Weingüter im Norden : Weinbau in Schleswig-Holstein: „So mookt wi dat“ und „Waalem Kul“

Schleswig-Holstein, Nieblum: Blick auf das Haus hinter den Weinstöcken auf dem Weingut Waalem. Auf dem zur Zeit rund drei Hektar großen Weingut auf der Nordseeinsel Föhr wurden im vergangenen Jahr 7.600 Liter Wein und Sekt erzeugt.

Schleswig-Holstein, Nieblum: Blick auf das Haus hinter den Weinstöcken auf dem Weingut Waalem. Auf dem zur Zeit rund drei Hektar großen Weingut auf der Nordseeinsel Föhr wurden im vergangenen Jahr 7.600 Liter Wein und Sekt erzeugt.

Wein aus SH? Nach knapp zehn Jahren ist der kommerzielle Weinanbau noch sehr überschaubar – doch die Anbaufläche wächst.

shz.de von
15. September 2018, 12:17 Uhr

Nieblum/Grebin | Der Wein auf Föhr war eigentlich eine Schnapsidee. Man habe zusammengesessen, geklönt, das ein oder andere Glas getrunken, über den Klimawandel philosophiert und darüber, ob die Insel dadurch mal Weinanbaugebiet werden könne, erzählt Christian Roeloffs, Geschäftsführer des Weinguts Waalem auf Föhr.

Aus der Schnapsidee wurde Ernst, als Schleswig-Holstein vor knapp zehn Jahren zehn Hektar Rebenpflanzrechte von Rheinland-Pfalz übertragen bekam. Von den zehn Hektar hat das Landwirtschaftsministerium Schleswig-Holstein der Familie Waalem GmbH & Co. KG auf Föhr zunächst zwei Hektar zugeteilt.

Nun steht der Friese Roeloffs, Landwirt und Nachfahre Föhrer Seeleute, im Weinfeld am Rand von Nieblum. Es weht ein leichter Wind, der Blick schweift über das Meer und die vorgelagerten Halligen. Es werden hauptsächlich die Weißweinsorten Solaris und Johanniter angebaut, frühreife pilzresistente Sorten. Mittlerweile hat er auch 600 Stöcke mit Rotweintrauben gesetzt. „Wir probieren ganz viel.“

Das Weingut wird in Zukunft weiter wachsen. Zusätzliche 1,5 Hektar werden ab kommendem Frühjahr bewirtschaftet. Bei der Lese jetzt im September helfen viele Schüler und Studenten, die noch Semesterferien haben. Rund 7600 Liter Ertrag hatten Roeloffs und seine Mitstreiter im vergangenen Jahr. Für dieses Jahr hoffen sie auf eine ähnlich gute Ernte, die in Flaschen abgefüllt in 16 Föhrer Geschäften und etwa auf der Fähre nach Amrum und Föhr verkauft werden.

100 Prozent Föhrer Produkt: „Schleswig-Holsteinischer Landwein“

Neben der Entscheidung des Unternehmers Frederik Paulsen auf der Insel Föhr zu investieren, um seine Idee vom Weinanbau auf den nordfriesischen Inseln umzusetzen, bekam Roeloffs auch fachliche Unterstützung von einem Winzer aus Biebelsheim. Der kam in der Anfangszeit mit einer mobilen Presse und Abfüllanlage auf die Insel.

Mittlerweile ist das Weingut Waalem mit Lagerraum, Tanks und einer Abfüllanlage ausgestattet. „Unser Wein ist zu 100 Prozent ein Föhrer Produkt“, sagt Roeloffs. So darf er ihn zwar nicht nennen – die genaue Ortsbezeichnung dürfen nur Weingüter aus den traditionellen Weinanbaugebieten auf die Etiketten drucken – aber den Titel „Schleswig-Holsteinischer Landwein“ darf er tragen. Die friesische Herkunft spiegelt sich zudem in Namen wie „Waalem Kul“ (friesisch: für kalt) wieder.

Wer Wein kommerziell anbauen will, braucht eine Genehmigung. Mit der Änderung eines EU-Gesetzes und der Anpassung des deutschen Rechts ist inzwischen theoretisch in jedem Bundesland kommerzieller Weinanbau möglich.

Anbaufläche in SH wächst

In Schleswig-Holstein sind durch das neue Autorisierungssystem zu den ursprünglichen zehn Hektar Weinbauflächen 2016 weitere 15,3 Hektar und 2017 weitere 4,2 Hektar hinzugekommen, wie das zuständige Verbraucherschutzministerium in Kiel mitteilte. „Diese 29,5 Hektar sind in Schleswig-Holstein derzeit mit Reben bestockbar.“

Mittlerweile gibt es in Schleswig-Holstein genehmigte Pflanzungen auf den Inseln Sylt, Föhr und Fehmarn, am Westensee, Malkwitz, Bargteheide, Strande, Neuwittenbek und Grebin.

In Grebin im Kreis Plön liegt das Weingut des rheinland-pfälzischen Winzers Steffen Montigny. „Ich fand es spannend, etwas zu machen, was so noch niemand gemacht hat“, sagt er zu seiner Motivation, sich im nördlichsten Bundesland als Weinbauer zu versuchen. „So mookt wi dat“ (Niederdeutsch für „So machen wir das“) heißen die Weine, die aus den Grebiner Trauben gewonnen werden.

Regionaler Wein aus Norddeutschland ein Exot

Auch Montigny rechnet damit, dass der diesjährige Ertrag für rund 8000 bis 10.000 Flaschen reicht. 95 Prozent der Produktion werden in Schleswig-Holstein verkauft. „Schleswig-Holsteinischer Landwein“ darf Montigny seinen Wein nicht nennen. Denn gekeltert werden die Trauben auf seinem Weingut in Bretzenheim an der Nahe. Hier seien die Fachleute, die sich darum kümmerten, dass aus den guten Trauben auch ein guter Wein wird, sagt er. „Wein ist wie ein kleines Kind. Sie können ihn über drei, vier Monate nicht alleine lassen.“ Und die Herkunft des Weines lasse sich ja auch am Markennamen ablesen.

Mit der diesjährigen Qualität der Trauben ist Montigny zufrieden. „Dieser Jahrgang zeigt einmal mehr, dass Weinanbau in Schleswig-Holstein genauso funktioniert, wie in traditionellen Anbaugebieten.“ Montigny hat mit seinen schleswig-holsteinischen Weinen sogar schon Preise gewonnen.

Dennoch bleibt der norddeutsche Wein wohl erst einmal ein Exot unter den deutschen Weinen – alleine wegen der Größe der Anbaufläche. Zum Vergleich: Den knapp 30 Hektar in Schleswig-Holstein stehen bundesweit insgesamt rund 100.000 Hektar gegenüber. Und Spanien baut sogar Wein auf einer Fläche von rund einer Million Hektar an.

Die Schleswig-Holsteiner Winzer ficht das nicht an. Auf Föhr steht schon die nächste Generation professioneller friesischer Winzer in den Startlöchern: Roeloffs Sohn Lenz, der als Jugendlicher den Aufbau des heimischen Weinguts miterlebte, fing Feuer, lernte Winzer und studiert jetzt in Geisenheim Weinbau. Zu den Seefahrern und Landwirten in Roeloffs Ahnenreihe kommen nun auch die Winzer dazu.

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