Kinder- und Jugendheime : Was, du bist ein Heimkind?

Im Kinderhaus zur Mühle in Achtrup ist niemand, um Ferien zu machen. Dafür lernen die Kinder hier Grenzen kennen und erhalten Unterstützung.
Im Kinderhaus zur Mühle in Achtrup ist niemand, um Ferien zu machen. Dafür lernen die Kinder hier Grenzen kennen und erhalten Unterstützung.

Nur wenn das Familienleben gar nicht mehr geht, werden Kinder und Jugendliche von ihren Eltern getrennt. Wie es dann weitergehen kann, zeigt ein Besuch im Kinderhaus zur Mühle in Achtrup.

shz.de von
05. Juli 2015, 17:31 Uhr

Achtrup | Franzi geht nach Hause. Vier Jahre lang hat sie im „Kinderhaus zur Mühle“ gelebt. Sie hat gekämpft. Mit ihren Eltern, die sich getrennt haben. Mit ihrer Stiefmutter. Mit den Erziehern im Jugendheim. Vor allem aber mit sich selbst. Am Ende hat die 17-Jährige gesiegt und mit ihr alle, mit denen sie gerungen hat.

Das Kinderhaus zur Mühle ist ein Kleinstheim mit zwölf Plätzen für Kinder und Jugendliche von sechs bis 16 Jahren. Jeder hat sein eigenes Zimmer, einen Rückzugsraum ganz für sich, der aber auch mal Bestrafungsraum sein kann, wenn man etwas falsch gemacht hat. Dann heißt es, wie auch in vielen Familien: „Geh auf dein Zimmer!“ Es ist eine Isolation ohne Schloss und Riegel, die als Strafe empfunden wird, aber auch Abstand zwischen dem Heranwachsenden mit seinen Problemen und der Welt schafft. Sie gibt Zeit, zur Besinnung zu kommen und die Regeln zu verstehen und zu akzeptieren.

Im Kinderhaus kommen viele Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund zusammen. Keiner ist hier, um Ferien zu machen, auch wenn die idyllische Mühle mit Pferdekoppel, Reithalle und Musikräumen auf den ersten Blick wie ein Ponyhof aussieht. Bei familiären Problemen versuchen die Sozialarbeiter der Jugendämter vorrangig, vor Ort zu helfen. Nur wenn das nicht mehr geht, werden Eltern und Kinder getrennt. Die Belastungen, unter denen die Familien zusammenzubrechen drohen, sind ganz unterschiedlich: wirtschaftliche Not, Beziehungsprobleme, Krankheit oder auch das soziale Umfeld.

„Wenn verschiedene Charaktere aufeinandertreffen, dann kann es auch schon mal Streit geben“, erklärt Lea (13) und denkt dabei an einen Konflikt vom Vortag: „Joana war gestern richtig wütend und hat mit den Türen geknallt.“ „Das habe ich früher auch gemacht, weil ich diese ganzen Regeln von zu Hause nicht kannte. Am Anfang will man erstmal cool sein und testet Grenzen aus. Gerade mit den Schulsachen hatte ich Probleme“, erinnert sich Franzi.

Rebecca (14) hat sich nach einem knappen Jahr langsam eingewöhnt. „Anfangs war alles ungewohnt. Der Küchendienst zum Beispiel – sowas musste ich früher nicht machen“, sagt das ruhige Mädchen. Sie zeigt uns ihr Zimmer. Ordnung halten gehört zu den Regeln im Heim. Nintendospiele und CDs sind im Regal ordentlich aufgereiht, im Vordergrund steht ein Freundschaftsbuch. Auf dem Schreibtisch sitzt Rebeccas alter Teddy. An der Wand hängen Reitmedaillen. „Ich bin mit Pferden aufgewachsen“, sagt das Mädchen. Deshalb hat sie sich auch für dieses Heim entschieden, als es in der Pflegefamilie nicht so gut klappte. Außerdem ist ihre Mutter in der Nähe, die krank ist und sich deshalb nicht um die Tochter kümmern kann.

Auch an die Handy-Regelung musste Rebecca sich genau wie alle anderen gewöhnen. „Als es das nächtliche Handyverbot noch nicht gab, haben wir uns nachts SMS geschrieben und getroffen, wenn die Erzieher geschlafen haben“, erzählt Franzi. Rebecca ergänzt: „Abends um zehn Uhr müssen wir das Handy abgeben. Am Anfang fand ich das nicht gut, weil ich sonst immer noch gern Musik gehört habe und es als Wecker benutzt habe. Aber mittlerweile finde ich es gut, weil ich dann ausgeschlafen bin für die Schule.“

Die Gemeinschaftsräume sind handyfreie Zonen. „Die Kinder waren immer abgelenkt. Manchmal vergaßen sie sogar das Essen“, erklärt Erzieher Thomas Wieder. Wenn ein Schützling die Regeln nicht befolgt, kann das auch schon mal einen längeren Handyentzug nach sich ziehen.

Von der Außenwelt abgeschnitten sind die Jugendlichen aber auch dann nicht. An der Wand im Gemeinschaftsraum hängen die Telefonnummern aller Sozialarbeiter, des Psychologen, der auch jeden Mittwoch als Ansprechpartner in der Mühle ist, und der Heimaufsicht. Die Kinder haben also jederzeit die Möglichkeit, sich an andere Vertrauenspersonen zu wenden, wenn sie Rat von außen brauchen.

„Transparenz ist wichtig“, betont Mielack. Auch unangekündigte Kontrollen im Auftrag des Landesjugendamtes hält er für eine gute Sache. Von aufgeregten Forderungen nach einem Notfalltelefon, die im Zuge der Geschehnisse um die Dithmarscher Einrichtung Friesenhof laut wurden, halten die Erzieher aber nichts. Denn schon jetzt gibt es genug Stellen, bei denen die Kinder Hilfe finden – auch wenn sie nur ein Problem mit Handyregelungen oder dem Küchendienst haben. „Davon machen die Jugendlichen auch Gebrauch. Sanktionen gehören nun einmal zur Erziehung dazu, Strafen ebenso wie Belohung“, sagt Erzieher Thomas Wieder. Wenn die Jugendlichen sich aber an die Regeln gewöhnt haben, werden sie als verlässlicher Rahmen begrüßt.

Der Rahmen gibt auch Kindern, die schon viel hinter sich haben, Halt. An Leon (10) waren schon zwei Pflegefamilien gescheitert, als er vor fünf Jahren ins Kinderheim kam. „Das waren nette und erfahrene Familien“, sagt Jörg Mielack. Für Kinder bis ins Grundschulalter suchen die zuständigen Sozialarbeiter normalerweise eine Pflegefamilie, da für sie die kleinen Strukturen besser sind. Doch jeder Fall ist anders.

Im Kinderhaus ist Leon nun schon ein alter Hase. Oft steht er im Mittelpunkt, denn er sprudelt vor Energie. „Das Tolle ist, dass ich hier jeden Tag Hobbys machen kann“, sagt der Junge. Er reitet, geht zum Turnen ins Dorf, zum Sportabzeichen-Training und macht Musik mit den Mühlenkids, der Band des Jugendheims.

„Und das Essen ist Luxus“, sagt Leon. Mielack und Wieder lachen. Als Leon ins Kinderhaus kam, mochte er nichts anderes als Pizza essen. Den „Luxus“ wird er weiter genießen können, denn bei Leon ist es nicht absehbar, dass er zurückgeht, da die Mutter nicht in der Lage ist, sich um den Jungen zu kümmern. Dennoch liebt Leon seine Mutter. In der Adventszeit übt er immer besonders fleißig mit den Mühlenkids für das große Konzert am dritten Advent in der Kirche, denn da kommt auch seine Mutter.

„Das Adventskonzert ist eine tolle Einrichtung. Da kommen so viele Gäste, Familien und Freunde, aber auch Institutionen, mit denen wir zu tun haben“, erklärt Thomas Wieder. Die Lehrer der Schulen in Achtrup, Leck, Niebüll und Flensburg, die die Mühlenhaus-Bewohner besuchen können, zum Beispiel. „Viele, die von uns wissen, fahren hier oft vorbei und denken sich: Da würde ich gern mal reinschauen“, so Wieder. Der Konzerttag ist eine gute Gelegenheit, denn im Anschluss gibt es einen gemütlichen Adventskaffee im Haus. Öffentlichkeitsarbeit ist den Betreibern des Kinderhauses zur Mühle wichtig. Denn gegenüber einem Kinderheim gibt es viele Vorurteile.

Franzi kennt das: „Neulich mussten wir für die Schule ein Religions-Referat in einer Gruppe vorbereiten. Wir haben überlegt, wo wir das machen und ich habe vorgeschlagen, dass alle zu mir kommen. Als ich sagte, wo ich lebe, waren alle ganz erstaunt: Du bist ein Heimkind? Sie dachten, die haben schludrige Klamotten und eine schlechte Sprache“, erzählt Franzi. Wenn die Schüler dann herkommen, ändert sich ihr Bild. „Ich habe schon oft Freunde mitgebracht. Die fanden das eher luxuriös hier“, meint Lea (13).

