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Hochseeangeln in der Ostsee : Warum ein Rendsburger Hobby-Angler gegen die Dorschquote kämpft

vom
Aus der Onlineredaktion

Freizeitangler müssen sich in der Schonzeit mehr einschränken als Küstenfischer. Dagegen macht Heinrich Stremmer mobil.

Rendsburg/Kiel/Rostock | Mit 33 Leuten gingen sie an Bord der „MS Blauort“ in Laboe bei Kiel. Der Kutter fuhr die Freizeitangler hinaus auf die Ostsee. Am Ende des 30. Dezember vergangenen Jahres  das  magere Resultat: „Nicht einen Dorsch hatte ich gefangen“, berichtet Heinrich Stremmer aus Osterrönfeld bei Rendsburg. Der 77-Jährige brachte lediglich fünf Plattfische nach Hause. Und die anderen? „Insgesamt haben die 33 Hobbyfischer an Bord nur drei Dorsche angelandet“, sagt der begeisterte Hochseeangler.

Keine Frage – der Dorsch macht sich derzeit rar. Und so reagiert die Europäische Union mit einem Fangverbot im Februar und März – einer Schutzzeit für laichende Dorsche in der westlichen Ostsee und einer hier reduzierten Fangmenge um  56 Prozent im Vergleich zu 2016. Allerdings: Fischer mit kleinen Kuttern dürfen in dieser Zeit nun doch dem Dorsch nachstellen. Die EU-Fischereiminister wollen mit dieser Ausnahme den kleineren Betrieben, die gleichwohl ebenso der Quote unterliegen, das Überleben sichern.

Während Landesfischereiverbandspräsident Lorenz Marckwardt und die schleswig-holsteinische EU-Fischereipolitik-Expertin Ulrike Rodust (SPD) sich darüber freuen, sind die Freizeitangler sauer. Denn ihre Quoten werden in den Monaten Februar und März auf drei, im übrigen Jahr fünf Dorsche je Meeresangler und Tag beschränkt. „Das macht doch so überhaupt keinen Sinn mehr“, sagt Stremmer. „Als wenn einzig die Brandungs-, Kleinboot- und Hochseeangler besonders zu dem Rückgang der Dorschbestände beigetragen hätten. Das haben sie aber nicht“, sagt der Mitbegründer des Deutschen Meeresangler Verbandes (DMV) im Norden und verweist auf seine jahrzehntelange Angler-Erfahrung.

Auch DMV-Präsident Ralf Deterding hat kein Verständnis für die Ausnahme für Klein-Berufsfischer. „Richtig für den Dorschbestand wäre es gewesen, dass es mit Rücksicht auf die Laichgründe allen verboten worden wäre, zwischen Januar und März in Wassertiefen über zehn bis 15 Metern den Dorsch zu fangen. Und das derzeitige Mindestmaß von 38 Zentimetern auf 42 bis 45 Zentimeter heraufzusetzen“, so Deterding. „Das hätte der Reproduktion beim Dorsch am meisten gedient.“

Mindestens 140.000 Angler entlang der deutschen Ostseeküste

Die Meeresangler hätten genau diese Vorschläge eingebracht, diese seien aber nicht berücksichtigt worden. Wohl auch deshalb nicht, ist aus involvierten Kreisen zu hören, weil damit ein EU-weiter  Mitbestimmungsprozess in Gang gesetzt worden wäre, der zwei Jahre angedauert hätte. Dann aber  wäre es um den  Dorsch, der sich bereits jetzt außerhalb sicherer biologischer Grenzen befindet,  besonders schlecht bestellt gewesen.

Mit eingeflossen in die Einschränkung für Freizeitangler sind Zahlen einer Erhebung des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock. Demnach gingen zwischen 2005 und 2015 im Durchschnitt 140000 Angler entlang der deutschen Ostseeküste ihrem Hobby nach. Zusammen kamen sie auf jährlich etwa eine Million Angeltage. Den jährlichen Dorschfang der Angler gibt das Institut mit 1,2 Millionen bis 2,7 Millionen Stück an – das sind „zwischen 1774 und 2962 Tonnen“.

„Nach neuesten Erhebungsmethoden müssen diese Zahlen noch nach oben korrigiert werden“, sagt Dr. Harry Vincent Strehlow, Leiter der Instituts-Arbeitsgruppe Marine Freizeitfischerei. Er geht inzwischen sogar von deutlich mehr als 160.000 Anglern entlang der deutschen Ostseeküste aus.     

Interessant dabei: Aufgrund einer Befragung kam das Institut zu dem Ergebnis, dass weniger als ein Drittel der Kutterangler aus einem der beiden Küstenländer stammen. „Der Großteil der Angler kam aus den angrenzenden Bundesländern, aber auch aus Bayern und Baden-Württemberg.“

Und: Die Mehrheit der Dorsche werde weniger von Anglern an Land, als vielmehr von Boot- und Kutteranglern, die zusammen 85 Prozent stellen, gefangen, sagt Strehlow weiter. „Wobei die Zahl der Kleinbootangler inzwischen auch die der Kutterangler deutlich übertrifft und mit mehr als 45 Prozent schon seit Längerem die größte Gruppe der Meeresangler darstellt.“

Daran hat Stremmer starke Zweifel. „Dann habe ich aber beim Kleinbootangeln vieles falsch gemacht!“, sagt der 77-Jährige, der einst Wettkampf-Angler auf internationaler Ebene gewesen ist und 1990 im rheinland-pfälzischen Lahnstein als Sportler des Jahres geehrt worden war. So habe er  bei einer fünftägigen Kleinbootmeisterschaft vor der dänischen Insel Langeland lediglich drei Dorsche gefangen. Auch bei anderen Ausfahrten vor Apenrade, Maasholm, Damp oder Gelting seien es kaum mehr gewesen. Bezogen auf die Kutter- und Strandangler kenne er zudem ganz andere Zahlen.

Zudem lasse sich aus akribischen Aufzeichnungen einer bekannten dreiköpfigen Rendsburger Anglerfamilie ablesen: Innerhalb von 32 Jahren hatte die Familie 260 Boots- und Kutter-Ausfahrten gemacht und dabei 3416 Dorsche gefangen. „Das macht 13,14 Dorsche pro Fahrt – für die drei zusammen!“, rechnet Stremmer vor. Pro Kopf und Jahr seien das 4,4 Dorsche. Beim Brandungsangeln dieser  Familie im selben Zeitraum sei die Zahl noch geringer: 1,01 Dorsche pro Person und Tag. Andere Zahlen auf anderen Sportfischerbooten gingen in dieselbe Richtung, sagt Stremmer.

Und überhaupt:  Die Meeresangler seien keineswegs jeden Tag unterwegs. Schon gar nicht diejenigen, die mit einem kleinen Boot bei maximal Windstärke drei sich aufs offene Meer hinaustrauen. Und die Hochseeangler? „Heutzutage müssen wir um die sechs Vereine mobilisieren, um einen Kutter überhaupt vollzukriegen“, sagt der 77-Jährige, der seit fünf Wochen nicht mehr hinter der Reling stand. Und für alle gilt: Das Wetter muss stimmen. „Manche Kutter fahren im Winter gar nicht ’raus.“ Zudem sei das Hobby nicht billig: Mitfahrpreis, Kost und Parkgebühren inklusive, müsse man für einen Angeltag mit 80 Euro kalkulieren. „Aber bei einem EU-Limit von drei oder fünf Dorschen – da kann ich doch gleich lieber Fisch kaufen gehen“, sagt Stremmer.

Treffen mit der schleswig-holsteinischen EU-Fischereipolitik-Expertin

Er habe der schleswig-holsteinischen SPD-Europaabgeordneten und EU-Fischereipolitikexpertin Ulrike Rodust jetzt geschrieben. Sein Vorschlag: Die Meeresangler werden verpflichtet, Fangbücher zu führen – die Daten werden in einem Computerprogramm eingegeben. „So kommt man zu den tatsächlichen Dorsch-Zahlen“, ist Stremmer überzeugt. Bei den Süßwasserfischern seien solche Fangbücher längst übliche Praxis.

Ulrike Rodust hat geantwortet. Und ein Treffen mit ihm verabredet, das bereits am kommenden Donnerstag in ihrem Kieler Büro stattfinden soll. Eine Vorstellung von einem möglichen Ergebnis habe er nicht, sagt Stremmer. „Das lassen wir völlig offen.“ Allerdings: Von der Unterredung wolle er abhängig machen, ob er mit einer Unterschriftenaktion gegen die Einschränkung für Meeresangler loslegt – und zwar auf der Norddeutschen Anglerbörse am kommenden Wochenende  in der Nordmarkhalle in Rendsburg. Die Börse gilt als die größte Angelmesse in Schleswig-Holstein.

Die Vorbereitungen zu seiner Aktion hatte Stremmer  längst abgeschlossen, als er durch das positive Gesprächsangebot der EU-Politikerin überrascht wurde. „Generell bleibe ich stets auch mit den Freizeitanglern im Dialog und suche das Gespräch“, sagt dazu Ulrike Rodust Schleswig-Holstein am Sonntag. Allerdings stellt sie auch klar, dass die Freizeitfischerei in der Vergangenheit stets unreguliert geblieben war. „Angesichts des aktuellen dramatischen Rückgangs der Dorschbestände muss nun auch dieser Bereich Einschränkungen hinnehmen können“, sagt die Fischereipolitik-Expertin. Schließlich sei es im gemeinsamen Interesse von Berufs- und Freizeitfischerei, dass sich der Dorschbestand in der westlichen Ostsee schnell wieder erholt. Die wissenschaftlich erhobenen Zahlen des Thünen-Instituts indes, die neben anderen Expertisen Grundlage der Entscheidung der EU-Fischereiminister gewesen sind, stelle sie keineswegs infrage, sagt Rodust.

Dies macht Stremmer betroffen. Bei vielen Ausfahrten hole er zwar deutlich weniger Dorsche an Bord, als die aktuelle EU-Einschränkung vorgibt. Wenn es aber doch mal mehr als fünf Dorsche werden, dann will er die Fische ebenso mit nach Hause nehmen dürfen. „Ich möchte nicht, dass man mein Hobby, das ich seit 1962 betreibe, kaputt macht“, sagt der 77-Jährige.

Am 18. Februar wird Heinrich Stremmer wieder an Bord eines Kutters hinaus auf die Ostsee fahren – neun Wochen nach seiner letzten Tour. Seine Fangprognose: „Keine Dorsche, aber viele Plattfische.“

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erstellt am 05.Feb.2017 | 10:50 Uhr

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