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Dauerregen in SH : Wasserwirtschafts-Experte: „Wir sitzen in der Suppe“

Überall steht das Wasser auf den Feldern. Ist das noch normal? Was ändert sich in Zukunft? Ein Experte erklärt es im Interview.


von  Kay Müller

Wo trifft man einen Mann wie Matthias Reimers zum Interview? Am besten am Wasser. Der Geschäftsführer des Marschenverbandes Schleswig-Holstein steht am Schöpfwerk Hillgroven in Dithmarschen, der Sturm peitscht ihm Regen ins Gesicht. Der Blick des 47-Jährigen schweift über das Wasser, in der Nordsee und auf den Feldern. Mit unserem Reporter Kay Müller spricht er über den Klimawandel und die Wasserwirtschaft der Zukunft.

Herr Reimers, Schleswig-Holstein steht in vielen Teilen unter Wasser – was nun?

Es steht ja nicht alles unter Wasser, aber Sie haben Recht, es ist sehr nass. Wir haben im Sommer, Herbst und Winter ungewöhnlich viel Regen gehabt. Wir haben es mal an einer Wetterstation hier in Dithmarschen überprüft: Nur einmal in 100 Jahren hatten wir im Oktober und November mehr Niederschläge als 2017. Dann kamen noch einige Starkregenfälle dazu, die die gesättigten Böden nicht aufnehmen konnten. Der Wind hat verhindert, dass wir genug ins Meer entwässern konnten – dann sitzen wir eben in der Suppe. In solchen Sonderfällen kommen wir mit unserem wasserwirtschaftlichen System an unsere Grenzen. Forscher sagen eine erhöhte Häufigkeit derartiger Ereignisse voraus – und darauf bereiten wir uns vor.

Wie genau?

Heute entwässern wir künstlich 50 Prozent der Fläche an der Westküste, in ein paar Jahrzehnten werden es 100 Prozent sein. Wir werden also die alten Schöpfwerke erneuern und neue dazu bauen müssen. Dazu gibt es keine Alternative.

Die meisten Schöpfwerke stammen aus den 50er und 60er Jahren – das klingt nach ziemlich hohen Kosten.

Das stimmt. Die Kosten für Strom und Instandhaltung der Werke sowie die Pflege der Deiche und Flächen steigen immer weiter. Wenn man alles zusammennimmt, beträgt der Sanierungsstau etwa zwei Milliarden Euro – und dabei ist der Neubau von Schöpfwerken noch gar nicht berücksichtigt. Bis zum Jahr 2050 könnte der Betrag sogar auf 3,6 Milliarden Euro steigen.

Wer soll das bezahlen?

Es kann nur über eine solidarische Finanzierung gehen, bei der Land, Bund, EU und die Verbände zusammenarbeiten. Jeder wird also seinen Teil dazu beitragen müssen.

Also werden auch die Beiträge steigen, die jeder Grundstückseigentümer an die Verbände zahlt?

Das wird sich nicht vermeiden lassen. Von der Entwässerung profitieren ja auch alle. Wir an der Küste sorgen auch dafür, dass wir das Wasser, das auch aus dem Binnenland zu uns kommt, wieder wegkriegen. Damit wir nicht alle in Zukunft mit dem Hintern im Wasser sitzen, brauchen wir gezielte Wasserbewirtschaftungskonzepte. Das ist aber hinzukriegen.

Wie können die aussehen?

Das ist regional sehr unterschiedlich. Was wir aber etwa in vielen Bereichen schaffen müssen, sind dezentrale Überflutungsflächen. Wir müssen dem Wasser Raum geben, um Starkniederschläge abpuffern zu können. Und wir werden es künftig nicht nur mit mehr Niederschlägen im Winter, sondern auch mit längeren Trockenphasen im Sommer zu tun bekommen. Dazu werden die Temperaturen und der Meeresspiegel ansteigen. Zudem werden wir uns mehr um die Verschlickung der Küste und der Nebenflüsse wie Eider, Stör, Krückau und andere kümmern müssen. Deswegen müssen wir lokal sehr genau hinschauen, wie dort die beste Lösung aussehen kann, um den Klimawandel aufzufangen.

Wie soll das gehen?

