Alkoholismus in SH : Weniger Werbung, höhere Preise: Landesstelle für Sucht wünscht sich härtere Alkohol-Gesetze

Auch 50 Jahre nach der Anerkennung als Krankheit ist Alkoholabhängigkeit noch mit Scham und Stigmata behaftet.

Auch 50 Jahre nach der Anerkennung als Krankheit ist Alkoholabhängigkeit noch mit Scham und Stigmata behaftet.

Vor 50 Jahren wurde Alkoholismus als Krankheit anerkannt. Nach wie vor ist die Dunkelziffer von Alkoholabhängigen hoch.

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18. Juni 2018, 17:19 Uhr

Kiel | Am Montag vor 50 Jahren wurde Alkoholismus zum ersten Mal als Krankheit anerkannt. Mit einer Entscheidung des Bundessozialgerichts vom 18. Juni 1968 wurden Krankenkassen dazu verpflichtet, für die Behandlungskosten alkoholkranker Menschen aufzukommen. Aktuell gelten – nach Zahlen der Drogenbeauftragten der Bundesregierung – 1,3 Millionen Menschen in Deutschland als alkoholabhängig. 9,5 Millionen Menschen konsumieren demnach zu viel Alkohol.

Genauere und vor allem zuverlässige Zahlen für die einzelnen Bundesländer gibt es nicht. Nachgefragt bei der Landesstelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein (LSSH) heißt es: „Es können nur die Personen erfasst werden, die in ärztlicher Behandlung sind – und das sind die wenigsten. Nur ein kleiner Bruchteil der Alkoholabhängigen taucht also wirklich im System auf“, sagt Björn Malchow, stellvertretender Geschäftsführer der LSSH. Die wenigen vorhandenen Zahlen sind also nur die sichtbare Spitze des Eisbergs.

Scham und Stigmata

Auch laut der Drogenbeauftragten der Bundesregierung befinden sich nur etwa zehn Prozent der Abhängigen in einer Therapie. Und die werde viel zu spät aufgesucht, oft erst nach zehn bis 15 Jahren. „Das Hilfesystem bei uns ist gut. Aber die Krankheit ist so mit Scham und Stigmata behaftet. Deswegen dauert es so lange, bis die Betroffenen sich Hilfe holen“, berichtet Malchow. Und er ergänzt: „Alkohol ist ein reines Zellgift. Das kann in so einer Zeit eine Menge kaputt machen.“

Späte Krankheitseinsicht

Schwierig sei daran vor allem, dass die Krankheitseinsicht der Betrofffenen erst viel zu spät komme, so Malchow. „Oft werden die Erkrankten sogar noch von Verwandten oder dem Partner gedeckt.“ Wer alkoholabhängig ist, schämt sich dafür.

Wer Hilfe für sich selbst oder Angehörige benötigt, der findet im Suchtkrankenführer des LSSH alle Kontakte in Schleswig-Holstein.


Tod durch Alkohol

Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 20.000 Menschen an den direkten und indirekten Folgen ihres Alkoholmissbrauchs. Die Liste der durch Alkoholkonsum begünstigten Krankheiten ist lang. Sie reicht von einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verschiedenen Krebsarten wie Speiseröhren- und Mundhöhlenkrebs bis hin zu Leber- und Gehirnschäden.

Todesfälle, die aufgrund von ausschließlich durch Alkohol bedingten Erkrankungen zurückzuführen sind, werden statistisch erfasst. Doch Achtung, auch hier ist die Dunkelziffer wahrscheinlich viel höher. Welche genaue Ursache zum Beispiel ein Herz-Infarkt hatte, kann nicht immer erfasst werden.

Innerhalb der nördlichen Bundesländer ist die Todesrate in Mecklenburg-Vorpommern am höchsten. Das kann damit zusammenhängen, dass Mecklenburg-Vorpommern besonders vom ländlichen Raum geprägt ist, so Malchow. In ländlichen Regionen werde tendenziell mehr getrunken, als in städtischen. Schleswig-Holstein befindet sich dabei bundesweit im Mittelfeld. Hier sind 2015 pro 100.000 Einwohner jeweils 35 Männer und 11 Frauen wegen Alkohol ums Leben gekommen.

