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Erstaufnahmeeinrichtung in Seeth : Warum ein Nordfriese seinen Job aufgab, um Flüchtlingen zu helfen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Björn Baumann ist immer für die Menschen da. „Flucht kennt keine Bürozeiten“, sagt er.

shz.de von
erstellt am 28.Mär.2016 | 18:05 Uhr

Seeth | Zu seinem 38. Geburtstag haben sie ihn überrascht. In dem kleinen Supermarkt auf dem Gelände abgepackten Kuchen und Obst gekauft, Tische zusammengeschoben und ein improvisiertes Büfett aufgebaut. Spätestens beim Geburtstagsständchen standen Björn Baumann endgültig vor Rührung die Tränen in den Augen. Zum Gratulieren waren über 40 Männer, Frauen und Kinder gekommen. Sie überbrachten ihre Wünsche in Arabisch und Farsi. „Für mich zählt nur die Geste“, sagt der blonde Nordfriese.

Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge ist in den letzten Wochen zurückgegangen. Ein Grund dafür ist das kalte Wetter. Es könnten sich in den kommenden Monaten entsprechend wieder vermehrt schutzbedürftige Menschen auf den Weg nach Schleswig-Holstein machen. Unterkünfte gibt es derzeit genug.

Seit das ehemalige Kasernengelände in der kleinen Gemeinde Seeth in Nordfriesland im Sommer 2015 zur Erstaufnahme für Asylsuchende umfunktioniert wurde, ist er hauptberuflicher Flüchtlingshelfer und gehört zur festen Belegschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).

Björn Baumann hat Sozial- und Wirtschaftsgeschichte studiert und später mit einem Online-Handel für Birkenstock-Schuhe und dänischen Holzclogs seinen Lebensunterhalt verdient. Mit Herzblut ist er Gemeindewehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Süderstapel. Als am 17. Juli die ersten Flüchtlinge mit Bussen in die Erstaufnahme des 600-Seelen-Dorfs gebracht werden, packen auch er und seine Feuerwehr-Kameraden mit an. „Da hieß es Ärmel hochkrempeln und Vollgas geben.“

Kurze Zeit später fragt ihn Einrichtungsleiter Lars Christophersen, ob er nicht seinen Job an den Nagel hängen wolle und für die DRK Dienstleistungen Nordfriesland gGmbH arbeiten will. Er will und tritt am 1. September seinen Dienst als Teamleiter der Hausbetreuung an. Zu diesem Zeitpunkt arbeiten an die 20 Helfer für die Landesunterkunft in Seeth, heute sind es bereits knapp 60. „Die Strukturen mussten ja erst einmal wachsen“, begründet der Teamleiter den hohen Mitarbeiterzuwachs.

In den ersten vier Monaten sammelt Björn Baumann über 100 Überstunden an und der sportliche Feuerwehrmann kommt an seine körperlichen Grenzen. „Manchmal konnte ich nach einem Zehn-Stunden-Tag kurz zum Duschen nach Hause und dann mitten in der Nacht wieder los. Flucht kennt keine Bürozeiten. Wenn der Bus vor der Tür steht, fragt keiner, wie spät es ist oder ob wir Sonntag haben. Das ist das Leben in der Lage.“

In letzter Zeit ist es in der 42 Hektar großen Einrichtung allerdings ruhiger geworden, denn die Zahl der Neuankömmlinge ist deutlich zurückgegangen. „Jetzt kann ich ab und an auch mal pünktlich Feierabend machen“, sagt Björn Baumann. Sein Diensthandy hat er trotzdem immer dabei.

Bis zu zwei Monate bleiben die Flüchtlinge in der Erstaufnahme. Drei Teams sorgen für die tägliche Betreuung der Menschen. Erzieher kümmern sich um die Kinder- und Jugendarbeit. Zwei Kitas wurden eingerichtet und ein Jugendzentrum. Auch der Sportplatz und die Turnhalle der ehemaligen Bundeswehrkaserne stehen offen. Eine Fahrradwerkstatt und eine Sprachenschule können von Flüchtlingen jeden Alters genutzt werden. Auch ein Gebetsraum hat auf dem Gelände einen Platz gefunden. Zudem ist die Kleiderkammer immer gut gefüllt. „Wir bekommen nach wie vor viel Hilfe und Spenden aus der Bevölkerung.“

Eine Edeka-Marktbetreiberin aus Seeth hat in der Erstaufnahme eine kleine Filiale eingerichtet. Auch Datteln und arabisches Fladenbrot kann man dort kaufen. „Chips und Cola sind besonders beliebt“, weiß Baumann. 35 Euro Taschengeld in der Woche stehen einem erwachsenen Flüchtling zu, die Ehefrauen bekommen weniger.

Eine Polizeidienststelle ist ebenfalls auf dem Gelände zu finden. Auseinandersetzungen gibt es laut Teamleiter nur selten. Doch sich den Gegebenheiten des Landes anzupassen, ist für viele nicht so einfach. „Natürlich hat hier keiner vor seiner Flucht einen Deutschland-Knigge gelesen“, sagt Baumann. So kommt auch er nicht daran vorbei, den Reisenden beispielsweise die Funktionsweise deutscher Toiletten zu erklären. „Es wird dann zwar gescherzt, aber dennoch ist allen bewusst, dass sie das ernst nehmen müssen.“

Fragt man den Flüchtlingshelfer nach seiner Meinung zu den Silvester-Geschehnissen in Köln, verdüstert sich sein Gesicht. „Natürlich lassen sich die Ereignisse nicht schönreden, mich macht es jedoch wütend, dass ein kleiner Teil alle anderen in Misskredit bringt. Wir erleben die Menschen hier anders.“ Denn auch den weiblichen Mitarbeiterinnen werde „respektvoll und höflich“ begegnet.

Jeden Tag erfährt Björn Baumann Neues über die Menschen, für die er arbeitet und auch über die, die mit ihm arbeiten. „Wir sind ein mittelständisches Unternehmen und klar menschelt es auch bei uns. Die Bedürfnisse von so viel Menschen unter einen Hut zu bringen, ist eine Herausforderung“, sagt der 1,84 Meter große Teamleiter.

Nur selten hört sich der DRK-Mitarbeiter die Schicksale der Flüchtlinge an. „Wir machen das ganz bewusst, denn die Erzählungen können Menschen auch retraumatisieren. Das überlassen wir besser den Psychologen.“ Viel mehr sei das Ziel, den Flüchtlingen in der Einrichtung einen friedlichen, geschützen Raum geben zu können und „einen Ort zum Ankommen“ zu schaffen.

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