Wir können zum Glück schon heute verschiedene Szenarien auch ganz lokal am Rechner durchspielen und sehen wo es möglicherweise Schwachpunkte gibt. Insofern lernen wir gerade sehr viel aus diesem besonderen Jahr 2017. Wir können etwa diese extreme Wetterlage mit einem Meeresspiegel von 2050 in Zusammenhang bringen.

Wird denn Schleswig-Holstein 2050 ganz anders aussehen?

Es wird sicher Veränderungen geben, aber vermutlich werden die nicht so gravierend sichtbar sein. Die intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen wird es weiter geben, dafür sind unsere Böden einfach zu fruchtbar. Aber vielleicht wird es mehr Flächen geben, die anders gepflegt und bewirtschaftet werden. Wassermanagement hat ja auch immer etwas mit Landwirtschaft und Naturschutz zu tun. Aber im Großen und Ganzen wollen wir doch alle, dass das Land so lebenswert bleibt, wie es jetzt ist – auch wenn es mal nass ist.

> Matthias Reimers hält Donnerstag, 1. Februar, 19.30 Uhr, im Multimar Wattforum in Tönning einen Vortrag über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Regenwasserbewirtschaftung der Niederungsgebiete in Schleswig-Holstein. Der Eintritt ist frei. Anmeldung ist möglich per E-Mail an info@multimar-wattforum.de oder unter 04861/96200.

Kommentare

  • 01.02.2018 | 12:08 Uhr
    Michael Körkemeyer

    Vorsorge

    Ich mühe mich vorsichtig zu fahren und schnalle mich an.
    (Auch schon als es noch keine Pflicht war.)
    Das sehe ich als sinnvoll an.
    Da erscheint es mir auch sinnvoll etwas gegen die globale Erwärmung zu tun und Vorsorge gegen mögliche Folgen des Klimawandels zu tun.
    Bin ich deshalb unvernünftig?

  • 31.01.2018 | 18:35 Uhr
    Helmut Erb

    Kein Vertrauen in die Windenergie?

    In einer Gesprächsrunde des NDR 1 hat Herr Reimers kürzlich als einziger Experte Realitätssinn und Bodenhaftung gezeigt, der sich kompetent um die konkreten Probleme der Gegenwart kümmert.

    Schade, daß er in diesem Interview doch stark in Richtung Klimawandel abdriftet und den Anschein erweckt, für die Zukunft sei alles klar. Ist es nämlich nicht. Der Norddeutsche Klimaatlas des HZG unternimmt den Versuch, das künftige Klima zu beschreiben. Und siehe: In allen Modellen gibt es Abweichungen nach oben wie nach unten, so daß die Entwicklung unklar ist.

    Im übrigen vermisse ich jegliches Vertrauen in die Windenergie. Bisher sind in D 30000 Windräder in Betrieb, davon fast 3700 in SH. Und es werden immer mehr. Alle sind mit dem Versprechen verbunden, daß damit Klimaziele erreicht und der Klimawandel angehalten werde.

    Wer also heute das Wetter von 2017 einfach bis 2050 fortschreibt, hat offensichtlich überhaupt kein Vertrauen in die heilende Wirkung der Windenergie. Das sagen die Vernunftbürger schon lange.

  • 31.01.2018 | 14:41 Uhr
    Frank Böhm

    Schleswig-Holstein 1650

    Ist damals schon ganz gut kartographiert worden - die Ansiedlungen sind allesamt auf Erhebungen, umgeben von Sumpf und Moor, errichtet worden - insb. Richtung Nordseekueste, aber auch in Angeln.
    "Torf" war Namensbestandteil vieler Orte - warum wohl...

    Wuerde man das Abpumpen beenden, waeren wir wohl recht schnell wieder vom Modder umgeben.

    • Bernhard Broders
      31.01.2018 | 15:06 Uhr

      ...

      und noch mehr Gülle (vgl. Niederlande)

    • Hanno Krumreich
      31.01.2018 | 17:32 Uhr

      Torf

      Und ich dachte immer "Torv" sei das dänisch/nordische Wort für "Platz" oder gar "Marktplatz"...
      http://ordnet.dk/ddo/ordbog?query=torv

  • 31.01.2018 | 14:25 Uhr
    Bernhard Broders

    Wer soll das bezahlen?

    Wie bitte? Das ist verwirrend in Anbetracht der riesigen Mengen an Wegwerfstrom, bezahlt und ungenutzt ist das eine volkswirtschaftliche Dum.mheit und propaga.ndatechnisch eine Vol.ksverdummung.

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