Dominik Brunner : Wer war "der Niki"?

Ein Foto des Verstorbenen steht auf dem Friedhof in Ergoldsbach (Bayern) vor Blumen und Kränzen am Grab des von Jugendlichen zu Tode geprügelten Dominik Brunner. Foto: ddp
Ein Foto des Verstorbenen steht auf dem Friedhof in Ergoldsbach (Bayern) vor Blumen und Kränzen am Grab des von Jugendlichen zu Tode geprügelten Dominik Brunner. Foto: ddp

Nach dem gewaltsamen Tod von Dominik Brunner, der sich schützend vor ein paar Kinder stellte und dafür zu Tode geprügelt wurde, schaut Deutschland geschockt nach Bayern. Doch wer war dieser 50-jährige mutige Mann? Und was machte ihn zum Helden? Sebastian Wieschowski hat sich auf Spurensuche begeben.

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21. September 2009, 11:34 Uhr

Auf offiziellen Fotos lächelt der Bürgermeister mit großväterlicher Gemütlichkeit, doch seit dem vergangenen Wochenende ist der beruhigende Blick elendig erstarrt. Der wuchtige Gemeindevertreter kauert hinter seinem Schreibtisch, als wolle er sich verstecken. "Die Nachricht hat mich tief in der Seele getroffen", stammelt der stämmige Mann und wimmert: "Man ist so hilflos. Warum muss so ein sympathischer und unkomplizierter Mitmensch so brutal für seine Hilfsbereitschaft bestraft werden?" Immer wieder wird Ludwig Robold unterbrochen, immer wieder klingelt das Telefon - und immer wieder muss Ludwig Robold dieselben Fragen zu dem Mann beantworten, den er als zurückhaltend und doch zuvorkommend erlebt hatte und der jetzt zum Helden geworden ist, weil er etwas Selbstverständliches tat.
Denn offenbar war die Zivilcourage, mit der Dominik Brunner vier junge Mitmenschen vor einem Verbrechen bewahren wollte, alles andere als selbstverständlich. Sie war außergewöhnlich, ähnlich wie die augenblickliche Anteilnahme einer ganzen Nation an dem Tod eines Mutigen. Eine Woche danach stehen sie ganz eng beieinander, hunderte Menschen aus der hektischen Metropole München, und beten an der Stelle, die bis zum vorvergangenen Sonnabend um 16:09 Uhr eine einfache S-Bahn-Station war und jetzt zum Mahnmal gegen die Flucht vor dem Leid der Anderen geworden ist.
"Man kann doch nicht wegschauen"
Auch eine Woche nach dem tragischen Tod des 50-Jährigen offenbart die deutsche Seele ihre ganze Hilflosigkeit: Die Deutschen starren betreten zu Boden und blicken boshaft den unbekannten Fünfzehn, die am Bahnsteig gestanden und weggeschaut haben, hinterher. Sie beweinen den ano nymen Ziegelverkäufer aus der Provinz, sie machen ihn zum nationalen Helden. Und sie präsentieren Deutschland dieser Tage als Land der Helden. "Man muss doch zusammen halten", "Man kann doch nicht wegschauen" oder "Ich hätte eingegriffen" bekennen betroffene Passanten zwischen Flensburg und Garmisch Partenkirchen unbeirrt, wenn sie für Zeitungen oder das Fernsehen gefragt werden. In ihrer staatsbürgerlich korrekten Fantasie existiert keine Angst vor einem Haufen breitbeiniger Nachwuchs-Gangster.
Warum Dominik Brunner für sein Heldentum dennoch sterben musste und sich nicht auf die Courage seiner mitmenschlichen Mithelden verlassen konnte, als es ernst wurde? Vielleicht war einfach höhere Gewalt im Spiel an diesem Sonnabendabend am S-Bahnhof Solln, obwohl es sich doch "nur" um ein paar Halbstarke gehandelt hat. Vielleicht ist die viel beschworene Zivilcourage aber doch nur eine gutmenschenhafte Theorie.
Auch privat konnte der pflichtbewusste Unternehmer nicht von seinem Lebenswerk lassen
Während Deutschland versucht, sich nach der traumatischen Erkenntnis vom vergangenen Wochenende wieder Mut zuzusprechen, beweinen in der bayerischen Provinz zwei gebrechliche Menschen an ihrem Lebensabend den Tod des Sohnes. Nur wenige hundert Meter vom Ergoldsbacher Rathaus wohnt "der Chef", wie der Vater des Verstorbenen respektvoll genannt wird. Der 79-Jährige wurde vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Ehrentaler in Gold der Universität Passau und der goldenen Medaille der Sparkasse Landshut, galt jedoch als bescheiden und öffentlichkeitsscheu. Er hatte das mittelständische Unternehmen für Dachziegel mit aufgebaut, war einer der Vorgänger seines Sohnes im Vorstand und hatte nach jahrzehntelanger Tätigkeit noch im hohen Alter einen Sitz im Aufsichtsrat übernommen.
