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Opferschutzorganisation : Weißer Ring: Ängste sind größer als, sie sein müssten

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Weiße Ring betreute 2015 in SH 1743 Menschen - und fordert nach den Silvester-Übergriffen eine Änderung des Sexualstrafrechts.

shz.de von
erstellt am 11.Feb.2016 | 17:48 Uhr

Kiel | Nach Wohnungseinbrüchen, Körperverletzungen oder sexueller Gewalt kommen viele Opfer nicht allein mit den Folgen klar. Mit Gesprächen und Schecks für anwaltliche oder psychologische Beratung hilft der Weiße Ring - allein im vergangenen Jahr in Schleswig-Holstein 1743 Menschen. Das waren etwa 3,5 Prozent mehr als im Vorjahr, berichtete der Landesvorsitzende Uwe Döring am Donnerstag in Kiel.

Die Terroranschläge in Paris und Istanbul, die Übergriffe in der Silvesternacht in Paris und Hamburg und gestiegene Einbruchszahlen könnten dazu beigetragen haben, dass die Angst in der Bevölkerung gewachsen ist.

Für ihre Opferarbeit brachten die rund 160 ehrenamtlichen Helfer insgesamt gut 33.000 Stunden auf und damit rund 4500 mehr als im Vorjahr. Die Helfer nähmen sich für jeden Fall so viel Zeit, wie gebraucht werde, sagte Döring. Um akute Notlagen zu lindern, stellte der Weiße Ring fast 217.000 Euro bereit.

Unter den Delikten rangierten erstmals Körperverletzungen mit 425 Fällen ganz oben. Es folgten Sexualdelikte mit 402 Fällen. Im Hinblick auf die seit der Silvesternacht verstärkt entfachte Debatte über sexuelle Gewalt kritisierte Döring, die Täter stünden viel stärker im Fokus als die Opfer. Der ehemalige SPD-Landesjustizminister appellierte an die Landesregierung, auf Bundesebene eine Änderung des Sexualstrafrechts voranzutreiben, um zugunsten der Opfer die Beweislast umzukehren.

Derzeit seien in Deutschland immer die Opfer in der Beweislast, erläuterte Döring. Von durchschnittlich 8000 angezeigten Vergewaltigungsfällen im Jahr führe nur jeder zehnte zu einer Verurteilung. Diese Diskrepanz sei gravierend. Wie in anderen europäischen Ländern müssten nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen generell unter Strafe stehen.

„Es gibt diese klare Formel ,Nein heißt Nein'“, sagte Döring. „Das findet sich bisher in unserem Strafgesetz nicht wieder.“ In einem Entwurf des Deutschen Juristinnenbundes sei dies klar geregelt. Die Landesregierung sollte dies in den Bundesrat einbringen, sagte Döring. Ein Entwurf des Bundesjustizministeriums, der Fortschritte enthalte, aber nicht weit genug gehe, liege seit Juli vergangenen Jahres im Bundestag und werde dort hin und her geschoben.

„Bei der Bankenrettung kriegt man das in zwei Tagen hin, bei Themen, bei denen es um Menschen geht, dauert es länger“, kritisierte Döring. „Wir müssen über das Thema sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft reden. Das wird sehr häufig verdrängt, weil in etwa 90 Prozent der Fälle eine Opfer-Täter-Beziehung da ist und es in der Familie, in der Bekanntschaft, in Freundeskreisen stattfindet.“

Bei Wohnungseinbrüchen beobachtet der Weiße Ring eine große Diskrepanz: Die starke Zunahme habe nicht dazu geführt, dass in diesen Fällen mehr Menschen Hilfe suchen. Die Polizei sollte mehr auf die Möglichkeit hinweisen, bei Opferschutz-Organisationen Hilfe zu suchen, sagte Döring. Zum generellen aktuellen Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft sagte er: „Bei den Menschen ist große Verunsicherung zur Zeit vorhanden; sie ist aber in krassem Missverhältnis zur tatsächlichen Bedrohung“. Die Angst sei größer, als sie sein müsste.

 

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