Stena Olympica“, zusätzliche Kapazitäten geschaffen.

Foto: Stena Line
 

Um die stark gestiegenen Verkehre bis dahin abwickeln zu können, werden im Jahr 1972 weitere Fähren in Dienst gestellt. Die „Stena Atlantica“ und später im Jahr auch die „Stena Olympica“ bieten mehr Platz für Fahrzeuge. Auch der Kabinenstandard wird angehoben. Nur fünf Jahre nach der Eröffnung der Fährlinie haben sich die Passagierzahlen, egal ob Ausflugsgäste, Lkw-Fahrer oder Geschäftsreisende, mehr als verdoppelt. 296.000 Personen werden befördert.

Konkurrenz erschwert das Geschäft

Immer mehr Menschen und immer mehr Güter werden zwischen Schweden und Deutschland transportiert. Das merkt natürlich auch die Konkurrenz. Die Folge: Es wird eng auf der Ostsee. 1974 geht mit der Sessanlinjen eine neue Verbindung zwischen Göteborg und Travemünde an den Start. Kiel – Göteborg wird zum Verlustgeschäft. Erst als die Stena Line 1981 die Sessanlinjen übernimmt und die Route selbst bedient, entspannt sich die Lage für Olsson und seine Leute.

Doch zwei Häfen an der Küste Deutschlands anzufahren, ist nicht rentabel. Die Stena Linie entscheidet sich, ihr Geschäft auf einen Standort, zumindest für die Personenbeförderung, zu konzentrieren. Die Entscheidung fällt zugunsten Kiels. Seit 1982 besitzt die Reederei mit dem Schwedenkai auch in Kiel eine eigene Abfertigung.

Die größte Fähre der Welt

Ab 1987 bekommen die Menschen an der Kieler Förde sogar regelmäßig ein echtes Rekordschiff zu sehen. Die „Stena Germanica II“ nimmt den Dienst auf. Der Neubau, gebaut in Danzig, ist mit 175 Metern Länge, 30 Metern Breite, zwölf Decks, Platz für 2500 Passagiere und 1700 Metern Spurlänge auf den Autodecks die bis dato größte Fähre der Welt.

Ein Jahr später folgt das Schwesterschiff „Stena Scandinavica“. Durch die neuen Kapazitäten gelingt es jetzt die Fährlinie profitabel zu betreiben.

Der Wegfall der Butterfahrt

Anfang der 90er-Jahre der nächste Rückschlag. Die Reedereien auf der Ostsee kämpfen mit dem Wegfall des Duty-Free-Konzepts. Als sie im Jahr 1993 verpflichtet werden zu kontrollieren, dass nur noch die erlaubten Mengen zollfreier Waren von den Passagieren eingeführt werden, stellt das auch einen wichtigen Bestandteil des Geschäftskonzepts der Stena Line in Frage. Auf der Ostsee wird es bald keine so genannten Butterfahrten mehr geben. Die Passagiere bleiben aus. Umdenken ist angesagt. Das Hauptaugenmerk liegt fortan auf dem Gütertransport sowie den Urlaubsverkehren.

Mit der Umstellung der Verkehre ändert sich auch das Erscheinungsbild auf dem Wasser. Als die Strecke Kiel – Göteborg in den 2000ern erneut ausgebaut wird, kommen keine reinen Passagierfähren mehr zum Einsatz. Bei der neusten Generation handelt es sich um so genannte RoPax-Schiffe. Das sind kombinierte Passagier- und Frachtschiffe, auch Kombicarrier genannt, mit viel Ladefläche für Lkw, Trailer und Autos.  

Für die Urlaubsgäste an Bord rückt immer mehr der Faktor Luxus in den Vordergrund. Die Schiffe, die wieder die fast schon traditionellen Namen „Germanica“ und „Scandinavica“ tragen, verfügen erstmals über Panorama-Kabinen und eine Luxusklasse. Auf nunmehr 240 Metern Schiffslänge befinden sich außerdem 4000 Meter Spur für rollende Fracht.

Darauf, dass sich die Fährlinie in einem Jubiläumsjahr befindet, weist schon seit einiger Zeit das eigens angebrachte Design der Schiffsschornsteine hin. Dort, wo sonst das Logo der Rederei zu sehen ist, prangt eine große, weiße „50“ auf rotem Grund.

Die „Stena Scandinavica“ mit Jubiläumslogo am Schornstein.

Die „Stena Scandinavica“ mit Jubiläumslogo am Schornstein.

Foto: Stena Line
 

Ob auch in 50 Jahren noch Fährschiffe zwischen Göteborg und Kiel verkehren, lässt sich nur schwer voraussagen. Denn besonders die küstennahe Schifffahrt steht vor zahlreichen Herausforderungen. Immer strengere Umweltrichtlinien werden beschlossen. Und vor allem alternative Reiserouten wie die Brücken über die dänischen Belte oder den Öresund stehen in Konkurrenz zu den Fähren auf der Ostsee. Genauso wie eines Tages möglicherweise die feste Fehmarnbeltquerung. Das Land aber setzt scheinbar auf die Schifffahrt. So hat Schleswig-Holstein in den vergangenen Jahren etwa sieben Millionen Euro allein in den Umbau des Schwedenkais investiert, um die Anlage fit für die Zukunft zu machen. Kiel sei noch immer „das Fährhaus des Nordens“ - das sagte Ministerpräsident Torsten Albig anlässlich des runden Geburtstags der Fährlinie. 

(Foto im thinglink: Stena Line)

zur Startseite

von
erstellt am 27.Apr.2017 | 13:32 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen