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Als Schleswig-Holstein preußisch wurde : Wie die Pickelhaube den Herzog der Herzen verdrängte

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor 150 Jahren scheiterten die Hoffnungen auf ein eigenständiges Schleswig-Holstein. Wie ging es weiter? Ein Blick zurück.

Sogar die Residenz für den Landesherrn eines selbstständigen Staates Schleswig-Holstein ist schon geplant. Eine Vier-Türme-Anlage in hellem Stein und mit weit ausladenden Seitenflügeln soll es sein, erhaben gelegen bei Düsternbrook hoch über der Kieler Förde. So zeigt es der Entwurf des Architekten Martin Haller. Er wird später das prächtige Hamburger Rathaus erschaffen, und eine Ähnlichkeit des Stils ist unverkennbar. Die pompöse Ausstrahlung des Schlosses wird noch verstärkt durch einen Park mit geschwungenen Wegen, Säulen und Pavillons.

In dem neuen Palast soll er wohnen und repräsentieren: Herzog Friedrich VIII., der große Hoffnungsträger der Volksmeinung. Seitdem Schleswig und Holstein 1864 der dänischen Krone durch preußische und österreichische Truppen entrissen worden sind, erwartet man, dass er endlich auch offiziell sein Amt als Fürst der vereinigten Herzogtümer antritt. Massenhuldigungen auf offener Straße hat es reichlich gegeben für den Mann, der die Erbfolge beansprucht. Beamte haben ihm längst den Treueeid geschworen, Städte, Vereine und Verbände Ehrerbietungs-Adressen gesandt.

Von den Preußen herausgedrängt: Prinz Friedrich von Augustenburg wollte  als Herzog Friedrich VIII. Fürst von Schleswig-Holstein werden.
Von den Preußen herausgedrängt: Prinz Friedrich von Augustenburg wollte als Herzog Friedrich VIII. Fürst von Schleswig-Holstein werden. Foto: Landesbibliothek
 

Doch der Herzog der Herzen harrt im Frühsommer 1866 noch immer in seiner Kieler Privat-Villa aus. Preußen und Österreich können sich auf seine offizielle Anerkennung nicht einigen. Allein diese zwei Siegermächte haben das Recht, formell einen Landesherrn einzusetzen. Denn die Souveränität über Schleswig und Holstein liegt bei ihnen. Die hat ihnen Dänemark 1864 im Friedensvertrag von Wien abgetreten. Nach zwei Jahren Schwebezustand soll der Juni vor genau 150 Jahren nun die Entscheidung bringen. Er wird zum Schicksals-Monat für Schleswig-Holstein.

Zweite Chance für die Augustenburger

Dass die Machtverhältnisse zwischen Nord- und Ostsee überhaupt ins Rutschen geraten sind, liegt daran, dass die alte Dynastie, das Haus Oldenburg, ausgestorben ist. Unter ihm waren die Herzogtümer über 400 Jahre lang Teil der dänischen Monarchie. Gekappt sind die Bande zu Kopenhagen inzwischen. Fest steht seit dem deutschen Triumph auf den Düppeler Schanzen aber nur, dass Dänemark raus ist. Preußen und Österreich finden keinen Konsens, was aus ihrer gemeinsamen Beute werden soll. Als Rivalen um die Vorherrschaft in Deutschland liegen sie eh im Dauer-Clinch. Dass sie früher oder später gegeneinander zu den Waffen greifen, liegt in der Luft. Beide Seiten haben ihre Armeen im Frühjahr vorsorglich mobilgemacht. Eine einheitliche Regierung beider Herzogtümer haben sie schon im Sommer 1865 aufgegeben. Da wurden die eigentlich „Up ewig Ungedeelten“ entlang der Eider geteilt: Holstein kam unter österreichische, Schleswig unter preußische Verwaltung. Schleswig ist noch größer als der Landesteil Schleswig im heutigen Bundesland: Das Herzogtum reicht 80 Kilometer weiter über Flensburg hinaus in Richtung Norden bis kurz vor Kolding. Erst da beginnt damals Dänemark.

Hoch über der Kieler Förde sollte für Prinz Friedrich von Augustenburg ein neuer Palast als Aushängeschild eines eigenständigen Staates entstehen.
Hoch über der Kieler Förde sollte für Prinz Friedrich von Augustenburg ein neuer Palast als Aushängeschild eines eigenständigen Staates entstehen. Foto: Hamburgisches Staatsarchiv

Der Volkswille mag von Fremdherrschaft nichts mehr wissen. Nachdem man die dänische Vorherrschaft losgeworden war, nun doch bitte nicht gleich wieder eine Unterordnung unter andere weit entfernte Hauptstädte, sondern endlich Freiheit! Deutsch möchte man schon sein, schließlich ist es das Zeitalter des aufkeimenden Nationalismus. Aber da es noch kein geeintes Reich gibt, ist die gängige Vorstellung vom Deutsch-Sein ein unabhängiges Fürstentum. Dem losen Deutschen Bund zwar verbunden, aber dennoch souverän. So wie etwa Bayern, Sachsen oder Baden.

