Stottern : Wenn das Wort nicht raus will

'Wie reagiert mein Gesprächspartner auf mein Stottern?' Eine Frage, die sich   Martina Pansegrau täglich stellt. Foto: Ruff
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"Wie reagiert mein Gesprächspartner auf mein Stottern?" Eine Frage, die sich Martina Pansegrau täglich stellt. Foto: Ruff

Für Menschen, die stottern, sind Wörter oft unüberwindbare Hindernisse. Zwei Frauen erzählen von ihrem täglichen Kampf mit den Worten.

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16. Mai 2011, 11:58 Uhr

Elmshorn/Itzehoe | Erst kommen Martina Pansegrau (51) aus Itzehoe die Sätze flüssig über die Lippen. Doch plötzlich hakt es. Beim Wort "Kürbis" zum Beispiel. Das Wort will einfach nicht raus, so sehr sich die Bürokauffrau auch anstrengt. Martina Pansegrau wiederholt den Konsonanten "K" viele Male, erst nach ein paar Sekunden rücken die anderen nach. Ein Kampf, immer wieder.
Martina Pansegrau stottert seit ihrem vierten Lebensjahr. Sie gehört damit zu 800.000 Erwachsenen in Deutschland, darunter fünfmal mehr Männer als Frauen. Nach Angaben der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe sind die Ursachen noch ungeklärt. Es kann in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten. Martina Pansegrau beispielsweise ist eine Wiederholungsstotterin. Besonders Konsonanten machen ihr Probleme. Von der Grundschule wurde sie deshalb verwiesen, wechselte auf eine Sprachheilschule. Zahlreiche Therapien ließ die sympathische Frau zusätzlich über sich ergehen, von Psychotherapie über Logopädie bis hin zur Hypnose.
Tempo drosseln
Heilen konnten die Behandlungen sie nicht. Aber Martina Pansegrau hat gelernt, mit ihrer Sprachbehinderung umzugehen. Wenn sie merkt, dass das folgende Wort Probleme macht, versucht sie das Sprechtempo zu drosseln, spricht die Konsonanten weicher, dehnt den nachfolgenden Vokal. So entsteht weniger sprachlicher Druck und sie kommt im Optimalfall über einen Stotterblock hinweg, ohne dass ihr Gesprächspartner etwas merkt. Das gelingt bei Weitem nicht immer. Es braucht viel Übung, um diese Methode auch in Stresssituationen anzuwenden. Daran arbeitet Pansegrau jeden Tag.
Denn die Irritation auszuhalten, die ihr Stottern beim Zuhörer auslöst - das ist für Pansegrau das Schlimmste. "Die Akzeptanz stotternder Menschen ist heute viel höher als noch vor 40 Jahren. Trotzdem haben wir noch mit Vorurteilen zu kämpfen. Dass Stotterer dumm seien zum Beispiel." Erst kürzlich musste Martina Pansegrau sich an der Fleischtheke eines Supermarktes nachäffen lassen, als sie das Wort "Putenfleisch" nicht flüssig herausbrachte. Ergreift die alleinerziehende Mutter auf Elternabenden das Wort, spürt sie irritierte Blicke.
Stottern schreckte Jungen ab

"Das Stottern zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben", sagt Pansegrau und erinnert sich daran, dass sie eigentlich Krankenschwester hatte werden wollen. Doch Mitarbeiter der Klinik, in der sie ein Praktikum ableistete, machten ihr klar, dass es notwendig sei, als Krankenschwester Informationen schnell weiterzugeben. Kein Beruf also für ein stotterndes Mädchen.
Auch bei der Partnersuche machte die Sprachbehinderung Probleme. Ging die Blondine am Wochenende tanzen, wurde sie oft angesprochen. "Doch spätestens wenn ich stotterte ich bin Mmmm... mmmartina, drehten die Jungen sich um und gingen."
Stotterer-Selbsthilfe
Frauke Hüttmann (49) aus Elmshorn kennt solche Szenen. Auch sie stottert seit frühster Kindheit. "Es war so schlimm, dass ich mir auf den Oberschenkel haute, um ein Wort herauszubringen", erinnert sie sich.
Erst durch eine Therapie bei einem Sprachheillehrer, der selbst stotterte, und durch ihr Engagement bei der Stotterer-Selbsthilfe sprach Frauke Hüttmann flüssiger. Mittlerweile merken Fremde nur noch selten, dass die technische Zeichnerin eine Sprachbehinderung hat. "Eine gewisse Zeit kann ich mich zusammenreißen und flüssig sprechen. Lässt meine Konzentration nach, kommt das Stottern zurück", sagt Hüttmann, der es heute nichts mehr ausmacht, in großer Runde zu sprechen. Doch das war nicht immer so. "Es gab Zeiten, da habe ich das Sprechen gemieden. Klingelte das Telefon, mochte ich nicht rangehen."
(heg, shz)

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