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Interview zum Islam und Salafismus : Warum Jugendliche in den Heiligen Krieg ziehen

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Islamismus ist nicht der Islam – Lamya Kaddor kämpft für einen liberalen Islam und damit auch gegen die Dschihadisten.

„Zum Töten bereit“ heißt ein Buch, das Lamya Kaddor jetzt geschrieben hat. Jan-Philipp Hein sprach mit der Islamwissenschaftlerin auch über die Frage, wann sich der Islam modernisiert und was sie selbst im Islam findet.

Wer ist schuld, wenn Jugendliche in den Heiligen Krieg ziehen?
Ihr Unterton ist ja ganz toll (lacht).

Da ist kein Unterton.
Doch, habe ich gehört.

Bitte keine Paranoia gleich zu Beginn.
Erstens die Jugendlichen selbst, zweitens die Familien und drittens die Gesellschaft, wir alle.

Kann man das gewichten?
Die Hauptverantwortung liegt bei den Eltern, die ihren Kindern keine Geborgenheit vermitteln können.

Das passiert in vielen Elternhäusern. Aber nicht alle Kinder, die das erleben, werden Islamisten.
Neonazis können junge Muslime ja schlecht werden und die linke Szene ist uninteressant.

Warum?
Es ist was anderes, mit einem grünen Irokesenschnitt durch die Gegend zu rennen. Ein Salafist mit Bart fällt in seinem Umfeld erstmal nicht so auf.

Die linksextreme Szene ist doch relativ offen, was Äußerlichkeiten angeht. Die verlangen keinen Iro.

Ja, diese Szene ist auch deshalb uninteressant, weil sie keine Angebote hat, die diese Jugendlichen ansprechen, die ja in einer Phase sind, wo der Islam für sie gerade eine Rolle spielt.

Welche Rolle spielt der Islam bei diesen Jugendlichen, die gefährdet sind, zum Salafismus abzudriften?
Wir wissen aus Studien, dass sich große Teile der muslimischen Community als gläubig oder sehr gläubig beschreiben. Da definieren sich viele über ihren Glauben, obwohl sie oft gar nicht wissen, was Islam genau heißt.

Wie passt das zusammen? Auf der einen Seite locken Angebote unter dem Label Islam, andererseits wissen die Jugendlichen nicht genau, was das eigentlich ist?
Naja, sie werden von Salafisten als Muslime angenommen. Und zwar in einer Gesellschaft, in der sie sonst oft als Muslime abgelehnt werden. Diese Aufwertung ist nicht zu unterschätzen und ersetzt das, was ihnen ihre Eltern oder auch Lehrer und Mitschüler nicht gegeben haben. Denen geht es nicht wirklich darum, zu erfahren, was der Islam ist. Das könnten sie ja auch bei ihren Eltern oder in der Gemeinde versuchen.

Wie kommen Sie darauf, dass die Gesellschaft diese jungen Leute als Muslime ablehnt? Ist es nicht so, dass diese Muslime ihrerseits die Gesellschaft ablehnen?
Es gibt Stereotype über den Islam, die Muslime gar nicht erfüllen müssen, um abgelehnt zu werden. Es reicht, dass sie sich als Muslime bekennen. Selbst ich bekomme blanken Hass zu spüren, obwohl ich als liberale Muslima deren Kriterien gar nicht erfülle. Es wird etwas auf mich projiziert. Wobei es auch die von ihnen beschriebene Tendenz gibt. Die Frage ist nur, was zuerst da war? Wurden sie zuerst ausgegrenzt und haben sich dann abgegrenzt oder war es umgedreht?

Was haben Islam und Islamismus miteinander zu tun?
Es gibt Bezüge. Meist sind es Verbindungen zur Frühzeit des Propheten. Gegenwärtiges Handeln soll mit solchen Bezügen legitimiert werden. Nehmen Sie die Barbarei der Steinigung.

Taugt der Islam besonders gut als Basis für Radikalisierungen?
Nein. Nicht besser als jede andere Religion auch.

Und warum ist es bei anderen Religionen nicht mehr so virulent?
Sie sagen es: Es ist NICHT MEHR so virulent. Das Christentum mag da einen Vorsprung haben, aber bedenken Sie auch, die arabisch-islamische Welt ist inzwischen fast in Gänze ein politisches Schlachtfeld.

Gibt es DEN Islam? Oder anders: Bis zu welchem Grad dürfen wir pauschalisieren, wenn es um Islam geht? Wenn die Spinner von der kommunistischen Plattform der Linkspartei mal wieder was vom Stapel lassen, schlägt das ja auch auf die ganze Partei durch.
Es gibt nicht DEN Islam, aber einen Mainstream. Der ist sunnitisch geprägt und lehnt Gewalt ab. Vergessen Sie nicht, dass wir die meisten Muslime in Indonesien finden. Das ist der dominierende Islam und nicht dieser Nahost-Islam, der unser Bild prägt. Es ist dennoch schwierig, da die Grenze zu ziehen. Im Grunde geht Pauschalisierung im Islam gar nicht.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, müssen wir uns nur noch ein paar Jahrhunderte gedulden, bis der Islam aufgeklärt und sein Gewaltproblem los ist.
Solange so viele islamische Länder in so schwierigen Lagen sind, wird es schwierig sein, einen Islam zu etablieren, der Dinge predigt, die politisch nicht umgesetzt werden.

Jetzt sind wir wieder bei der Zuerst-Frage. In diesem Fall: War erst die Gewalt in der Region oder kam eine gewalttätige Religion in die Region?
Es gab bereits Zeiten in der islamischen Geschichte, wo man Wissenschaft und Glaube nicht als Widerspruch verstanden hat. Erst in der jüngeren Vergangenheit wurde mehr auf militärische Macht gesetzt. Im Zuge dessen verwelkte die islamische Blüte. Heute gilt: Je stärker sich Staaten demokratisieren, desto besser wird sich ein offener Islam entfalten können.

Was können die Islamverbände hier in Deutschland gegen salafistische Jugendliche tun?

Nicht viel, fürchte ich.

Weil?
Ich glaube ein Grund, warum die großen Verbände sich nicht stärker vom Salafismus distanzieren, ist, dass Teile der Basis den Fundamentalisten näher stehen als ihnen lieb ist. Und die will man nicht verprellen. Außerdem fehlt den islamischen Verbänden bisher noch das pädagogische Know-How, um Präventionsprogramme zu machen. Stattdessen hat man viel mehr Energie in Kopftuchstreit, Schwimmunterricht für Mädchen und ähnliche Themen gesteckt.

Aber sogar Sie haben ja in Ihrer Arbeit die Erfahrung gemacht, dass Ihnen Schüler an den Salafismus verloren gehen.
Fünf von eintausend. Andersrum betrachtet habe ich 995 Mal Erfolg gehabt. Wir werden dem Salafismus niemals völlig den Garaus machen. Wir können nur aufklären und eindämmen.

Muss man dafür Pädagoge oder Theologe sein?
Wir brauchen beides.

Wie sieht der Islam aus, den Sie sich wünschen?
Er muss offen und transparent sein, er muss mit der Zeit gehen.

Also eine weitere postmoderne Wellnessreligion?
Nee. Einfach eine Religion die mich stützt, wenn ich sie brauche.

Was wäre der Unique Selling Point Ihres Islam?
Mein Gottesverständnis. Mein Gott ist einzigartig.

Das behaupten die anderen von ihrem Gott auch.
Ich brauche keine Mittlerposition, keinen Priester, der mir sagt, was zu tun ist.

Was kann Religion eigentlich regeln?
Es geht primär um das Verhältnis zwischen mir und Gott. Wenn ich das konkretisiere, regelt sie die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch.

Nun gibt es im Koran Passagen, die sind nicht so offen wie Sie sie interpretieren.
Die muss man in ihrem historischen Kontext verstehen.

Das ist ja auch so eine Krücke, um den alten Kram in die Moderne zu retten.
Ich muss Ihnen sagen: Sie argumentieren wie die Salafisten.

Ich muss bitten!
Doch, im Ernst, weil Sie die Quelle buchstabengetreu nehmen. Ich sage, der Koran enthält Ewigkeitscharakter und ist dennoch ein Zeugnis seiner Zeit.

Wie können Texte von damals Antworten für heute liefern? Daran scheitern Sie und alle, die Religionen modernisieren wollen. Auf den Müllhaufen mit den Schriften. Das kann heute nicht mehr funktionieren. Ich glaube an Bach. Das ist für die Ewigkeit.

Nein. Gott liefert auch Antworten auf Fragen dieser Zeit – aber man muss die Texte weiterdenken. Die Umgebung der Menschen entwickelt sich schließlich auch weiter. Zudem liefern die Texte uns spirituelle Nahrung.

Auch das kann Bach. Leistungssport kann auch transzendente Erlebnisse schaffen. Warum wollen Sie einen Text, der mit unserer Lebensrealität 0,0 zu tun hat, unbedingt mitschleppen?

Weil dieser Text der Seele etwas bieten kann, und zwar mehr als Bach und Leistungssport. Das Rezitieren des Korans auf Arabisch erzeugt bei mir Gänsehaut.

Aber das macht es ja noch schwieriger, diesen Text in die Moderne zu holen.
Macht es, ja. Aber die Texte haben sich über Jahrtausende bewährt.

Die Erfahrung ist, dass die Schriften uns doch immer mehr Probleme machen, je länger ihre Entstehung zurückliegt...
...das kann ich so nicht unterschreiben. Aber ich finde Ihre Einwände gut, da ich mich selbst frage, ob mir das noch was gibt.

Sind Sie sich sicher, morgen noch dabei zu sein?
Ja.

In zehn Jahren?
Ich weiß ganz sicher, dass ich immer spirituelle Nahrung brauchen werde.

Ihren Liberalismus habe ich verstanden, Ihren Islam nicht. Aber das macht ja nichts.
Stimmt, das macht nichts.

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von
erstellt am 02.Mär.2015 | 13:34 Uhr

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