Gelting nach dem Hochwasser : Weggeschwemmter Alltag

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Nach den Rekord-Überschwemmungen in Gelting haben noch immer viele Dorfbewohner mit den Folgen des Starkregens zu kämpfen. Wir haben Jürgen Lorenzen besucht.

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27. September 2011, 08:16 Uhr

Gelting | Elektroschrott, wohin das Auge reicht, vom Wasser aufgeweichte Aktenordner türmen sich in großen Kisten, der Fußboden ist noch schlammig: Jürgen Lorenzen (60), Elektriker aus Gelting im Kreis Schleswig-Flensburg, blickt mit traurigen Augen auf sein Hab und Gut. Vor drei Wochen hat das Hochwasser sein Geschäft im Dorfzentrum überflutet - und noch immer dominiert der Vorfall Lorenzens Leben. Von Rückkehr zum Alltag keine Spur.
"Eigentlich wollten meine Frau und ich damals essen gehen. Dann blieben wir doch zu Hause. Ich hatte irgendwie ein ungutes Gefühl, weil der Regen immer stärker wurde. Gegen 18 Uhr war es dann tatsächlich soweit: Als erstes kam das Wasser vorne aus den Gullis auf der Straße, dann trat die Au im Hinterhof über die Ufer", erinnert sich Lorenzen an den "schwarzen Sonntag", den 04. September. Innerhalb von wenigen Minuten war das Lager bis zu 1,5 Meter überflutet. Selbst in den Büro- und Verkaufsräumen, die nach der Schneekatastrophe 1978 um zwei Meter erhöht worden waren, versank man bis zum Knie in der aus den Abwasserrohren hervor gespülten Kloake. "Drei Tage lang habe ich Wasser abgepumpt. Geschlafen habe ich nur mal zwei Stunden zwischendurch", erzählt Lorenzen.
Die schlimmsten Erinnerungen hat der Elektriker beim Gedanken daran, wie der Strom ausfiel und sie nachts nur im Schein von Taschenlampen versuchten zu retten, was noch zu retten war.
Die Rente muss warten
Die Anstrengungen und Sorgen der vergangenen Wochen spiegeln sich im Gesicht des Geltingers wider. Zusammen mit seiner Frau Brigitte (58) und den zwei Gesellen arbeitet Jürgen Lorenzen von früh bis spät daran, sein Geschäft zu entrümpeln. Im Hof steht ein 38 Kubikmeter großer Müllcontainer, so groß wie ein riesiger Möbelwagen. Er ist schon fast voll und trotzdem stehen im Lager noch immer Elektrogeräte, die der Elektriker eigentlich in Ordnung bringen sollte. Seit der Überschwemmung sind sie nur noch irreparabler Abfall. Eigentlich wollte Jürgen Lorenzen dieses Jahr noch in Ruhestand gehen und seinem Sohn das Zepter überlassen.
Aus dem ruhigen Rentner-Leben wird nun vorerst nichts. Lorenzen musste einen Kredit aufnehmen, um den entstandenen Schaden von über 200.000 Euro bezahlen zu können. Es hat ihn von allen Einwohnern am Schlimmsten getroffen, denn neben dem Elektrogeschäft besitzt seine Familie noch zwei weitere Immobilien im Überschwemmungsgebiet. Dazu gerechnet werden müssen außerdem die fehlenden Einnahmen aus dem Tagesgeschäft. "Jeden Tag mache ich circa 1500 Euro Umsatzverlust", klagt Lorenzen. Die Personalkosten laufen weiter, und Lieferanten warten auf ihr Geld. Von seinen Versicherungen bekomme er keinen Cent. Als er die Verträge vor rund 30 Jahren abschloss, hatte er noch darauf gedrängt, auch im Falle von Überschwemmungen geschützt zu sein. Doch das Hochwasser-Risiko von Gelting war schon damals bekannt, und der Versicherungsmakler lehnte ab. Die Folgen merkt Lorenzen erst jetzt: Zum ersten Mal in seinem Leben wird seine Firma rote Zahlen schreiben, ohne dass er etwas dafür kann.
Vom Landrat allein gelassen
Doch der Elektriker hat seinen Optimismus nicht verloren. Für sein Büro hat er schon neue Möbel bestellt. Sobald er wieder Kontakt mit Kunden und Lieferanten vom Büro aus aufnehmen kann, sei das Schlimmste überwunden. Gestern habe er schon wieder am ersten Schaltplan getüftelt.
Besonders enttäuscht ist der 60-Jährige allerdings von der Politik: "Von Landrat von Gerlach fühlen wir uns allein gelassen." Seit der Schneekatastrophe 1978/79 sei schon bekannt, dass der Durchlass unter der B 199 nicht ausreichend dimensioniert ist. Ein Entlastungsrohr ist auch nach der aktuellen Überschwemmung noch nicht geplant, obwohl der Ort beim nächsten starken Regenschauer wieder absaufen könnte. Niemand fühlt sich verantwortlich, erzählt Lorenzen. "Hier arbeitet ein Pumpenwärter noch mit einer Forke, um die Rohrabflüsse bei Starkregen freizuhalten. Ein automatischer Rechen existiert nicht. In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?"

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