Das Ganze lässt sich noch tief im 19. Jahrhundert ohne einen Fürsten nicht denken. Deshalb die fast schon frenetische Popularität Friedrichs VIII. Dieser Prinz aus dem Haus Augustenburg, benannt nach dem Stammschloss auf der Insel Alsen nordöstlich von Flensburg, verkörpert die Hoffnung der Einheimischen auf Unabhängigkeit gleich vielfach. Schon sein Vater Christian August war Galionsfigur der 1848-51 gescheiterten Erhebung gegen die Dänen-Herrschaft. Jetzt bietet sich eine zweite Chance. Weitere Argumente, weshalb alles auf Friedrich zuzulaufen scheint: Die Augustenburger sind eine Nebenlinie der einstigen Oldenburger und leiten daraus dynastische Rechte auf Schleswig und Holstein ab. Und dann ist da Friedrichs Bekenntnis zum Liberalismus, dem Polit-Trend in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Als Zeichen dafür hat der Augustenburger einen Eid auf das – wenn auch nicht in Kraft gesetzte – schleswig-holsteinische Staatsgrundgesetz von 1848 geschworen.

Preußens General Edwin von Manteuffel macht militärisch den Weg frei für Schleswig-Holsteins ersten Oberpräsidenten Carl von Scheel-Plessen.
Preußens General Edwin von Manteuffel macht militärisch den Weg frei für Schleswig-Holsteins ersten Oberpräsidenten Carl von Scheel-Plessen. Foto: Landesbibliothek
 

Ein Bekenntnis so gar nicht nach dem Geschmack des konservativen preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck. Ohnehin hat der angesichts seiner Ambitionen auf die deutsche Einheit kein Interesse, mit einer Inthronisierung Friedrichs im hohen Norden einen weiteren Kleinstaat zu schaffen. Bismarck spekuliert darauf, die Küsten-Territorien an Nord- und Ostsee dauerhaft für Preußen zu sichern. Schon am Vorabend des 1864er-Krieges hat er diesen Gedanken gegenüber König Wilhelm und Kronprinz Friedrich ausgesprochen. Das würde dem aufstrebenden Preußen endgültig die kritische Masse sichern, um sich mit Österreich um die Vormachtstellung in Deutschland messen zu können. Und es zugleich zu einer Seemacht machen. Der Bau eines Kanals zwischen Nord- und Ostsee steht in Berlins Schleswig-Holstein-Strategien von Anfang an ganz oben. Ein Friedrich VIII. stört da nur. Nach Teilung der Verwaltung 1865 hat ihm Preußen nach Schleswig gar unter Haftandrohung die Einreise verboten. Dass seine Anwesenheit stets für öffentliche Unabhängigkeits-Bekundungen genutzt wurde, mag die Siegermacht nicht ertragen.

Schloss Gottorf als preußische Kaserne: Von hier aus schickte das Oberkommando am 7. Juni 1866 die Truppen los, die das zuvor von Österreich verwaltete Holstein besetzten.
Schloss Gottorf als preußische Kaserne: Von hier aus schickte das Oberkommando am 7. Juni 1866 die Truppen los, die das zuvor von Österreich verwaltete Holstein besetzten. Foto: Stadtmuseum Schleswig

Ganz entgegengesetzt das Interesse Österreichs: Dessen Statthalter Ludwig von Gablenz lässt von seinem Amtssitz im Kieler Schloss aus die Augustenburger-Bewegung in Holstein fröhlich gewähren. Insbesondere Kiel, Altona und Itzehoe sind zu ihren Hochburgen geworden. Der Donau-Monarchie wäre ein weiterer schwacher Kleinstaat nur Recht. Je zersplitterter die Nation, desto eher könnte Österreich seine Stellung im Deutschen Bund behaupten. Auch Mittelstaaten wie Bayern, Württemberg, Baden und Sachsen unterstützen Friedrich VIII.

