Flensburg : Wie aus "Lenchen" eine gnadenlose NS-Ärztin wurde

Keine 'Menschen': Kinderärztin Helene Sonnemann
Keine "Menschen": Kinderärztin Helene Sonnemann

Der Kinderärztin Helene Sonnemann werden zwölf getötete Kinder zur Last gelegt. Dennoch machte sie nach dem Krieg Karriere.

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21. August 2010, 11:36 Uhr

FLENSBURG | Weil sie relativ klein von Statur war, aber ausgesprochen sympathisch, wurde sie liebevoll "Lenchen" genannt. Auch ihre Lehrer mochten Helene Sonnemann wegen ihrer regen Mitarbeit am Unterricht. Sie war eine vortreffliche Schülerin und verließ die Auguste-Viktoria-Schule 1930 mit einem guten Abiturzeugnis und dem Hinweis auf ihre berufliche Zukunft. Sie wolle Medizin studieren.

Als Kinderärztin machte sie unter den Nationalsozialisten rasch Karriere und verstrickte sich in die NS-Euthanasiepolitik. Nach 1945 stieg sie in Celle als langjährige Krankenhaus-Chefärztin zu einer hochgeachteten Persönlichkeit auf. Zwölf Jahre nach ihrem Tode ist nun vor allem in der Heidestadt, aber auch in Hannover, eine Diskussion entbrannt über ihre bisher vertuschte braune Vergangenheit als Euthanasieärztin: Denn das einst so liebenswürdige "Lenchen" hatte als inzwischen gnadenlose Ärztin eigenhändig mit Luminalspritzen behinderte Kinder getötet.
Sie verwahrste für die Tötungsaktionen eine bstimmte Flasche Luminal

Helene Sonnemann - im Jahre 1911 als Tochter des Stadtgeometers Paul Sonnemann in Flensburg geboren - hatte bald nach Abschluss ihrer Schulzeit ein Medizinstudium aufgenommen. Sie studierte in Bonn, Gießen, München und Hamburg, wo sie 1937 ihre - lediglich 27 Seiten umfassende - Doktorarbeit vorlegte, die vor allem auf der Auswertung von Statistiken beruhte, und ihre ärztliche Approbation erwarb. Zwei Jahre später trat sie der NSDAP bei. In diese Zeit fiel ihr beruflicher Start im Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. Nach ihrer Tätigkeit als Assistenzärztin avancierte sie 1942 zur stellvertretenden Leiterin dieses Krankenhauses.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ein "Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" benanntes Gutachtergremium bereits seine menschenverachtende Tätigkeit aufgenommen: Er sortierte jene Kinder aus, deren Existenz den NS-Ideologen als "unwertes Leben" galt. Das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort beteiligte sich auf Bitten Berlins von 1940 an am staatlichen Tötungsprogramm - auch Helene Sonnemann. Sie verwahrte die für die Aktion bestimmte zentrale Flasche Luminal, an der bei Bedarf die tödliche Spritze aufgezogen wurde. Alle Ärztinnen wirkten an den Tötungen mit, bis auf eine: Eine Ärztin lehnte eine Mitwirkung aus religiösen Gründen ab - Repressalien gegen sie gab es nicht.

57 Kinder wurden getötet

Besonders eifrig war, wie staatsanwaltliche Ermittlungen nach dem Kriege ergaben, Oberärztin Helene Sonnemann. Gegenüber den Ermittlern erklärte sie, die Ärztinnen hätten zunächst versucht, ohne Hilfe der Schwestern die tödliche Injektion zu setzen, aber: "Es ist technisch unmöglich, bei einem Kind eine Injektion über 5 ccm zu machen, ohne daß das Kind gehalten wird. Das Kind wehrt sich, und die Kanüle würde sofort abbrechen. Darüber hinaus spritzt sich die ölige Flüssigkeit von Luminal schwer, daß jemand assistieren muß."

Auf diese grausame Weise wurden in dem Kinderkrankenhaus nach neuesten Erkenntnissen 57 behinderte Kinder getötet. Einige von ihnen kamen durch Helene Sonnemanns Hand ums Leben. Ihre Beteiligung an diesem Euthanasie-Programm endete im Juli 1943, als sie mit Ärzten und Krankenschwestern die Evakuierung des Krankenhauses Rothenburgsort aus dem schwer getroffenen Hamburg nach Celle organisierte. Allerdings: In Hamburg lief die Tötungsaktion weiter - auch ohne Helene Sonnemann.
Justiz zeigte kein besonderes Interesse

In der Kleinstadt startete sie eine neue Karriere und stieg bis zur Chefärztin am Celler Allgemeinen Krankenhaus auf. 1952 heiratete sie Fritz Drages, einstmals Adjutant und heißer Verehrer Adolf Hitlers. Seine braune Vergangenheit und ihre Verstrickung in Euthanasieverbrechen waren keine Themen in der Oberschicht der Stadt, in der sie ein hohes Ansehen genossen.

Auch die Justiz - 1948 erstmals konfrontiert mit den Morden an den behinderten Kindern in Hamburg - zeigte kein besonderes Interesse. Zwar musste sie sich aufgrund einer Anzeige mit dem Fall beschäftigen und die einst Beteiligten vernehmen, darunter auch Helene Sonnemann wegen zwölf Tötungen, die ihr zur Last gelegt wurden. Der frühere Klinikchef gab die Rechtfertigungslinie vor: "Was das angebliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeht, so muß ich das deshalb ablehnen, da ein solches Vergehen nur gegen Menschen begangen werden kann und die Lebewesen, die hier zur Behandlung standen, sind nicht als ,Menschen zu bezeichnen."

Kein Schuldbewusstsein

Die Richter - wohl noch altem Denken verhaftet - sahen keine zwingende Notwendigkeit, die Hauptverhandlung zu eröffnen, denn den Angeschuldigten könne "das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit" nicht nachgewiesen werden. Die Morde an den behinderten Kindern blieben ungesühnt.

Doch soll jetzt an die Opfer erinnert werden: Eine Hamburger Initiative will für sie sogenannte "Stolpersteine" setzen lassen und lenkte damit das Augenmerk der Öffentlichkeit auf die davongekommenen Täter. Wie Helene Sonnemann aus Flensburg konnten die meisten von ihnen weitgehend ungestört an ihrer Nachkriegskarriere arbeiten und in gesellschaftliche Positionen hineinwachsen.

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