Risiko Hilfsbereitschaft : Wenn Zivilcourage zum Verhängnis wird

'Für einen, der mutiger war als wir Behüt Sie der Himmel'. An der S-Bahn-Haltestelle in München-Solln erinnern Betroffene an die Prügelattacke Jugendlicher gegen Dominik Brunner. Foto: ddp
"Für einen, der mutiger war als wir Behüt Sie der Himmel". An der S-Bahn-Haltestelle in München-Solln erinnern Betroffene an die Prügelattacke Jugendlicher gegen Dominik Brunner. Foto: ddp

Der tragische Fall Dominik Brunner hat in dieser Woche die Gemüter bewegt. Viele - prinzipiell hilfsbereite - Menschen fragen sich: Wie viel Zivilcourage kann ich heutzutage noch riskieren?

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21. September 2009, 11:33 Uhr

"Helfen lohnt sich" lautet eine der Losungen des "XY-Preises" für Zivilcourage, der am Monatsersten zum achten Mal vergeben worden ist. Ferner heißt es: "Der Preis soll zeigen, dass Hilfe gegen Gewalt möglich ist." Am Mittwochabend hat "Aktenzeichen"-Moderator Rudi Cerne Dominik Brunner während der Live-Sendung posthum mit dem "XY-Ehrenpreis ausgezeichnet. Eine grenzwertige Entscheidung. Denn der Fall Brunner zeigt, dass "Hilfe gegen Gewalt" tödlich enden kann und sich, zumindest am 12. September in München-Solln, ganz bestimmt nicht gelohnt hat.
Dass Dominik Brunner der idealtypische Kandidat auch für den Gewinn des regulären "XY-Preises" gewesen wäre, steht außer Frage. Der 50-jährige Geschäftsmann hat sich geradezu vorbildlich verhalten. In seinem Abteil der Münchner S-Bahn-Linie 7 beobachtet er am Sonnabendnachmittag letzter Woche, wie zwei junge Männer versuchen, eine Gruppe Jugendlicher "abzuziehen". Brunner verständigt per Handy die Polizei, stellt sich dann schützend vor die bedrohten Teenager und bietet ihnen an, mit ihm an der Haltestelle Solln, an die er die Beamten gebeten hat, auszusteigen. Doch dort angekommen, reichen den beiden mehrfach vorbestraften Tätern (17 und 18 Jahre alt) fünf Minuten, um den couragierten Unternehmer mit insgesamt 22 Tritten und Schlägen zu töten. Keiner der nach Polizeiangaben 20 zur Tatzeit auf dem Bahnsteig wartenden Passanten greift ein.
Zivilcourage kann zum persönlichen Verhängnis werden
Dass der Fall Brunner die Nation bewegt, liegt auf der Hand. Er ist an Tragik, an bitterer Ironie kaum zu überbieten. Und er wirft die Frage auf, wie viel Hilfsbereitschaft, wie viel Zivilcourage man heutzutage noch riskieren kann. Der erste Impuls in einer Bedrohungssituation ist doch unstrittig: Man möchte helfen. Eine Art Urinstinkt. Ebenso instinktiv wägt allerdings die Mehrheit der Menschen im Handy-Zeitalter ab, ob es nicht klüger wäre, die Polizei zu rufen, anstatt selbst einzugreifen. Der Fall Brunner indes dürfte die ganz besonders pragmatische Fraktion bestärken, die den Wunsch, nicht in eine gefährliche Situation verwickelt zu werden, über den Wert Zivilcourage und die - im Übrigen gesetzliche - Pflicht zur Hilfeleistung stellt. Denn die Geschehnisse am S-Bahnhof Solln zeigen: Zivilcourage kann selbst in so durchdacht praktizierter Form zum persönlichen Verhängnis werden.
Die Politik hat uns in dieser Woche allerdings, wieder einmal, keine Zeit zum Innehalten, zur Abwägung des Nutzens und der Risiken von Hilfsbereitschaft gelassen. Stattdessen: altbekannte, reflexartig erhobene Forderungen nach einer generellen Anwendung des Erwachsenenstrafrechts bei 18 bis 21 Jahre alten Tätern und einer Ausweitung des Strafrahmens für 14- bis 18-Jährige. Vorstöße, die, kurz vor der Bundestagswahl, frappierend an den Law-and-order-Wahlkampf des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch erinnern, der im Januar letzten Jahres nach einer von Überwachungskameras aufgezeichneten Prügelattacke auf einen 76-jährigen Rentner ganz auf die Repressionskarte gesetzt hatte.
