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Trauer um die Tochter : Weihnachten mit Franca

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie eine Familie aus Kiel versucht, das Fest zu feiern, das seit dem Tod der Tochter nie mehr sein wird, wie es war.

Sie werden heute nicht zu Hause sein – wieder. Weihnachten ist für Familie Engel aus Kiel nicht mehr das Fest, das es einmal war. Nicht mehr seit vor dreieinhalb Jahren ihre elfjährige Tochter Franca an einem Gehirntumor starb.

„Sie war ein richtiger Weihnachtsfan“, sagt ihre Mutter Kybele Engel. Früher hat sie mit ihrer Tochter gebastelt, heute schmückt sie Francas Grab. Früher hat sie mit ihrer Tochter musiziert, Franca an der Flöte, ihre Mutter am Klavier. Heute steht darauf ein großes Foto von Franca, das die Eltern für die Beerdigung vergrößern ließen. Ein hübsches Mädchen von zehn Jahren lächelt in die Kamera und glaubt, das Leben noch vor sich zu haben.

Doch am 6. August 2012 zerbricht die heile Welt, Franca muss nach einem Krampfanfall wiederbelebt werden. Auf dem Bild aus dem Computertomographen ist ein Gehirntumor zu sehen. Franca und ihre Familie kämpfen um ihr Leben, klammern sich an den Gedanken, dass die Tochter den Krebs besiegen kann. „Wir haben es immer irgendwie gewusst, wie es enden wird, aber wir wollten es nicht wahrhaben“, sagt Kybele Engel. Mit ihrer Tochter können die Eltern nicht über den Tod sprechen, auch weil Franca es nicht will. Einmal schreit sie weinend und von Krämpfen geschüttelt unter Schmerzen: „Warum will mich diese Welt nicht?“ Ihr Vater Arne weiß nicht was er antworten soll.

Am 30. Mai 2013 stirbt Franca. Ihre Eltern funktionieren in dieser Zeit nur. Sie befreien das Kinderzimmer, das zu dieser Zeit eher einer Intensivstation ähnelt, von medizinischem Gerät.

Und dann?

„Da war Trauer, Wut und Verzweiflung. Man weiß nicht, wie man Luft schnappen soll und versucht nur einen Schritt vor den anderen zu setzen“, sagt Kybele Engel. Die Eltern schaffen es, halbwegs normal zu leben mit dem was eben nicht mehr normal ist. Sie kümmern sich um ihren Sohn Nikolas, der damals neun Jahre alt ist. Und Kybele Engel wird schwanger. „Das war emotional schon extrem“, sagt Arne Engel. Auf der einen Seite die Freude auf die Zwillinge gemischt mit der Angst um die Ungeborenen und auf der anderen Seite die Trauer um die tote Tochter. Alles brauchte seinen Platz.

Elke Heinen vom Verein „Verwaiste Eltern Schleswig-Holstein“ betreut seit Jahrzehnten Menschen, die Kinder verloren haben. „Manche kommen schnell zu uns, manche erst Jahre später. Oft braucht es ein halbes Jahr bis Eltern richtig verstehen, was passiert ist.“ Der Tod sei in der Gesellschaft noch immer ein Tabu, viele Menschen wüssten nicht, wie sie verwaisten Eltern begegnen sollten. Noch gebe es für die nur ein Dutzend Selbsthilfegruppen im Norden – mit professioneller Betreuung durch Trauerbegleiter. „Der Bedarf ist aber viel größer, deswegen ist unser Ziel, eine flächendeckende Versorgung, ein Netzwerk zu schaffen.“

Die Engels sprechen wenige Wochen nach Francas Tod das erste Mal mit Elke Heinen – und fahren seit dem jeden Monat zu einer Gruppe nach Schleswig. „Vor allem dort können wir über Franca reden“, sagt Arne Engel. Aber auch wie sie mit Francas mittlerweile 13-jährigem Bruder über das Thema sprechen oder später mit den heute zweijährigen Zwillingen Mona und Luiz, die ihre Schwester nie kennengelernt haben. „Das hilft uns – auch über das zu sprechen, was im Alltag vielleicht manchmal zu kurz kommt“, sagt Arne Engel.

In der Gruppe bekommen er und seine Frau Tipps, wie sie besondere Tage verbringen können – Geburts- und Todestag oder Weihnachten. „Ich rate den Eltern, den Tag zu gestalten“, sagt Elke Heinen. „Werden Sie aktiv, die emotionale Achterbahnfahrt kommt sowieso.“

Familie Engel versucht das. Wenn sie im Weihnachtsurlaub in Österreich sind, kommt Franca mit, zumindest ein Foto von ihr. „Und natürlich ist sie immer um uns herum“, sagt Kybele Engel. Die Familie wird das Fest feiern, klein und für sich, und auch Franca bekommt ein Geschenk – auf ihr Grab. Das wird weihnachtlich geschmückt. „Wir machen das so wie wir glauben, dass sie es mögen würde“, sagt Kybele Engel.

Und glaubt sie daran, dass sie Weihnachten irgendwann einmal wieder zu Hause feiern kann? Kybele Engel kann die Frage nicht beantworten. Sie sagt nur: „Wenn man ein Kind verliert, verliert man auch die Planung für die Zukunft.“

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