Auch privat konnte der pflichtbewusste Unternehmer nicht von seinem Lebenswerk lassen: In der Ergoldsbacher Industriestraße, direkt neben dem finsteren Gemäuer des alten Ziegelwerkes, lebt er zurückgezogen in seinen Altersruhesitz, der von hunderten Bäumen geschützt wird. Bei den Brunners, so versichern Anwohner, soll es sich um eine glückliche und genügsame Unternehmerfamilie gehandelt haben. Erst im Frühjahr, so berichten Anwohner, sei der Sohn seinen Eltern zuliebe in ein Anwesen mit Sichtweite zum Erlus-Kaminwerk gezogen - die Mutter, so wird berichtet, soll schwer erkrankt sein. Seitdem wohnte der 50-Jährige in einer weißen Villa gegenüber und kümmerte sich regelmäßig um die Eltern.
"Der Schock sitzt sehr tief bei mir"
So intakt, wie das unauffällige Zusammenleben der vorbildlichen Unternehmerfamilie von Nachbarn beschrieben wird, so intakt war auch der Erfolg des Ziegelfabrikanten aus der niederbayerischen Provinz. Die knallroten Dächer der Fabrik dominieren das Landschaftsbild, laut Geschäftsbericht gibt das Unternehmen hier 529 Mitarbeitern einen festen Job. Das selbstreinigende Tondach, eine Erfindung aus Neufahrn, ist auf Kirchen und anderen öffentlichen Gebäuden in ganz Deutschland zu sehen. Von dem dynamischen Image des mittelständischen Unternehmens ist in dieser Woche jedoch nichts mehr zu spüren: "Der Schock sitzt sehr tief bei mir", sagt Rolf Sommer, der als Gebietsrepräsentant für die Erlus AG tätig ist. "Hier ging heute nichts mehr", sagt ein Vertriebsmitarbeiter am ersten Arbeitstag nach der Todesnachricht. Viele Kollegen seien gleich zuhause geblieben, andere "nur zum Reden" ins Büro gekommen.
In Gedanken an den Schrecken, welcher über den Sohn der Gemeinde in der fernen Großstadt hereinbrach, versinkt das kleine Ergoldsbach in einer regelrechten Schockstarre. Vor dem Anwesen des getöteten Managers legen Menschen nun Blumen nieder und zünden Kerzen an. Hier mag niemand reden, die Menschen verharren sprachlos an dem stillen Ort. An der Ergoldsbacher Kirche findet einen Tag nach dem S-Bahn-Mord eine spontane Mahnwache statt. Hier, auf dem Platz vor der Pfarrkirche St. Peter und Paul, ist das blanke Entsetzen zuhause. Die meisten kennen den couragierten Manager offenbar nur von flüchtigen Begegnungen aus dem Ort. Trotzdem klingen sie, wenn sie von "dem Niki" sprechen, auch ein bisschen stolz, als sei er ein altbekannter und vertrauter Weggefährte. Eine ältere Dame wimmert: "Dass keiner dem Niki geholfen hat, obwohl er doch helfen wollte, das macht mir schreckliche Angst."
Der Tod des unschuldigen S-Bahn-Helden hat einen rauen Herbst eingeleitet
Und so stehen sie auch an diesem Wochenende wieder beisammen, die Menschen in der bayerischen Metropole und im Heimatdorf des Helden. In den nächsten Tagen soll es, so bekräftigen viele der Trauernden, weitere spontane Treffen mit noch mehr Teilnehmern geben, um "den Niki" nicht zu vergessen. Sie ziehen ihre Regenjacken zu, blicken wieder betreten zu Boden und starren boshaft den unbekannten Fünfzehn, die am Bahnsteig gestanden und weggeschaut haben, hinterher.
Der Tod des unschuldigen S-Bahn-Helden hat einen rauen Herbst eingeleitet, der sich ein wenig unmenschlicher und kälter anfühlt als sonst. Denn ein Land der Helden muss schmerzhaft erfahren, dass Polizeistreifen und Sicherheitsdienste, dass Notrufsäulen und Videokameras keine Sicherheit bieten, wenn in einer Gesellschaft etwas verloren gegangen scheint: Der Mut, sich für den in Not geratenen Nächsten einzusetzen.

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