Um endlich Nägel mit Köpfen zu machen, beruft Gablenz am 6. Juni 1866 die holsteinische Ständeversammlung nach Itzehoe ein. Dort, in einem an das Rathaus angebauten Saal, soll dieser Vorläufer eines Landtags am 11. Juni den Willen der Einheimischen artikulieren, wie es weitergehen soll. Im Raume steht, in einem ersten Schritt nur für das südliche Herzogtum eine Verfassung einzuführen und so zumindest dort einen eigenen Staat zu schaffen. Parallel hat Österreich beim Deutschen Bund eine Abstimmung über Schleswig-Holsteins Zukunft beantragt. Dass dort eine Mehrheit der deutschen Staaten für die Unabhängigkeit des Nordens stimmen würde, ist absehbar.

Trostpflaster für  Schleswig-Holstein: Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm II., heiratet die Augustenburger-Prinzessin Auguste Viktoria, Tochter des verhinderten Herzogs Friedrich VIII.
Trostpflaster für Schleswig-Holstein: Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm II., heiratet die Augustenburger-Prinzessin Auguste Viktoria, Tochter des verhinderten Herzogs Friedrich VIII. Foto: Landesbibliothek

Das kann Preußen nicht mitmachen. Es argumentiert: Trotz getrennter Verwaltung gibt es noch immer die gemeinschaftlichen Souveränitätsrechte über beide Herzogtümer. Und das preußische Souveränitätsrecht in Holstein sieht Bismarck durch das einseitige Vorgehen Österreichs verletzt. Am 7. Juni besetzen deshalb preußische Truppen von Schleswig aus Holstein. „Freund, jetzt ist’s Zeit zu lärmen“, hat Bismarck dem auf Schloss Gottorf residierenden Oberkommandierenden Edwin von Manteuffel brieflich aufgegeben – ein berühmtes Zitat aus Schillers „Wallenstein“. Und weiter: Handle es nicht sofort, drohe Preußen die Gunst des Augenblicks zu verlieren.

12.000 Soldaten bieten die Preußen in Holstein auf. Österreich verfügt über weniger als die Hälfte. Kämpfe in Holstein vermeidet es deshalb. Gablenz, seine Regierung und die österreichischen Truppenteile weichen am 7. Juni in den äußersten Süden, nach Altona, zurück. Dort von Manteuffel eingekesselt, geben sie schnell auf. Schon fünf Tage später sind die letzten Österreicher auch aus Altona über die Elbe verschwunden.

Denn bereits am 10. Juni hat Preußen die neuen Machtverhältnisse zementiert. Eine Proklamation an die Einwohner, in der Nacht auf den 11. an vielen Straßenecken plakatiert und an die Zeitungen geschickt, verkündet: Es gibt einen neuen Chef im Land. König Wilhelm hat Carl von Scheel-Plessen zum Oberpräsidenten für beide Herzogtümer ernannt. Diese Position ist traditionell das höchste Führungsamt in einer preußischen Provinz. Auch wenn Schleswig-Holstein diesen Status formell noch nicht besitzt – faktisch hat es ihn mit Scheel-Plessens Amtsantritt.

Ein Landeskind wird Präsident

Mit Scheel-Plessen hat Bismarck eigens ein Landeskind ausgesucht. Der Ministerpräsident sieht dies als Signal des Vertrauens an die Bevölkerung. Was ankommt, ist vor allem Irritation. Zum neuen starken Mann hat Bismarck ausgerechnet jemanden gekürt, der bereits in der Dänen-Zeit lange in hohen Ämtern stand und als loyaler Diener des dänischen Königs bekannt war. Bismarck hat zu dem konservativen Scheel-Plessen gerade wegen dessen ausgeprägter monarchischer Treue Vertrauen. Dieser Grundüberzeugung ist Scheel-Plessen auch treu geblieben – nur hat er sie in Anerkennung der Macht des Faktischen nun auf den neuen Landesherrn, den preußischen König Wilhelm, umgemünzt.

Ein Beispiel für den verbreiteten Widerwillen gegenüber dem gewendeten Herrn: Der augustenburgisch gesinnte Magistrat der Stadt Kiel versucht den Oberpräsidenten zu ignorieren. Erst als dieser einen Antrittsbesuch regelrecht befiehlt, kommt es zu einer Begegnung.

In Itzehoe verhindert General Manteuffel unter Androhung militärischer Gewalt, dass am 11. Juni die Ständeversammlung zusammentritt. Der Vorsitzende wird abgeführt. Von 36 Mitgliedern sind angesichts der Wirrnisse ohnehin nur 20 erschienen. Nicht mal die St. Laurentii-Kirche räumt er den Mitgliedern für den vorab geplanten Gottesdienst ein. Politische Vereine werden verboten. Zeitungen dürfen keinerlei dynastische oder Erbfolgefragen erörtern oder den Prinzen von Augustenburg als Herzog bezeichnen. Am 3. Juli kommt ein Verbot von Kundgebungen hinzu, „welche von politischen Ansichten Zeugnis ablegen, die den gegenwärtigen Verhältnissen der Herzogtümer nicht entsprechen“. Ausdrücklich umfasst das auch das Flaggen zum Geburtstag Friedrichs VIII., der am 6. des Monats bevorsteht.