Bekämpfung der Jugendkriminalität wird oftmals als zu lax empfunden
"Warnschussarrest". "Erziehungscamps". Erleichterte Abschiebung minderjähriger Verurteilter "mit Migrationshintergrund". Die Parolen sind bekannt. Und auch jetzt, 20 Monate später, stoßen die markigen Forderungen bayerischer Minister durchaus auf Resonanz. Denn die Bekämpfung der Jugendkriminalität wird, Stichwort "Kuschelpädagogik", oftmals als zu lax empfunden. Der "Täterschutz" rangiere offenbar vor dem Opferschutz. Der "weichen Welle" mit milden Urteilen und überdimensionierter Nachsicht müsse ein Ende gesetzt und stattdessen mit "eisernem Besen gekehrt" werden.
Vom emotionalen Standpunkt her ist der Wunsch nach einer energischen Reaktion der Strafverfolgungsbehörden nur allzu verständlich. Die scheußliche Tat am S-Bahnhof Solln bedrückt einfach zu sehr. Und, seien wir ehrlich: Sie macht auch wütend. Zumal jeder, ausnahmslos jeder Schleswig-Holsteiner ein Anekdötchen zum Thema Verrohung der Jugend beisteuern könnte. Der früher übliche Grundrespekt Erwachsenen gegenüber ist häufig aufsässiger Rotzigkeit gewichen. Zudem fachen all die Berichte der letzten Jahre über Gewalt an Schulen, über "Happy Slapping" und Amokläufe verzweifelter Außenseiter, zuletzt am Donnerstag beim Amoklauf an einem Gymnasium in Ansbach, den Wunsch nach einer Lösung des Problems Jugendkriminalität an.
Ausmaß der Teenager-Gewalt bleibt indiskutabel hoch
Doch deren Ursachen sind leider Gottes zu komplex, als dass es eine solche kathartische (Er-)Lösung geben könnte. Darüber hinaus kämpfen Sozialarbeiter, Bewährungshelfer und Jugendgerichtsbarkeit längst mit einem viel differenzierteren - und strengeren - Instrumentarium gegen die Gewalt an, als vielen ihrer Kritiker bewusst ist.
Um nicht missverstanden zu werden: Das Recht des Einzelnen auf Sicherheit, sprich: auf körperliche Unversehrtheit im öffentlichen Raum kann gar nicht hoch genug bewertet werden (auch wenn diese Sicherheit nie hundertprozentig zu gewährleisten sein wird). Und es ist eine Schande, dass sich beispielsweise viele ältere Menschen, schon seit Jahren, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus trauen. Zudem darf es in puncto Bekämpfung der Jugendkriminalität mit Blick auf die ständigen, spektakulären Gewaltexzesse kein selbstzufriedenes "Weiter so" geben. Dennoch muss die jetzt neu aufgeflammte Debatte besonnen, sachlich und frei von Anfeindungen und Hauruck-Vorschlägen geführt werden. Dazu gehört im Übrigen auch, sich eine gewisse Rat- und Hilflosigkeit eingestehen zu können. Denn trotz der wohlüberlegten Mischung aus Prävention und Repression bleibt das Ausmaß der Teenager-Gewalt indiskutabel hoch.
Wie viel Zivilcourage kann ein hilfsbereiter Mensch noch riskieren?
Ein erster Schritt könnte die Aufstockung des Sicherheitspersonals an Bahnhöfen sein. Überwachungskameras ersetzen keine Polizeipräsenz. Da rüber hinaus müssen den Jugendämtern mehr Sozialarbeiter zur Verfügung gestellt, verhaltensauffällige Klienten früher therapiert werden. Und die Hauptschulen dürfen nicht so viele "Bildungsverlierer" produzieren. Kurzum: Die Bekämpfungsstrategien müssen weiter verfeinert und intensiviert werden.
Was bleibt, ist die grundsätzliche Frage, die der Fall Brunner aufwirft. Wie viel Zivilcourage, eine im Grunde doch unverzichtbare Tugend, kann ein hilfsbereiter Mensch anno 2009 noch riskieren? Experten raten, in einer Situation wie in München nach Möglichkeit andere Fahrgäste in die Hilfeleistung mit einzubeziehen und die Täter dadurch einzuschüchtern.

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