Resozialisierung : Wegweiser ins normale Leben

Orientierung für die Gestrauchelten: Bewährungshelfer unterstützen Straffällige dabei, sich ein neues Leben aufzubauen.
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Orientierung für die Gestrauchelten: Bewährungshelfer unterstützen Straffällige dabei, sich ein neues Leben aufzubauen.

Bewährungshelfer unterstützen Straffällige dabei, ein Leben ohne Kriminalität zu führen. Peter Kleiß aus Pinneberg kennt viele menschliche Abgründe und Krisen.

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30. Oktober 2012, 11:38 Uhr

Pinneberg | Berater und Vermittler, Aufpasser und Krisenmanager: Peter Kleiß muss viele Aufgaben wahrnehmen für die Menschen, die er betreut. In Abgründe zu blicken, menschliche und soziale, gehört zu seinem Job. Der 54-Jährige arbeitet als Bewährungshelfer in Pinneberg.
Spannend war der Reiz, zu sehen wie Leute zwischen legal und illegal leben", begründet er seine Berufswahl. "Sich mit dieser Klientel zu beschäftigen und zu gucken, was dahinter steckt und ihnen dann verstärkt zur Seite zu stehen, damit sie sich nur auf legalem Wege bewegen." Seit 2001 hat Kleiß sein Büro in Pinneberg, zuvor war er in anderern sozialen Bereichen tätig.
Sextäter und Schuldner
Sein Kollege Peter Niedermeier macht den Job schon länger: Der 55-jährige Vater von zwei Kinder ist seit 26 Jahren hauptamtlicher Bewährungshelfer beim Landgericht Itzehoe mit Sitz beim Amtsgericht Elmshorn. Sexualstraftäter sind sein "Schwerpunkt". Außerdem berät er "Probanden", die "exorbitante Schulden haben und denen geholfen werden muss". Als Schuldenberater ist er als Multiplikator auch Ansprechpartner für seine Kollegen.
Niedermeier und Kleiß haben es mit Menschen (fast) jeder Altersklasse zu tun. Die jüngsten von ihnen sind mit 14 Jahren eben strafmündig; nach oben gebe es keine Grenze, auch über 70-Jährige gehörten dazu. "Männlich, weiblich, da ist durchweg alles gegeben", sagt Kleiß.
Kein Streetworker
Anders als etwa in Hamburg gebe es in Schleswig-Holstein keine Trennung zwischen Jugend- und Erwachsenen-Bewährungshilfe. Dass Frauen eine weibliche Bewährungshelferin zur Seite gestellt bekämen, sei äußerst selten der Fall: Von ihnen gebe es in Schleswig-Holstein nur geschätzte acht Prozent. Wenn eine Probandin jedoch unbedingt von einer Frau betreut werden möchte - etwa weil sie selbst einmal Opfer einer Sexualstraftat geworden sei und deshalb einen männlichen Helfer ablehne - so käme man dem nach.
Der Weg in ein normales Leben - für die Probanden führt er oft über den Schreibtisch ihres Bewährungshelfers. "Viele Menschen denken nach dem alten Prinzip, dass der Bewährungshelfer als Streetworker im Bahnhofsviertel steht und dort seine Schäfchen aufsucht. Das ist antiquiert", sagt Peter Niedermeier. "Unser Tätigkeitsfeld ist Verwaltung." Entsprechend festgelegt seien die Strukturen, weil viel auf der Verwaltungsebene kommuniziert werde: mit den Job-Centern, die Hartz IV auszahlen, mit den Agenturen für Arbeit, mit Drogenberatungsstellen, mit Gefängnissen und den dortigen Mitarbeitern, mit Therapiestätten und anderen Einrichtungen.
Vorerkrankungen, Süchte, Schulden
Gespräche mit den Probanden nehmen einen weiteren großen Teil der Arbeitszeit in Anspruch. Zu festen Sprechstunden, aber - wenn es Sorgen und Probleme gibt - auch spontan und unangemeldet suchen die Gestrauchelten ihren Bewährungshelfer auf. Für Niedermeier stehen nachmittags oft Hausbesuche in den "Außendienstbezirken" Tornesch, Uetersen und angrenzenden Gemeinden an.
Die schlechten Verkehrsanbindungen auf dem Land sind dabei nicht der alleinige Grund. "Man muss auch schon mal hinter die Kulissen gucken, um sich ein Bild von der häuslichen Situation zu machen." Um einem Menschen zu helfen, müsse er sich ein Bild von ihm machen können - und das sei oft gar nicht so leicht, erläutert Peter Kleiß am Beispiel eines verurteilten Jugendlichen: "Wir bekommen eine Mitteilung vom Gericht, meist das Urteil, manchmal nur eine Vorabbenachrichtigung. Wir laden die betreffende Person zu einem Erstgespräch ein und nehmen alles auf - wie ein Arzt: Vorerkrankungen, Süchte, Verhältnis zwischen Mutter und Vater, zu den Geschwistern, zum Onkel, ob er Schulden hat."
Manche bleiben "beratungsresistent"
Im Urteil stehe über die Lebenssituation des Probanden meist wenig oder gar nichts. Bei jugendlichen Straftätern schon eher, aber im allgemeinen Strafrechtsfall - bei Erwachsenen - so gut wie nie. "Durch unsere Hintergrundinformationen wird das Bild des Probanden dann ein ganz anderes, als es sich vor Gericht dargestellt hat," sagt Kleiß.
Dass sich Probanden als "beratungsresistent", also uneinsichtig, zeigen, Termine schwänzen und ihre Auflagen nicht erfüllen, erleben Kleiß und Niedermeier in ihrem Alltag immer wieder. Fälle, die sie dann direkt ans Gericht weiterleiten. Dies wiederum setzte dann einen Anhörungstermin fest und verschicke eine Vorladung. "Wenn er die negiert und nicht erscheint, kommt die Polizei und bringt ihn hin", erklärt Peter Niedermeier. "Im ungünstigsten Fall widerruft das Gericht die Bewährung - und dann geht’s ab in den Knast."

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