Der Augustenburger selbst hat bereits im Schlepptau der Österreicher Holstein verlassen. Aus dem Exil kommen letzte Zuckungen: Am 17. Juni lässt er von seinen Anhängern im Untergrund Zettel mit einem Aufruf verteilen: Darin beschuldigt der verhinderte Herzog Preußen des Rechtsbruchs und Bruderkriegs und ruft zum passiven Widerstand auf.

Dass da bei ihm noch einmal Hoffnung aufgekeimt ist, hat damit zu tun, dass Österreich – nun besser vorbereitet und mit Hilfe Verbündeter – doch die Waffen gegen Preußen sprechen lassen will. Nicht im entlegenen Holstein, sondern auf großer Bühne. Am 11. Juni hat es im Frankfurter Bundestag die Mobilmachung des Deutschen Bundes gegen Preußen beantragt. Begründung: Preußen habe in Holstein zu rechtswidriger Selbsthilfe gegriffen. Als der Antrag mit Mehrheit angenommen wird, sind die Folgen einschneidend für die deutsche Geschichte: Preußen erklärt den Deutschen Bund für aufgelöst. Am 14. Juni leitet es mit der Kriegserklärung an Österreich und dessen Verbündete den Deutsch-Deutschen Krieg ein. Am 3. Juli kommt es auf dem Boden der Donaumonarchie zur Entscheidungsschlacht: Beim böhmischen Königgrätz obsiegen die Preußen über Österreich. Im Frieden von Prag erhält Preußen nicht nur Schleswig und Holstein als Alleinbesitz zugesprochen. Es kann sich auch das Königreich Hannover und die Fürstentümer Hessen-Kassel, Nassau und Teile von Hessen-Darmstadt einverleiben. Alle hatten als Verbündete Österreichs gekämpft. Für Preußen ist damit die Verbindung zwischen dem östlichen Kern und den westlichen Besitztümern in Westfalen und im Rheinland hergestellt. Der Aufsteiger hat Österreich innerhalb Deutschlands um Längen überflügelt. Noch im selben Jahr beginnt die Gründung des Norddeutschen Bundes – der Weg zur Einigung des Deutschen Reichs unter Preußens Führung, vollendet 1871, ist frei.

Förmlich eine preußische Provinz wird Schleswig-Holstein nach allerlei Vorbereitungsarbeiten der Verwaltung mit dem „Besitzergreifungspatent“, das König Wilhelm am 12. Januar 1867 in Kraft setzt. Die Schleswig-Holsteiner sind zum Preußisch-Sein verpflichtet worden. Bis zur Einverleibungsfeier im Kieler Schloss wartet man noch bis zum 24. Januar. Die neuen Machthaber möchten für den Schlussakt der Annektion ein symbolisches Datum: den Geburtstag Friedrichs des Großen.

Die überfahrene Volksseele soll ein dynastisches Trostpflaster mit Preußen aussöhnen: Auguste Viktoria, älteste Tochter des gescheiterten Friedrich VIII., heiratet 1881 den Enkel König Wilhelms, Prinz Wilhelm. Weil dessen Vater Kronprinz Friedrich 1888 nach nur 99 Tagen auf dem Thron stirbt, wird der junge Wilhelm viel früher deutscher Kaiser als gedacht – und mit Auguste Viktoria eine Schleswig-Holsteinerin Kaiserin.

Bei der Hochzeit ist ihr zuletzt auf einem Familiengut in Niederschlesien lebender Vater nicht mehr dabei; die Verlobungspläne aber hat er noch mit eingefädelt. Schleswig-Holsteins verhinderter Regent Friedrich VIII. stirbt 1880 60-jährig bei einem Kuraufenthalt in Wiesbaden.


Nach mehr als 400 Jahren Zugehörigkeit zur dänischen Monarchie bedeutet die Preußifizierung Schleswig-Holsteins einen tiefen Einschnitt. Die Ausrichtung der Herzogtümer wird umgepolt von Nord auf Süd. Traditionell  waren sie  in vielem sich selbst überlassen, fortan werden sie  Teil einer straff durchorganisierten  Staats-Maschinerie. Dies bringt einen umfassenden Modernisierungsschub, hat aber auch unbequeme Seiten. Schleswig-Holstein wird vor 150 Jahren preußische Provinz: Eine  Serie im Journal des sh:z schildert ab der kommenden Woche die Folgen.

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erstellt am 04.Jun.2016 | 16:30 Uhr

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