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Schleswig-Holstein

17. Dezember 2017 | 03:50 Uhr

Welche Schule für mein Kind?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 15.Feb.2015 | 15:24 Uhr

In den vielen Jahren, die ich allwöchentlich am Schulsorgentelefon saß, war die häufigste Frage der Eltern – meist der Mütter – „Welche Schule ist für mein Kind gut?“ Dabei betraf es vor allem die Einschulung, den Übergang in die weiterführende Schule oder auch den Umstand, dass eine Familie mit ihrem Kind innerhalb Deutschlands oder Schleswig-Holstein umzog. Nun gibt es allerdings keine an sich gute Schule. Ob eine Schule gut ist, entscheidet sich immer nur von der Besonderheit des einzelnen Kindes her. Zunächst muss ich bei einem solchen Ansinnen dann immer ganz viele Fragen stellen; überspitzt formuliert heißt das: Handelt es sich um ein zartes, musisches, sensibles und intelligentes Kind, empfehlen wir zum Beispiel eine Montessori-, Waldorf-, Schüler-, Freinet- oder Freie Schule; handelt es sich hingegen um einen stabilen, belastbaren und intelligenten Jungen, raten wir auch schon mal zu einem humanistischen oder altsprachlichen Gymnasium.

Jetzt, im Februar, ist es wieder so weit: Eltern haben die Qual der Wahl, seitdem sie ihr Kind nicht mehr in diese Schule schicken müssen, weil es in dieser Straße oder in diesem Dorf wohnt, sondern weil sie völlig frei wählen dürfen, auch entgegen der Empfehlung der Grundschule. In ländlichen Gebieten mit sehr großen Entfernungen zwischen den Schulstandorten oder mit langen Schulbusfahrten bleiben manchmal nur zwei infrage kommende Schulen, jedoch in Städten und Ballungsräumen steht ihnen ein großes Angebot zur Verfügung zwischen staatlichen Schulen und Privatschulen, die offiziell „Ersatzschulen“ heißen, zwischen Gemeinschaftsschulen und Gymnasien, und zwar solchen, die mit Klasse 10 enden, solchen, die zum Abitur nach Klasse 12 (G8) führen, und solchen, die die Hochschulreife nach Klasse 13 (G9) anbieten. Es gibt Waldorf- und Montessorischulen, Schülerschulen, katholische und evangelische Schulen, dänische Schulen, Schulen mit Friesisch, Schulen mit islamischem Unterricht, Landerziehungsheime wie die Stiftung Louisenlund, solche mit Latein oder sogar Altgriechisch, solche mit naturwissenschaftlichen, mit fremdsprachlichen oder musischen Profilen, solche mit 2. Fremdsprachen wie Französisch, Spanisch oder Russisch, es gibt Halbtags-, Offene Ganztags- und Gebundene Ganztagsschulen und vieles andere mehr bis hin zum Schwerpunkt Informatik. Zum Glück gibt es aber keine Haupt-, Real- und Regionalschulen mehr für die künftigen Fünftklässler.

Auf den Informationsabenden für Eltern der Viertklässler stellen in der Regel mehrere Schulleiter benachbarter weiterführender Schulen durchaus werbend das Profil ihrer Einrichtung vor, so dass sich dann so manches Elternteil nach der Krawatte des Schulleiters, sprich nach der Ausstrahlung seiner Persönlichkeit entscheidet. Oft wählen Eltern aber auch nach dem Ruf, den eine Schule hat, aus, oder weil sie meinen, ein Gymnasium verspricht bessere Studien- bzw. Karrierechancen. Nicht selten hinkt der Ruf einer Schule aber der Realität um Jahre hinterher: Es gibt gut beleumdete Schulen, die nicht mehr gut sind, und umgekehrt exzellente Schulen, die immer noch einen schlechten Ruf haben. Eltern sollten sich also in ihrer Nachbarschaft, bei Freunden und auch bei Schülern umhören, welche Erfahrungen sie mit der angepeilten Schule gemacht haben. Hilfreich ist auch, sich die Gesichter der Schüler der in die engere Wahl genommenen Schule genau anzusehen, wenn sie die Schule nachmittags verlassen, denn sie sagen immer eine ganze Menge über das Klima einer Einrichtung aus.

