zur Navigation springen

Ungeklärte Verbrechen in Schleswig-Holstein : Wer ermordete Heike Lehmann?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

40 ungeklärte Morde gibt es in Schleswig-Holstein. Einer von ihnen ist der an der damals 20-jährigen Heike.

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2016 | 17:38 Uhr

Seth | In Schleswig-Holstein gibt es über 40 ungeklärte Morde. Die Verbrechen lassen die Ermittler nicht los – und in den vergangenen Jahren sind etliche dank verfeinerter DNA-Analyse geklärt worden. Doch manchmal ist der Täter einfach nicht zu fassen. In einer Serie stellt der sh:z diese Fälle vor.

Auf dem Ball der Landwirtschaftsmesse Norla hatten sie die ganze Nacht miteinander getanzt: Heike (20), im fünften Monat schwanger, und ihr Freund Klaus* (24), Sohn eines wohlhabenden Milchbauern. In seinem Opel Ascona will er sie später bis vor die Haustür gefahren haben. Doch am nächsten Morgen war die junge Frau aus Seth (Kreis Segeberg) verschwunden – ermordet, da ist sich die Kripo sicher.

Ihre Leiche wurde nie gefunden. Einer der mysteriösesten Mordfälle von Schleswig-Holstein ist bis heute ungeklärt.

Der Fall liegt 33 Jahre zurück, die Spur von Heike Lehmann verliert sich am 12. September 1982. Besuch bei den Angehörigen: Noch heute wohnen Mutter und Schwester in dem Haus, in dem sie damals einen kleinen Krämerladen betrieben. Mutter Magda Lehmann (76) hat die alten Zeitungsartikel aufgehoben. Auch solche, in denen später in ganz anderen Zusammenhängen über den Freund der Tochter berichtet wird, den die Familie für den Mörder hält. Mal gab es ein Feuer auf dem Gehöft von Klaus, mal wurden Landmaschinen gestohlen. Zuletzt musste der Rinderhalter sich vor dem Amtsgericht Bad Segeberg verantworten. Er soll seine Kühe nicht richtig versorgt haben.

„Heike und Klaus hatten sich 1981 bei einem Discoabend in Kattendorf kennengelernt“, erzählt Magda Lehmann. Zu ihrem 20. Geburtstag, im März 1982, habe sie ihn das erste Mal mit nach Hause gebracht, alle hätten ihn gemocht. Kurz nach der Feier habe Heike dann erzählt, dass sie schwanger sei. „Meine Tochter hat sich riesig auf das Baby gefreut.“

Für das Wochenende nach ihrem Tod war die Verlobung geplant. Familienoberhaupt Rudolf Lehmann hatte klare Verhältnisse von dem Jungbauern gefordert. Die Eltern von Klaus sollen nicht begeistert gewesen sein. Die Verkäuferin in einer Textilabteilung als Ehefrau für ihren Sohn? Die reichen Eltern waren gegen die arme Braut. Die Kripo sah darin auch das Motiv für einen Mord. „Er hatte einen Grund und eine Gelegenheit“, sagte ein Ermittler damals über den Freund von Heike.

Doch nachweisen konnten die Beamten ihm nichts. Es gab nur Indizien. Bei der Suche nach Heike inspizierten Polizisten Knicks, Gräben und Waldstücke, ein Hubschrauber kreiste, Taucher stiegen in Tümpel und Wasserlöcher. Die gesamte Freiwillige Feuerwehr machte mit – nur ein Mitglied nicht: Klaus. Drei Stunden nachdem er Heike abgeliefert haben will, goss er auf dem elterlichen Hof das Fundament für einen Kuhstall. Liegt Heike dort unter Beton? Experten untersuchten es mit einem Bodenradar, aufgestemmt wurde es jedoch nie.

Bei Familie Lehmann erschien Klaus nur noch ein einziges Mal, blieb draußen vor der Tür stehen. Schwester Martina, damals 13, fragte ihn: Wo hast du Heike gelassen? „Darauf reagierte er gar nicht“, erinnert sie sich heute. „Er sagte, er müsse jetzt die Kühe melken. Das war ihm wichtiger, als nach seiner Freundin zu suchen.“ In ihrer Not gründete die Familie mit Freunden eine Observationsgruppe, und Martina, deren Stimme wie die ihrer Schwester klang, rief als „Geist“ beim mutmaßlichen Mörder an: „Mir ist kalt ... hol mich hier ab.“ Erfolg hatte das alles nicht.

1985 klickten dann die Handschellen. Ermittler brachten den Jungbauern zur Vernehmung. Doch ein Geständnis gab es nicht, er blieb dabei, sie um 4.15 Uhr abgesetzt zu haben. „Ich sah sie auf das Grundstück gehen und um die Ecke in Richtung Eingang verschwinden“, so seine Aussage. Das Haus betrat Heike allerdings nicht. „Ihr Bett war unberührt“, sagt Magda Lehmann, die damals mit der ganzen Familie auf einem Kegelausflug war. „Und es fehlten die Sachen, die sie anhatte. Cordjeans, weißer Pulli, blaue Schuhe.“

Weitere zehn Jahre später schien der Fall dann endlich geklärt zu sein, der ehemalige Freund wurde erneut verhaftet. In der Feldmark bei Seth war ein Loch gefunden worden, sauber ausgeschachtet. Heikes Grab, glaubten die Ermittler der Kieler Mordkommission. Abgedeckt mit Holzbohlen, die sich einem landwirtschaftlichen Hof zuordnen ließen. Allein, eine Leiche lag nicht darin. Vielleicht habe der Verdächtige sie wieder ausgegraben, argumentierten die Ermittler. Die Ernüchterung folgte wenig später. Bauer Thomas S. (33) meldete sich bei der Polizei und erklärte, er habe das Erdloch gegraben, um wie Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg im Freien zu nächtigen.

Der Haftbefehl wurde aufgehoben. Familie Lehmann stürzte in tiefe Verzweiflung. „Mein Ehemann ist an dem Verlust zu Grunde gegangen“, sagt Magda Lehmann. „Ich habe ihn beerdigt, an seinem Grab getrauert.“ Dann hält sie kurz inne und Tränen füllen ihre Augen. „Aber für meine Tochter gibt es kein Grab. Ich fahre viel mit dem Rad herum, und frage mich, wie oft ich wohl schon an ihrer Leiche vorbeigekommen bin, ohne es zu wissen.“ Der Schmerz sei nicht überwunden, sagen Mutter und Schwester. „Ich bin wütend auf den Mörder, der mit der Sache so einfach leben kann“, fährt Magda Lehmann fort und hebt ihre Stimme: „Er soll uns sagen, wo Heike liegt, damit wir ein Grab haben.“

Welche Chancen sehen die Ermittler, den Fall noch zu klären? Oberstaatsanwalt Axel Bieler: „Da Mord nicht verjährt, wird regelmäßig geprüft, ob es wegen rechtsmedizinischer Fortschritte neue Möglichkeiten der Aufklärung gibt.“ Auch neue Spuren oder Hinweise würden von den Ermittlern grundsätzlich sofort verfolgt.

Klaus heiratete im September 1984 eine andere Frau. Die Ehe mit zwei Kindern wurde später wieder geschieden. Und jetzt, im reifen Alter, hat er noch einmal sein Glück gefunden, ist erneut Vater von zwei Kindern geworden.

* Name geändert

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen