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Tourismus in „Bielefeld Nord“ : Was internationale Reiseführer über Schleswig-Holstein schreiben

vom
Aus der Onlineredaktion

Mit welchen Augen sieht uns die Welt und was suchen Amerikaner in Mittelangeln? Um das herauszufinden, haben wir fremdsprachige Reiseführer durchgewälzt.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2016 | 19:56 Uhr

Schnarup-Thumby | Vor vielen Jahren – es geschah in Kanada – blickte ich am letzten Tag meiner Traumreise traurig und trotzig über ihr viel zu schnelles Ende in einen Reiseführer mit dem Titel „Germany“. Darin erfuhr ich Verblüffendes über die Sehenswürdigkeit Schleswig-Holsteins. Der Autor des Werkes wird sich wohl derart auf den Holperwegen des „echten Nordens“ verirrt haben, dass er allen Ernstes das Satruper Hechtmoor als Highlight neben Haithabu und Sylt in dem Leitfaden für Globetrotter unterbrachte. Warum nicht gleich Schnarup-Thumby?

Dieser eigentümliche Lückenfüller wird vermutlich auf einen verlegenen „Insider-Tipp“ zurückzuführen sein oder in einem Akt der Verzweiflung des Schreibers begründet liegen. Denn viel Orientierung wird Reisebuch-Autoren, die ja gerne mal voneinander abschreiben, in bisherigen Werken nicht geboten. Schleswig-Holstein, wo „die prachtvolle Natur es schafft, die kaum vorhandenen größeren Kulturdenkmäler mehr als zu kompensieren“ (DK Eyewitness Guide 2014) ist mit Ausnahme von Sylt und Lübeck eine ziemliche Grauzone in den internationalen Guides. Von Bielefeld heißt es ja hämisch, die Stadt gäbe es gar nicht. SH hingegen ist real – aber existiert nicht in Büchern. Wenn „Germany's True North“ dann allerdings doch mal erwähnt wird, geschieht dies selten ohne einen Anflug von dezenter Komik.

Ein Buch mit dem Titel „Ein Sommer in Schleswig-Holstein“ würde genauso wenig die Bestsellerlisten erklimmen wie „Unter der Sonne Nordrhein-Westfalens“, spottet Michael Gorra gemein, aber wohl treffend in seinem Buch „Travels through Germany“ . Wie die meisten Reise-Autoren sieht er für den Rest seiner 200-seitigen Deutschland-Interpretation vorsichtshalber über das (Fest-)Land der Horizonte hinweg. Dabei ist aktive Langeweile doch derzeit total angesagt. Dennoch: Das muss man als Nordlicht abkönnen. Bei den folgenden neun Fundstücken fühlt man sich allerdings an der Ehre gepackt.


1. Deutschlands Krone ist doch mehr als Husum und Watt
 

Nicht Kiel, nicht Flensburg – Hooge.
Nicht Kiel, nicht Flensburg – Hooge. Foto: Routard Le Guide Germania (Italien, 2009)

Prioritäten setzen, das ist für jeden Urlauber wichtig. Und der Reiseführer hilft kräftig mit. Der „Routard Le Guide Germania“ (Italien, 2009) gibt Schleswig-Holstein wenigstens die Gnade der lückenhaften Ignoranz. Was soll man den Nachkommen der Römer auch Ostseestrände, unsere nahezu römerfreie Geschichte, Fischbrötchen oder Backsteingotik schmackhaft machen? Flensburg, Schleswig, und selbst Kiel finden auf knapp 700 Seiten der Fibel keine einzige Erwähnung. Lübeck ist natürlich drin – und Husum. Ja richtig, Husum. Die „graue Stadt am Meer“ erlangt allein durch ihre Erwähnung den Status einer bedeutenden Metropole, wird dann aber auch so über den Klee gelobt, dass einem schon fast die Gänsehaut kommt. „Dieses Städtchen lässt einen nicht los. Mal trifft man auf einen Wind, der Bäume entwurzeln kann, mal auf einen kleinen Hafen, wo die alten Karkassen und Boote vor sich hinschlafen, dann auf die Strände und die friesischen Schafe, die friedlich weiden zwischen den Windkraftanlagen – all dies lädt zur Meditation ein.“ La dolce vita. Dann ein Storm-Zitat.

Aber der wirklich wahre Grund für Italiener, nach Husum aufzubrechen, sind die eifrig beschriebenen Halligen mit all ihrer Einsamkeit. Im Watt sollen sich die Menschen hier mal so richtig matschige Füße holen. Unvergessliche Momente in dieser Einsamkeit. Insgesamt sechs Seiten sind Hooge, Langeness und Husum gewidmet, Lübeck kriegt nur vier. Die Römer hatten sich schon früh für diese eigentümlichen Eilande interessiert. Schon der Chronist Plinius der Ältere (23–79 n. Chr.) beschrieb seinerzeit der Gezeiten der Nordsee und erzählte von Flächen, bei denen es zweifelhaft sei, ob sie ein Teil des Landes oder des Meeres sind: „Dort wohnt ein elendes Volk auf hohen Wurten wie auf Bühnen, von Menschenhänden aufgeworfen“.

 

2. Rügen, die schönste Insel Schelswig-Holsteins (hicks!)
 

Foto: Screenshot Fodors.com 9/2015

Fodor's, der weltgrößte englischsprachige Reisebuchverlag, scheint unserem Land auch keine Bedeutung beimessen zu wollen. Rügen, Schwerin und Wismar (allesamt in Mecklenburg-Vorpommern, wie wir wissen) seien die Top-Gründe zu kommen, raten die Amerikaner auf ihrer Internet-Präsenz unter der Kategorie „Schelswig- (sic) Holstein“. Und Sylts Schickmicki natürlich, dort kommt man übrigens auch mit dem Flugzeug hin, wenn man sich den Anblick vom Rest der Reiz-Wüste sparen will.

In seiner Ausgabe von 1974 hatte sich „Fodor's“ immerhin noch über den Namen des neuen Gesundheitsressorts „Damp 2000“ zwischen Kappeln und Eckernförde lustig gemacht. „Damp“ steht im Englischen für „feuchtkalt“ oder „klamm“, also eher Rheuma-Wetter. Später hießt es Ostsee-Bad Damp, was so viel bedeutet wie „Ostseeübel Niedergeschlagenheit“.


3. Ein Drittel sind nun mal Hügel, Baby
 

<p>Auch an der Ostseeküste werden über Pfingsten wieder Radtouristen unterwegs sein.</p>

Auch an der Ostseeküste werden über Pfingsten wieder Radtouristen unterwegs sein.

Foto: imago/Hoch Zwei Stock/Angerer


Haben Sie im östlichen Hügelland zuletzt weinerliche Radtouristen getroffen, die kein Deutsch sprachen? Vielleicht beruht deren Quälerei auf der geografischen Landesbeschreibung im „Lonely Planet“: „Da Schleswig-Holstein so flach ist wie ein Pfannkuchen, ist es ein exzellenter Ort für Fahrrad-Touren“. Kleiner Tipp zur Entkräftung dieses deutschlandweit beliebten, flachen Vorurteils: Die Haffstraße Westerholz bei Ostwind hinauf, husch husch husch. Trotz der Hügel ist das Land zwischen den Meeren – mindestens einmal – das Traumziel für Radler 2016.



4. Granit statt Raps, Wellen und „richtiger“ Pötte
 

Foto: Dorling Kindersley Eyewitness Travel Guide: Germany 2014. S. 460

Wussten Sie schon? Es gibt nur wenige Gegenden auf der Welt, in denen man eine ähnlich geballte Anzahl romanischer Taufbecken besichtigen kann wie in Angeln. Der „DK Eyewitness Travel Guide: Germany 2014“, der sich immer sichtlich bemüht, die kimbrische Steppe seinen Lesern näher zu bringen, widmet dieser Besonderheit sogar einen bebilderten Infokasten. Eine feine 63-Kilometer Besichtigungsroute gibt es, die Taufbecken-Enthusiasten aus aller Welt unter anderem zu den Kirchen von Borby, Sörup und Munkbrarup führt. Diese Tour hat sich sicherlich gewaschen.


5. Die Dinger heißen Knicks und die gibt's nur hier allein!
 

Foto: Northern Germany : handbook for travellers. Quelle Screenshot: Archive.org

1886, als in neunter Auflage der Baedecker-Reiseführer über Norddeutschland in London erschien, war Schleswig-Holstein aufgrund seiner merkwürdigen politischen Situation und der Kriege mit den Dänen so etwas wie eine befriedete Krim von heute. Auch wenn die Kreisbahnen noch nicht fuhren, bekommen in dem Wälzer Orte Gewicht, die heute fast nur Einheimische frequentieren. Selbst die Halligen werden den Reisenden als Ziel bereits schmackhaft gemacht.

Das erinnere alles ziemlich an England, schreibt der Autor über die Landschaft Angelns. Diese hohen Hecken (gemeint sind Knicks) gebe es sonst auf dem ganzen Kontinent nicht zu sehen. Auch die Dorfgasthöfe in der Holsteinischen Schweiz, der „pittoreskesten Gegend “ des Landesteils, seien hervorragend, lobt er das gastronomische Netz. 

Helgoland hingegen, das Deutschland wenig später (1890) mit Großbritannien gegen Sansibar tauschen wird, muss sich im Blick des reisenden Briten schon einigen Spott abholen. Die Dialekte, Brauchtümer und Kleidungsstücke seien in vielerlei Hinsicht „seltsam“, so der Baedecker.
 

6. Rostock oder Arnis, Hauptsache Nordsee
 

Foto: Screenshot www.travelandleisure.com/


Erwähnen wir Arnis, weil es kaum ein anderer tut. Die kleinste Stadt der Republik, ist ein politikhistorisches und dazu noch schmuckes Kleinod an der Schlei. Eher unbedeutend für Weltreisende. Das rebellische Städtchen verdient sich seinen Platz bei „Travel + Leisure“ durch das Restaurant „Schleiperle“ – unter der Online-Kategorie „Rostock“. Kleiner Tipp für Hungrige: Für die „kleine“ Tour aus MV besser ein paar Stullen schmieren und bloß nicht auf Bus und Bahn hoffen. Darin gibt es erstens nicht zu essen und zweitens fahren die – wenn überhaupt – völlig unabhängig voneinander. Und nicht in den Ferien.


7. Augen zu und Sylt
 

Foto: imago/imagebroker

In jedem noch so oberflächlichen Reiseheft wird Sylt gefeiert, dass der Rest des Landes erblasst. Sowohl die Rucksack-, als auch Trolley-Literatur macht aus der Insel ein internationales touristisches Hot-Spot. Manch Sylt-Tourist wird wohl nicht mal wissen, in welchem Bundesland er gerade unterwegs ist. Sylt ist eben Sylt. Der Lonely Planet beschreibt es so: „Wenn Westerland das Miami Beach von Sylt ist, dann ist Kampen sein St. Tropez“. Die Nordseeinsel ist das Neuschwanstein des Nordens, nur dass die Besucher des letzteren auf Rundreise sind, der Sylt-Besucher bleibt meist länger oder er „insel-hoppt“ rüber auf die anderen Eilande Föhr und Amrum – laut „Rough Guide“ ist das ein beliebter Sport für Hipster.


8. Lauter Schwule im Otto-Look
 

Foto: imago/Westend61
 

Der „Frommer’s Germany“ von 2006 enthüllt besondere Geheimnisse von der Promi-Insel mit ihrem „Reizklima“. Es gebe dort eine bedeutende Homo-, und Lesbenszene, wodurch die Insel als „Europas Fire Island“ (eine in der Gay-Szene beliebte Insel vor New York) gelte. Trendige Menschen würden sich beim häufigen Regenwetter einen „Sylter Mink“ überwerfen. Gemeint ist ein Friesennerz, wie wir ihn kannten. Der Baedeker von 1886 verkündet für das „zerstreute Dorf“ Westerland übrigens: „Annual Number of Visitors: 1500“.


9. Umfrage und Protest: Ist Schleswig wirklich schöner als Flensburg?
 

Der Reiz Flensburgs hat sich international nur bis nach Skandinavien herumsgesprochen. Das kleine Schleswig sticht die Grenzstadt nahezu in jedem Reisewerk aus. Es ist nicht nur der Wikinger-Effekt gepaart mit einem „Blockbuster-Museum“ (Rough Guide), der der Schlei-Stadt den Magneten vorhält. Der „Lonely Planet“ trieb es vor Jahren nämlich auf die Spitze: Schleswig liege anders als Flensburg an einem echten (!) Fjord, Flensburg sei eine Industriestadt und „nicht annähernd so hübsch“ wie sein südlicher Nachbar, hieß es. Überdies: Statt sich mit seinem dunklen Abschnitt als letztem Regierungssitz des Dritten Reichs auseinanderzusetzen, werde an allen Ecken und Enden der Stadt das Rumfass auf die Geschichtsrampe gerollt. Vielleicht war das Wetter nicht besonders gut an jenem Tag des Besuchs. Das kommt wirklich vor. Es lohnt sich trotzdem, das Bahnhofsgebäude zu verlassen.

Welche Stadt ist schöner, Schleswig oder Flensburg?

zum Ergebnis
 

Schleswig-Holstein hat es nicht leicht, vom internationalen Reise-Topf etwas abzubekommen. Doch es entwickelt sich etwas. Im März 2016 präsentierte „Merian“ erstmals eine englischsprachige Version von der Ausgabe „Schleswig-Holstein“. Die bildstarke und sehr auf Charme und Erholung angelegte Lektüre basiert auf der deutschen Version, hat aber auch ein paar Extras für fremde Geschmäcker im Gepäck.

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