Ansonsten gilt: Kurze Wege zur Schule sind besser als lange Schulbusfahrten, und kleine Klassen sind besser als übervolle; für das betroffene Kind ist aber auch sehr wichtig, wohin seine Freunde wechseln. Auf jeden Fall sollten die Eltern unbedingt auch immer die Schullaufbahnempfehlung der Grundschule beachten, um ihrem Kind zu ersparen, im Gymnasium allzu viele Niederlagen zu erleiden, mit denen es sich dann irgendwann in Verhaltensschwierigkeiten einmündend aufgibt. Immerhin erweisen sich zwei Drittel der in Klasse 4 ausgesprochenen Schullaufbahnempfehlungen späterhin als richtig, nur ein Drittel erweisen sich nach oben oder unten als falsch. Die Gemeinschaftsschulen, die zum Abitur nach Klasse 13 führen und im allgemeinen pädagogisch vielseitiger aufgestellt sind, bieten ein Jahr mehr Zeit für die 265 Wochenstunden, die Schulen von Klasse 5 bis zur Hochschulreife anbieten müssen, als die G8-Gymnasien mit ihrem Abitur nach Klasse 12. Nur wenige Gymnasien bieten in Schleswig-Holstein auch das Abitur nach Klasse 13 an, was immer misslich für die benachbarten Gemeinschaftsschulen ist, denen man damit die besonders leistungsstarken Schüler, die sie auch für ihr Gelingen dringend benötigen, raubt, weil ihre Eltern sie von vornherein ans Gymnasium melden. Für hochbegabte Schüler und die gutbegabten ADS-Kinder, die ja langsamer als gewöhnliche Kinder lernen, weil sie mit einem Vielfachen an Assoziationen so viel zu bedenken haben, funktioniert allerdings nur das Abitur nach Klasse 13, sie schaffen das G8-Abi wegen der zu geringen Zeit für ein erfolgreiches Lernen nicht. Umfragen unter Oberstufenschülern haben übrigens ergeben, dass Schüler, die Abi nach Klasse 12 machen, weniger unter Schulstress leiden und mehr Hobbys haben als Schüler, die das Abi am Ende der Klasse 13 erreichen.

Wenn es um Bildung bzw. Lernerfolge geht, sind am günstigsten Schulen, die einen geschlossenen Bildungsgang vom 5. bis zum 16. Lebensjahr oder sogar bis zum Abitur anbieten, was nur wenige Schulen wie zum Beispiel die Waldorfschulen ermöglichen. Bei Fünfjährigen besteht nämlich noch die allerletzte Chance, die für späteres Lernen so wichtige Ordnungs- und Anstrengungskultur aufzubauen. Deshalb ist eine Einschulung mit fünf Jahren durchweg sinnvoller als erst mit sechs Jahren, setzt allerdings voraus, dass der Fünfjährige bereits hinlänglich sozial durch einen Klassenverband belastbar ist.

Und gerade Viertklässlern darf man eigentlich die beiden für ihn besonders wichtigen außerfamiliären Bezugspersonen, also die beiden Klassenlehrer – am besten eine Frau und einen Mann – , am allerwenigsten rauben. Klassenlehrer darf man bis zum achten Lebensjahr und dann erst wieder ab dem zwöften Lebensjahr wechseln, mit Sicherheit aber nicht im zehnten, sagen uns die Entwicklungspsychologen.

Ganztagsschulen stärken nicht nur die Familien erzieherisch erheblich, wie vier große deutsche, österreichische und italienische Studien belegen, sie bieten auch mehr Zeit für den Ausgleich individueller Schwächen, und sie nützen vor allem den berufstätigen Eltern. Darüber hinaus schaffen erst Ganztagsschulen die erforderliche Zeit für die Rhythmisierung des Lernens, also für den unverzichtbaren Wechsel von Anspannung und Entspannung beim Lernen. Nach einer Mathestunde muss es eine Bewegungs- oder eine musische Phase geben, bevor dann eine Chemiestunde folgen kann, und da Menschen zwar am Tage vieles wahrnehmen, aber erst nachts lernen, beginnen gute Schulen morgens mit einem „Lernbüro“, in dem die Schüler anwenden und einüben können, was sie im Schlaf begriffen haben. Neues muss man nachmittags einführen, sagen uns die Hirnforscher.

Eltern sollten überdies bedenken, dass in jahrgangsübergreifenden Klassen mehr gelernt wird als in Klassen, in denen Kinder nach Geburtsjahrgängen untergebracht sind, dass Kinder mehr lernen, wenn die Noten nicht schon in Klasse 3 beginnen, sondern wie in Dänemark erst mit Klasse 8, dass sie mehr lernen, wenn sie im Umgang mit ganz vielen Lernmaterialien selbst lernen, als wenn man sie belehrt, und dass gute Schulen immer eine ganz starke Schulleiterpersönlichkeit und einen Konsens im Lehrerkollegium haben, was den Schwerpunkt der Schule anbelangt.

