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Umstrittene Äußerung von Alexander Gauland : Wie Alltagsrassismus auch Menschen in Schleswig-Holstein trifft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Menschen mit Migrationshintergrund haben es auch im Norden oft schwer - nicht nur im Sport.

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2016 | 20:19 Uhr

Niebüll/Kiel | Es gehört für Edem Attisso dazu. „Ich muss mir auf dem Platz immer mal wieder Wörter anhören, die ich nicht gern wiederhole“, sagt der 17-jährige Niebüller (Kreis Nordfriesland) – und meint damit alltagsrassistische Äußerungen, die er auf und neben dem Fußballplatz zu hören bekommt, weil seine Hautfarbe dunkel ist. Seit seinem vierten Lebensjahr spielt Attisso Fußball, zur Zeit beim SV Frisia 03 Risum-Lindholm in Nordfriesland als Innenverteidiger – der Position, die Jérôme Boateng in der Nationalmannschaft einnimmt.

Der in Berlin geborene Boateng ist der Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters. Er ist Stammspieler des FC Bayern und Leistungsträger in der Deutschen Nationalmannschaft.

Beide setzen sich in diesen Tagen nicht nur mit dem Sport auseinander, sondern auch mit der umstrittenen Äußerung des stellvertretenden Bundesvorsitzenden der AfD, Alexander Gauland, der in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit Bezug auf den Fußball-Nationalspieler gesagt hatte: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Der Nationalspieler, der in Berlin aufgewachsen ist, erklärte, er sei traurig über den Satz, könne darüber nur lächeln.

Die AfD in Schleswig-Holstein wollte Gaulands Äußerung am Montag nicht kommentieren, das sei in allen Fällen so üblich in der Landespartei, sagt Sprecher Volker Schnurrbusch, der allerdings darauf verwies, dass die AfD im Norden mit dem Kieler Kreisvorsitzenden ein Vorstandsmitglied habe, das aus Westafrika stammt – und die Partei schon deshalb „unverdächtig“ sei, rassistisch zu sein.

Dass Gauland mit seinem Satz etwas ausgesprochen hat, was noch mehr andere denken, vermutet Tim Cassel, stellvertretender Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes (SHFV). „Es ist zu befürchten, dass sich durch seine Aussage jetzt auch Menschen ermutigt fühlen, das zu sagen, was sie bisher nur hinter vorgehaltener Hand gesagt haben.“ Es sei nicht zu verhehlen, dass es auch in Schleswig-Holstein Alltagsrassismus gebe – und genau so sieht Cassel auch Gaulands Äußerung. Der sagte am Montag allerdings: „Ich bin natürlich kein Rassist.“

Cassel sieht eine Strategie hinter der Äußerung, weil die AfD so Aufmerksamkeit errege – gerade im Vorfeld der Europameisterschaft. „Ich glaube aber nicht, dass dadurch der Rassismus auf den Fußballplätzen in Schleswig-Holstein zunehmen wird“, so Cassel, der für den SHFV das Projekt „Schleswig-Holstein kickt fair“ betreut. Gerade in Schleswig-Holstein leisteten die Vereine vorbildliche Arbeit – speziell was die Integration von Flüchtlingen angehe.

„Die Nationalmannschaft ist doch gerade ein Zeichen dafür, wie vielfältig Deutschland ist“, erklärt die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Landes, Samiah El Samadoni. „Die Migrationsgeschichte ist ein Teil der Geschichte, die sich in der Nationalmannschaft widerspiegelt.“ Samiah El Samadoni glaubt nicht, dass viele Menschen Gaulands Meinung teilen. „Aber vielleicht wollen ihn jetzt nicht mehr so viele Menschen als Nachbarn haben.“

Mit dem Alltagsrassismus werden auch die Sinti und Roma in Schleswig-Holstein immer wieder konfrontiert, sagt Hauke Bruhns, Sprecher des Landesverbandes. „Sie werden als Zigeuner beschimpft oder es wird gesagt, dass man sie eigentlich alle hätte vergasen sollen.“ Manchen Deutschen fehle das Verständnis für die Kultur der Sinti und Roma, die sie immer noch als fahrendes Volk betrachteten. Menschen würden wegen kultureller Unterschiede diffamiert. „Und genau das will auch die AfD.“

Menschen, die früher vielleicht ihre alltagsrassistischen Äußerungen zurückgehalten hätten, könnten sie jetzt offener äußern, fürchtet Fatih Mutlu, Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Schleswig-Holstein Schura. „Es wird von uns Muslimen immer verlangt, dass wir auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und durch freie Meinungsäußerung niemanden verletzten. Das tun wir, aber Herr Gauland macht das meiner Ansicht nach nicht.“

Alltagsrassismus sei immer schlimm, egal ob es einen prominenten Fußballer oder einen „einfachen Bürger“ auf der Straße treffe, meint Samiah El Samadoni. „Das Problem ist, dass viele Menschen gar nichts mehr dagegen unternehmen, weil sie so zeigen wollen, dass sie so etwas gar nicht treffe.“

Ähnlich ist das auch bei Edem Attisso. „Ich habe gelernt damit zu leben.“ Der junge Fußballer glaubt nicht, dass der Rassismus zunehmen wird, aber: „Es wird auch nie ganz aufhören.“

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