Geschockte Patienten : Wenn sich Ärzte irren: Todesangst nach Fehldiagnose

Das Arzt-Patienten-Gespräch wird leider nicht immer mit der nötigen Sensibilität geführt.
Das Arzt-Patienten-Gespräch wird leider nicht immer mit der nötigen Sensibilität geführt.

Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient hakt bisweilen gewaltig. Das kann bis hin zu einem Krebsleiden gehen, das sich dann als bloße Hautirritation entpuppt. Doch die Patienten bleiben geschockt zurück.

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30. Mai 2015, 19:28 Uhr

Wer einmal anfängt, sich umzuhören, dem fliegen die Geschichten nur so zu. Geschichten von Ärzten, die ihre Patienten mit zum Teil schockierenden Diagnosen abgebügelt und stehengelassen haben.

Fall 1 Eine Frau kommt mit einer juckenden Stelle zum Hautarzt, möchte eine Salbe haben. Der Arzt guckt einmal drauf – und diagnostiziert Brustkrebs. Es wird ein Abstrich gemacht, die Frau nach Hause geschickt. Zehn Tage später ist das Ergebnis der Laboruntersuchungen da. Nicht der Arzt, sondern die Patientin hat Recht. Es handelt sich bei der Stelle nicht im Brustkrebs, sondern eine mit einer cortisonhaltigen Salbe zu behandelnden Hautirritation.

Fall 2 Ein Mann kommt mit einer farblichen Veränderung der Haut zum Arzt. Der schaut einmal drauf und erkennt weißen Hautkrebs. Er würzt seine Diagnose mit der Aussage: „Die letzte Patientin die ich mit so einer Stelle hatte, war nach zwei Wochen tot“ – und schickt den Mann ins Wochenende. Nach nahezu zwei Wochen kommt die erlösende, korrekte Diagnose: Der Mann hat ein Muttermal.

Fall 3 Eine Frau kommt mit juckenden Stellen an Unterarmen und -schenkeln zu einem niedergelassenen Hautarzt. Ein Blick genügt dem: „Sie haben einen schweren Leberschaden.“ Die Frau lässt sich nicht irritieren, fragt ab, welche Möglichkeiten es noch gäbe, spricht von trockener Haut et cetera. Der Arzt hört kurz zu und wirft dann ein: „Ich habe Ihnen gerade eine ganz schlimme Diagnose gestellt. Macht Ihnen das denn keine Sorge?“ Nein, erwidert die Patientin, da das nicht stimmen könne, es sei gerade erst ein großes Blutbild gemacht worden, sie habe kürzlich ein Kind gekriegt, in all den Untersuchungen hätte ja wohl schon einmal etwas auffallen müssen – bei der Schwere der vermuteten Erkrankung. Zudem trinke sie nicht und nehme keine Medikamente. Doch der Arzt insistiert. Solche Hautveränderungen gäbe es nur bei Leberschäden. Der verordnete Ultraschall und das große Blutbild geben der Patientin Recht. Auch Hinweise auf eine Allergie liegen nicht vor. Zumindest auf keine schwere. Dennoch solle sie sich an einen Allergologen wenden, sagt der Arzt: „Ich kann besser operieren.“

Angesichts der erst kürzlich verkündeten, gestiegenen Zahlen der Ärztefehler im Bund (3796 Fälle in 2014) machen solche Geschichten nachdenklich. Kerstin Kols, Geschäftsführerin der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammer beschwichtigt allerdings sogleich: Erstens habe man den betreffenden Arzt noch gar nicht zu den Fällen gehört und könne ergo gar nicht sagen, ob sich das überhaupt so zugetragen habe. Und zweitens seien dies keine Fehldiagnosen, sondern nur Fehleinschätzungen. Schließlich lägen hier ja keine Gesundheitsschäden aufgrund von Behandlungsfehlern vor. Und Fehleinschätzungen gehörten zum Geschäft. Denn jeder Mensch sei anders, keine Erkrankung präsentiere sich immer gleich und also müssten die Ärzte sich erst einmal an ihre Diagnose herantasten. Das sie dabei in den genannten Fällen allerdings wenig Sensibilität bewiesen, gesteht Kols ein.

Mit diesen Einschätzungen geht Frank Helmig, Chefarzt der Flensburger Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, weitgehend einher. Doch sieht er auch die Schwächen in der Kommunikation, die nicht zuletzt drei Ursachen hätten: auf Seiten der Patienten bestehe eine Gier nach handfesten Diagnosen, bei den Ärzten bestehe der Rechtfertigungszwang via Diagnose und die Kassen zahlten nur, wenn eine Diagnose gestellt wurde.

Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient als Schwachstelle benennt auch Carsten Leffmann, Geschäftsführer der Ärztekammer Schleswig-Holstein in Bad Segeberg. Und damit Chef der Anlaufstelle für Patientenbeschwerden in Schleswig-Holstein. Die Ärztekammer wisse, dass es da Probleme gebe, habe aber auch ein sehr ausgebufftes System, um diesen nachzugehen. Betroffene in Fällen wie den geschilderten etwa, fordert Leffmann dringend auf, sich an die Ärztekammer zu wenden und Ross und Reiter zu benennen. „Wir gehen dem nach, hauen wenn es sein muss auf die Finger und können sogar ein Berufsverbot aussprechen“, betont er. Allerdings sei die Hemmschwelle, sich zu melden, bei vielen Patienten bedauernswert hoch. „Lieber einmal zu viel beschweren“, meint Leffmann.

Überhaupt sei die Kommunikation zwischen Arzt und Patienten auf dem letzten Deutschen Ärztetag ein großes Thema gewesen. „Und das zu Recht“, sagt Leffmann. „Schließlich hat sich an der Länge der Arztausbildung seit dem 13. Jahrhundert nichts geändert. Allerdings ist viel neues Wissen über die Medizin dazugekommen.“ Das habe das Gespräch in den Hintergrund gedrängt.

Wie sehr, das ließ sich nicht zuletzt auf eben jenem Bundesärztetag in Frankfurt beobachten. Da brauchte der Redner zum Thema Kommunikation mehrere Anläufe, und die Aufrufe Dritter, um sich bei den Ärzten Gehör zu verschaffen und die palavernde Runde zum Schweigen – und Zuhören – zu bringen. Das zumindest berichtet Christian Beneker in seinem Artikel für praxis.medscapemedizin.de.

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