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Nach SPD-Fauxpas um Unkrautvernichter : Wie der Bauernverband auf Facebook eine Glyphosat-Party feiert

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Der SPD unterläuft eine verräterische Panne beim Glyphosat. Der Bauernverband SH hat nur darauf gewartet. Eine kritische Lektüre.

shz.de von
erstellt am 18.Mai.2016 | 15:21 Uhr

Das gute alte Glyphosat. Seit Mitte der 1970er Jahre erleichtert das Totalherbizid im Unkrautvernichter Roundup den Landwirten die Arbeit und macht der Flora auf dem Felde ganz ohne Pflug den Garaus. Die SPD-Bundestagsgruppe hat das Prinzip wohl immer noch nicht begriffen. Sie hat den Monsanto-Saft auf Twitter glatt mal – quasi verharmlosend – als bedenkliches „Düngemittel“ bezeichnet, das es zu verbieten gelte. Dabei weiß doch eigentlich jeder Laie, dass Glyphosat gar kein Dünger, sondern ein Gift ist.

Die EU-Kommission dürfte die Zulassung des umstrittenen Pflanzengifts Glyphosat um 15 Jahre verlängern, ein Verbot gilt als unwahrscheinlich. Die Uneinigkeit der Bundesregierung belastet allerdings die EU-Entscheidung. Deutschland will sich enthalten. Bei einer Patt-Situation könnte theoretisch die EU-Kommission am Ende den Beschluss treffen. Sollte Glyphosat verboten werden, müssten die Landwirte auf Misch-Substitute umsteigen, deren bessere Umweltverträglichkeit fraglich ist.

Ob und ab wieviel es auch gegen den Menschen wirksam ist, darüber wird wissenschaftlich und politisch lange gestritten und aktuell gerungen. Der Bauernverband Schleswig-Holstein schlachtet den inzwischen gelöschten Fauxpas von Ute Vogt für einen verbalen Rundumschlag gegen die gesamte Bandbreite der Glyphosat-Kritiker aus.

Man kann der SPD-Bundestagsabgeordneten oder dem verantwortlichen Social-Media-Assistenten der Partei daraus natürlich unterstellen, sie seien nicht mit Kompetenz in der Sache gesegnet. Vogt als Gegnerin einer fortgesetzten Genehmigung wisse demnach gar nicht, wovon sie redet. Doch der Verband – wie es dem lobbyistischen Naturell nun mal entspricht – will Gemeinplätze schaffen. Hier, so liest es sich auf Facebook, kann der Landmann es mal wieder sehen: Die übrige Welt will richten und sich einmischen, dabei liegt sie festgefräst in einer fatalen Unwissenheit darnieder. Gerade in dieser existenziell schweren Zeit der Milchdeflation kann die in die Kritik geratene Lobby-Gruppe ihren verlässlichen Roundup-Partner für Corporate Identity sagenhaft gut gebrauchen. Gift ist dicker als Wasser. Und das Vorsorgeprinzip soll – abgesegnet vom Praktiker – mit einem Wisch vom Acker. Es geht um Erträge, ums Praktische – und natürlich ums Prinzip.

„Glyphosat oder das Recht des Schaumschlägers“, fängt der Beitrag metaphorisch schon mal klug an. Das Bildnis passt: Glyphosat neigt auch stark zum Schäumen, wenn man es verdünnt. Die „Dünger-Verbieter“ von der SPD samt Gefolgschaft haben da natürlich nur Granulat im Kopf und sie reiten ein „totes Pferd“ angesichts der ihr nicht zugänglichen Erkenntnisse. „Glyphosat in Muttermilch, Glyphosat im Bier, Glyphosat im Urin: Jede noch so dünne Meldung sorgte für ein Rauschen im Blätterwald“, wettert der Verband. Und eine Verschwörung der Einseitigkeit umgibt des redliche Tun der Versorger: „Die Bewertung durch das BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung, die Red.) und die Efsa (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, die Red.), dass man den Grenzwert für Glyphosat wegen akuter Ungefährlichkeit sogar erhöhen könne, wurde ungläubig abgetan“.

„Abgetan“. Der Streit verläuft also vollkommen einseitig. Nun muss man anmerken, dass die zweitgenannte Auswertung der Efsa allerdings gar nicht von der Efsa selbst stammt, sondern ebenso vom BfR. Das liegt daran, dass Deutschland der Berichterstatter für die gemeinschaftliche Prüfung und Bewertung von Glyphosat ist. Wahrscheinlich hatten beide Institutionen die Substanz deshalb auch als „wahrscheinlich nicht krebserregend“ eingestuft. Die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wiederum gab dem Wirkstoff im März 2015 das Attribut „wahrscheinlich krebserregend“ für den Menschen.

Allerdings ist das die selbe Risiko-Kategorie wie Wurst und Alkohol, wie der Verband zurecht anmerkt. Bei Krakauer, Mate-Tee, Keksen und Apfelkorn kann jedoch jeder sein eigenes Vorsorgeprinzip walten lassen, bei Leitungswasser und Brot ist dies kaum möglich. Gerade deshalb sind sie Teile des Gemeinwesens und unterliegen dem Vorsorgeprinzip, das vehemente Halteglied der Kritiker gegen das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Es besagt, dass Verdachtsmomente der Schädlichkeit ausgeräumt werden müssen, um ein Produkt zuzulassen. Der Bauernverband hat sich für TTIP positioniert, tendiert also zum amerikanischen Risikoprinzip, wonach nicht die Unschädlichkeit, sondern die Schädlichkeit eines Nachweises bedarf.

Weiter rumpelt der Autor in der virtuellen Kundgebung: „Doch nach der Meldung vom Montag durch die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass das Herbizid Glyphosat nicht krebserregend sei, schwenkten maßgebliche Medien um“ (ohne Quelle). Medien hätten offenbar eine bessere Spürnase für tote Pferde und hörten irgendwann auf, sie zu reiten. Nichtregierungsorganisationen dürften dies nicht, denn daran hinge ihr Wesen und ihr Finanzkonzept. Wie immer beim Lobbyismus ist alles auch jenseits anwendbar.

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