Luxus – so sieht es auf den ersten Blick aus. Ein weiträumiges Gelände rund um die Achtruper Mühle. Pferde stehen auf der Koppel, es gibt einen Stall und eine große Reithalle sowie eine Werkstatt und zwei Musikräume, in denen die „Mühlenkids“ auch für Auftritte proben. Am Nachmittag steht zur Kaffeezeit selbst gebackener Kuchen auf dem Tisch.

Doch tatsächlich ist dies einfach ein kleines Unternehmen, das langsam aufgebaut wurde und nun gute Rahmenbedingungen schafft für junge Menschen, die es bisher nicht leicht hatten im Leben. Vier Mahlzeiten am Tag geben den zwölf Kindern und Jugendlichen im Haus eine Struktur, die viele von zu Hause nicht kennen. Sie setzen sich zusammen, wie es in einer guten Familie geschehen sollte, und reden miteinander.

Wie in einer Familie – so will Jörg Mielack sein Haus führen. Wachsen soll das Unternehmen, das seine Eltern vor 31 Jahren gegründet und aufgebaut haben, nicht. „Die beste Arbeit leistet man, wenn man im kleinen Rahmen arbeitet. So kennt man seine Schützlinge persönlich, sonst ist man als Träger nur mit der Verwaltung beschäftigt“, meint der diplomierte Heilpädagoge.

So kennt er Franzis Werdegang genau, die vor vier Jahren ins Heim kam, nachdem ihre Eltern sich getrennt hatten und das Mädchen sich nicht mehr zurecht fand. Auch bei Lea hat die Trennung der Eltern dazu geführt, dass das Mädchen eine Auszeit im Heim braucht, sie hat sich das selbst so ausgesucht, sagt die 13-Jährige, die das Gymnasium in Niebüll besucht.

Noch ein Vorurteil, dass nicht stimmt: Dass die Kinder stets vom Rand der Gesellschaft kommen. „Viele Eltern haben ganz etablierte Berufe“, erklärt Jörg Mielack. Manchmal scheitert das Familienleben auch an zu hohen Erwartungen.

Wenn die Kinder nach Achtrup kommen, machen sie unter anderem einen IQ-Test, um richtig eingeschätzt und beschult zu werden. „Momentan haben wir eine recht gute Gruppe“, sagt Mielack. Drei der Jugendlichen gehen aufs Gymnasium, die anderen streben die Mittlere Reife an. Das Zusammenleben funktioniert gut.

In so einer Situation gibt es gute Chancen, auch schwierige Fälle zu integrieren. Zum Beispiel den 14-jährigen Jungen, der gerade neu dazu gekommen ist, mit sechs Strafanzeigen im Gepäck und einem laufenden Verfahren wegen Körperverletzung. Wenn Kinder keine andere Lebenssituation als Hartz IV kennen und dann noch falsche Freunde finden, bei denen Einbrüche und Drogenmissbrauch an der Tagesordnung sind, sieht die Prognose schlecht aus. Auch bei guter Arbeit kann das Kinderhaus scheitern, wenn die Jugendlichen nicht zu fassen sind.

Für den Jungen ist es das vierte Heim. Jörg Mielack hofft, dass der Druck der Gruppe ihm hilft. „Wenn er es schafft, mitzuschwimmen, kann er es schaffen“, sagt der Pädagoge. Dazu gehört aber auch, dass der Junge sich von falschen Freunden fernhält. Die Erzieher achten darauf. Freunde, die schon polizeibekannt sind, sind im Heim nicht willkommen.

Auch Franzi musste sich schon von neu gewonnenen Freunden verabschieden, die plötzlich nachts im Haus standen. „Wir haben ja den Auftrag, die Kinder zu schützen“, erklärt Thomas Wieder. Auch wenn sich das Mädchen noch rechtfertigt für das, was damals geschehen ist, erkennt sie die Kompetenz der Erzieher an. Und sie ist stolz auf die eigene Entwicklung. „Mich motiviert, dass die Betreuer meinen neuen Freund mögen“, sagt die 17-Jährige. Sie hat sich ihr Vertrauen verdient. Der Freund darf auch in ihrer Wohnung übernachten, denn Franzi wohnt schon in dem Haus, das auch für die Verselbstständigungsphase da ist. Für diese letzte Zeit ihrer Jugend geht sie nun aber nach Hause zurück. Ihre Familie hat sich verändert. Und Franzi hat sich verändert. Sie hat Verantwortung übernommen. Bei den „Mühlenkids“ ist sie Leadsängerin und sie erklärt den Neuen, dass sie sich gegenseitig unterstützen müssen, wenn sie Erfolg haben wollen. „Sie hält die Gruppe zusammen“, lobt Thomas Wieder die 17-Jährige. Die Erzieher sind zuversichtlich, dass Franzi ihren Weg machen wird.

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