Ausgewandert in den Norden : Warum es eine Schleswig-Holsteinerin nach Island verschlagen hat

Als der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach, lebte Claudia Werdecker bereits in Island. Sieben Jahre später zeigt der benachbarte Vulkan Katla (zuletzt 1918 ausgebrochen) verstärkte Aktivität.
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Als der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach, lebte Claudia Werdecker bereits in Island. Sieben Jahre später zeigt der benachbarte Vulkan Katla (zuletzt 1918 ausgebrochen) verstärkte Aktivität.

Seit sieben Jahren wohnt Claudia Werdecker im Hohen Norden. Auf der kleinen Insel Hrísey leitet sie einen Tante-Emma-Laden.

shz.de von
15. Januar 2018, 19:10 Uhr

Ein Leben unter Palmen, viel Sonne in südlichen Gefilden: Das ist der Traum der meisten Auswanderer. Lange Winter und Schnee stehen nicht unbedingt auf der Wunschliste. Doch es gibt auch Deutsche, die es in den Norden zieht. Claudia Werdecker (31) gehört dazu. Das ehemalige Redaktionsmitglied des Holsteinischen Couriers lebt seit 2010 in Island. Zunächst wohnte sie in der Nähe der Hauptstadt Reykjavík, jetzt auf der isländischen Insel Hrísey, unweit des Polarkreises.

Die Entscheidung für ein Leben im hohen Norden – wie kam es dazu?

Ich habe schon als Kind Urlaub im Norden gemacht. Zum ersten Mal übrigens im Alter von sechs Monaten, damals sind meine Eltern mit ihrem VW-Bus nach Dänemark gefahren. Diese Urlaube haben mich geprägt, und 2007 habe ich ein Studium der Skandinavistik mit Isländisch als erster Sprache begonnen. Natürlich habe ich das Land auch bereist. Während eines Urlaubs habe ich meinen späteren Partner kennengelernt, zu dem ich 2010 gezogen bin. Wir lebten in einer Vorstadt von Reykjavík. Nach der Trennung 2015 habe ich kurz überlegt, nach Deutschland zurückzukehren, doch mein Bauchgefühl sagte mir, in Island zu bleiben.

War es schwer, Arbeit zu finden, was haben Sie als erstes gemacht?

Ich hatte nie Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden. Als ich nach Island gekommen bin, lieft die Konjunktur nach der Finanzkrise gerade wieder an. Mein allererster Job war ein Semester als Hilfslehrerin im Fach Isländisch für Ausländer an der Universität. Anschließend war ich Reiseleiterin für deutsche Urlauber. Und heute leite ich einen Tante-Emma-Laden auf Hrísey, das ist eine Insel in Nordisland. Das kleine Geschäft haben die rund hundert Inselbewohner 2015 als Genossenschaft gegründet. Hrísey ist wie eine Hallig. Im Sommer überlaufen, im Winter menschenleer. Der Laden soll die Grundversorgung sicherstellen und wird staatlich gefördert. Per Zeitungsanzeige wurde eine Leiterin gesucht, da habe ich mich beworben.

Im Winter bin ich die einzige Angestellte und kümmere ich mich um alles, im Sommer helfen Saisonkräfte. Das Ziel, den Laden ohne Verlust zu führen, ist bis jetzt leider noch nicht erreicht – die Konkurrenz durch Discounter auf dem eine halbe Stunde entfernten Festland ist groß, die Hauptsaison kurz, und die wenigen Einwohner im Winter reichen nicht aus. Aber ich bin optimistisch.

Was sind die größten Hürden für Auswanderer, die nach Island kommen?

Die größte Hürde für mich war, dass in Island vieles sehr locker abläuft. Man lebt in den Tag hinein und plant deutlich weniger als in Deutschland. Das ist in vielen Fällen angenehm, kann einen aber auch zur Verzweiflung treiben. So war mal die Spülung unserer Toilette defekt – während der drei Monate langen Sommerferien. Wir haben fünf Handwerker angerufen, die alle erklärten, sie seien im Urlaub. Und man könne doch mit einem Eimer spülen. Alle Isländer machen im Sommer Urlaub, übergeben die Arbeit an Saisonkräfte. Da kollidiert das isländische Laissez-faire schon mal mit meiner deutschen Planungswut.

Im Isländischen gibt es sogar einen Ausdruck dafür, ein Problem ruhig anzugehen in der Hoffnung, dass es sich irgendwann von selbst löst: Þetta reddast. Das heißt in etwa: Das wird schon klappen. Diese Denkweise der Isländer zu übernehmen, ist hilfreich, um im hiesigen Chaos nicht durchzudrehen. Wenn für den Laden einmal dringend benötigte Waren von der Spedition nicht geliefert werden, kenne ich sicher jemanden, der jemanden kennt, der sie mir mitbringen kann.

Wo fühlen Sie sich jetzt zuhause?

Im Hinblick auf mein tägliches Leben bin ich definitiv in Island zu Hause, da ich ja nun schon seit sieben Jahren hier lebe und arbeite. Kulinarisch fühle ich mich dann doch eher in Deutschland verwurzelt, da die Isländer recht einfach kochen, nicht viel würzen. Dafür gibt es an besonderen Tagen dann Gerichte wie fermentierten Rochen mit Hammelschmalz oder Gammelhai. Gerne gegessen wird auch Fohlenfleisch, was wiederum ganz lecker ist.

Wie sind die Isländer so, abgesehen von ihrer Art, Probleme locker anzugehen?

Die Menschen sind eindeutig weniger gestresst. Im Arbeitsleben würde ich in Deutschland die Entspanntheit und auch das kollegiale Verhältnis zu Vorgesetzten vermissen, wenngleich ich mich wahrscheinlich schnell wieder umstellen würde. Im Verhältnis von Mann und Frau ist mir eine Besonderheit aufgefallen. Ich habe das Gefühl, dass die isländischen Männer bei einem Flirt erwarten, dass die Initiative von der Frau ausgeht.

Was ist der größte Unterschied zwischen den Menschen in Deutschland und Island?

Kaum ein Isländer macht ein Leben lang die gleiche Arbeit. In meinem Bekanntenkreis habe ich einen früheren Tankwagenfahrer, der mit 50 ein Studium der Wirtschaftswissenschaften begonnen hat. Und einen einen ehemaligen Drucker, der mit 61 Jahren zum Maschinist für Schiffe umschult. Es gibt ein großes Bestreben, sich weiter zu bilden. Zum Arbeiten und Lernen wird der Winter genutzt, gelebt wird im Sommer.

Wie kommen Sie mit der Kälte klar?

Viele Isländer tragen auch an kalten Sommertagen ein T-Shirt, weil ja Sommer ist. Ich muss mich gerade im Winter immer noch ziemlich dick einpacken, auch wenn ich mich mit den Jahren an die Kälte und den ständigen Wind gewöhnt habe. Schwierig bleibt die lange Dunkelheit. Heute ist es erst um 10 Uhr hell geworden und um 15.30 Uhr beginnt schon wieder die Dämmerung.

Sind Sie glücklicher als in Deutschland, und was sind die Pläne für die Zukunft?

Meine Angehörigen leben in Deutschland, und ich vermisse meine Familie oft sehr. Wäre ich hier nicht zufrieden, würde ich sicher nicht mehr in Island leben. Für die Zukunft wünsche ich mir, etwas weniger deutsch sein und mir weniger Zukunftssorgen zu machen. Ansonsten hoffe ich, dass es den Tante-Emma-Laden in Hrísey noch lange gibt, denn ich liebe meine Arbeit sehr, und der Laden ist mir eine Herzensangelegenheit.

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