Auch die volkswirtschaftlichen Kosten des Alkoholismus sind enorm: Sie belaufen sich auf 26,7 Milliarden Euro. 7,4 Milliarden davon sind allein die direkten Kosten für das Gesundheitssystem. Der Staat verdient aber auch am Alkohol: 2016 wurden Steuereinnahmen in Höhe von 3,3 Milliarden Euro gezählt.

Gesellschaftlich akzeptiert

Alkohol ist die Grundlage Grundlage vieler gesellschaftlicher Veranstaltungen.
Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Alkohol ist die Grundlage vieler gesellschaftlicher Veranstaltungen.

 

Anders als anderer Drogenkonsum wie das Rauchen oder der Konsum von Cannabis ist Alkohol viel stärker gesellschaftlich akzeptiert. Bildet er doch gar die Grundlage vieler gesellschaftlicher Veranstaltungen. „Und die werden in Deutschland noch sehr positiv dargestellt. Das Oktoberfest zum Beispiel ist ja eigentlich ein reines Massenbesäufnis. Im Vergleich dazu ist die Kritik daran sehr gering", urteilt Malchow vom LSSH. 

Ob das Bier zum Fußballspiel, der Weißwein zum Abendessen oder der Cocktail zur Strandparty: Alkohol ist zu unzähligen gesellschaftlichen Anlässen etabliert. Wer nicht trinkt, fällt auf. Ein großer Teil der Bevölkerung konsumiert Alkohol, aber ein Problem damit will keiner haben? „Das ist das komische daran“, sagt Malchow vom LSSH.

Wie viel Alkohol ist zu viel?

Der gesundheitlich unbedenkliche Alkoholkonsum liegt laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei gesunden erwachsenen Frauen bei zwölf Gramm. Für gesunde erwachsene Männer liegt diese Grenze bei 24 Gramm Alkohol pro Tag. Wer als Frau mehr als 0,1 Liter Wein oder Sekt, mehr als 0,25 Liter Bier oder 4 Zentiliter Schnaps pro Tag trinkt, bewegt sich damit bereits in einem gesundheitlich riskanten Bereich. Für Männer gilt die doppelte Menge.

Im Rahmen der Alkoholprävention sieht Björn Malchow in Deutschland noch Nachbesserungsbedarf. Vor allem drei Faktoren bewertet er als problematisch:

1. Alkohol in Deutschland ist günstig
Im europäischen Vergleich gehört Deutschland zu den Ländern mit dem eher niedrigen Alkoholsteuern. „Alkohol ist hierzulande überall, schnell und günstig verfügbar“, sagt Malchow.

2. Die Altersgrenze in Deutschland liegt bei 16 Jahren
In den meisten EU-Ländern ist Alkohol – egal wie wenig Prozent er hat – grundsätzlich ab 18 Jahren erlaubt. „Jugendliche können sich auch mit viel Bier betrinken. Das Fatale daran ist, dass das gerade bei jungen Menschen, die sich noch im Wachstum befinden, die die Stoffwechselvorgänge viel stärker beeinträchtigen und zu nachhaltigen Schäden führen kann.“ Malchow schlägt deswegen vor: „Hier könnten auch andere Länder Vorbild sein, die Alkohol generell erst ab 18 erlauben.“

3. Werbung für Alkohol
Was längst für Zigaretten gilt, ist beim Alkohol noch kein Thema: „Werbung für alkoholische Getränke ist in Deutschland kaum beschränkt“, kritisiert Malchow und sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, hier nachzubessern.

Wie der ehemalige Alkoholiker Werner Hüllmann den Weg aus dem Alkoholismus und der Obdachlosigkeit zurück in die Gesellschaft gefunden hat, lesen Sie hier auf shz.de.

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