Ob ein Kind zum Abitur kommt oder nicht, hängt erstens immer von seinem individuellen Begabungs- und Interessenprofil ab, zweitens von seinem familiären und nachbarschaftlichen Förderhintergrund, also vom Milieu, in dem es aufwächst, drittens von der Klassenlehrerpersönlichkeit, die es in Klasse 1 oder 5 bekommt, und viertens von den Methoden, mit denen das Lernen in der Schule organisiert wird. Gute Schulen lassen daher zwei Parallelklassen durch zwei Klassenlehrer führen – was ja kostenneutral geht – , damit das Kind wenigstens zu einer der beiden Personen eine stimmige Wellenlänge aufzubauen vermag. Diese beiden müssen dann in Klasse 1 100 Prozent des Unterrichts dieser beiden Klassen abdecken, in Klasse 5 immerhin noch 70 Prozent, denn bis zum 13. Lebensjahr bringt fachfremdes Unterrichten meist etwas mehr Lernen, als wenn Fachleute unterrichten; ab dem 14. Lebensjahr bringt es hingegen mehr, wenn Fachleute unterrichten. Eine gute Lehrerin vermag immer nur für 23 ihrer 25 Schüler gut zu sein, was nichts mit Schuld, sondern nur mit Wellenlängen zu tun hat. Egal, mit welcher Methode in der Schule gearbeitet wird, es profitiert immer die Mehrheit der Schüler, eine Minderheit aber nicht; wird die Methode gewechselt, profitiert wieder die Mehrheit, aber die Minderheit besteht aus ganz anderen Schülern. Die zufällige Klassenlehrerpersönlichkeit und die zufällige Methode, mit denen das Lernen des Schülers in der Schule beginnt, haben also für den einzelnen Schüler den Charakter des Lottospielens. Deshalb erkennt man gute Schulen auch daran, dass sich die Eltern jederzeit mit den Lehrern über die Besonderheiten ihres Kindes austauschen dürfen, dass sie also nicht unter den Lehrkräften, sondern mit ihnen an den Lernfortschritten arbeiten können. Häufige Elternabende, Tage der Offenen Tür, Elternstammtische zu Erziehungsthemen und Hausbesuche der Klassenlehrer sind daher Merkmale guter Schulen.

Es sind etwa 200 verschiedenen Aspekte, die eine gute Schule ausmachen; die wichtigsten drei sind: Im herkömmlich Kognitiven wird viel gelernt; Schüler und Lehrkräfte fühlen sich an der Schule sauwohl; und gute Schulen haben immer deutlich mehr Anmeldungen als Plätze. Allerdings kann keine einzige Schule alle diese 200 Aspekte umsetzen. Erkundigen Sie sich also vor der Anmeldung, ob Ihr Kind ein oder zwei Klassenlehrer bekommt und wer das sein wird, wie klein oder groß die Klassen sind, wie viel Unterricht an der Schule ausfällt, ob die Räumlichkeiten einen modernen Lernwerkstattcharakter zulassen oder ob die Schüler eher in sterilen Klassenzimmern frontal beschult werden, ob die Fortbildung der Lehrkräfte eine große oder geringe Rolle spielt, wie die Inklusion ausgestattet ist, ob es Förderkurse, eine Theatergruppe, einen Chor, ein Orchester, Klassenfahrten, Klassen-, Schul- und Sportfeste, Betriebs- und Sozialpraktika sowie Projektunterricht gibt, welche Rolle die Partnerarbeit der Schüler (die ergiebigste Lernorganisationsform), das szenische Lernen und das Mindmapping (Gedankenkarten erstellen) spielen, ob genügend Smartboards und Notebooks für das immer wichtiger werdende andere Lernen anders in ihrem Hirn vernetzter heutiger junger Menschen zur Verfügung stehen, ob sich die Schüler wichtige Informationen selbst beschaffen dürfen, statt dass sie vom Lehrer kommen (besonders wichtig in Biologie, Geschichte, Politik und Erdkunde), ob es noch die missliche Schulglocke für das völlig unzeitgemäße Beschulen in 45-Minuten-Takten gibt und ob die Schüler Punkt 8 Uhr vor einer verschlossenen Unterrichtsraumtür stehen und auf die Lehrkraft warten müssen oder ob alle Türen in einem Anlaufzeitrhythmus schon offen stehen!

Der ehemalige brandenburgische Bildungsminister Steffen Reiche hatte übrigens noch ein anderes Kriterium für eine gute Schule: Er hat bei jedem Schulbesuch immer zuerst die Schülertoiletten inspiziert.



Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler und Bildungsforscher an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag, Darmstadt, sind sein Buch und Hörbuch „Die 15 Gebote des Lernens“ erschienen.

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