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Verzögerungen beim Ausbau : Warum die A20 Deutschlands naturfeindlichstes Projekt ist

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Bericht des Verkehrsministers enthüllt: In gleich elf von 13 Umweltkriterien schneidet die Küstenautobahn schlecht ab.

Der Bau der Küstenautobahn A20 von Schleswig-Holstein über die Elbe bis zum niedersächsischen Westerstede ist das mit Abstand umweltschädlichste Bauprojekt Deutschlands. Das sagen nicht etwa Naturschützer – sondern das geht ganz offiziell aus dem Umweltbericht zum Entwurf des neuen Bundesverkehrswegeplans 2030 hervor, den Minister Alexander Dobrindt jetzt gleichzeitig mit dem Plan vorgelegt hat.

Immer wieder wurde der Ausbau der A20 verzögert. Zuletzt sorgten am Kalkberg in Bad Segeberg beheimatete Fledermäuse und ein verwaister Adlerhorst für Verzögerungen beim Bau.

Demnach entstehen durch die Fortführung der A20 infolge von mehr Abgasen und Lärm volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von 760 Millionen Euro – das sind sage und schreibe 570 Millionen mehr als beim zweitschädlichsten Projekt, dem Neubau der A 14 in Sachsen-Anhalt. Zudem sieht CSU-Politiker Dobrindt bei der A20 in gleich elf von 13 Umweltkriterien eine „hohe Betroffenheit“ der Natur. Auch das ist sonst bei kaum einem anderen der gut 1000 vordringlichen Projekte im Verkehrswegeplan zu beklagen. Der 160 Kilometer lange A-20-Weiterbau gefährdet Naturschutzgebiete, zerschneidet Lebensräume von Tieren, versperrt ihnen Wanderungskorridore und verbraucht wegen seiner schieren Länge viel Fläche.

Der Ausbau der A20 und die Probleme im Überblick:

Dass Dobrindt die A20 westlich der A7 trotz der großen Umweltprobleme vorantreibt, liegt daran, dass er die Fortführung des Drei-Milliarden-Euro-Projekts dennoch für volkswirtschaftlich sinnvoll hält. So stellt er den Umweltschäden von 760 Millionen Euro ökonomische Vorteile von gut sechs Milliarden Euro gegenüber. Die errechnen sich vor allem aus einer Verkürzung von Reisezeiten und einer Senkung von Betriebskosten im Güter- und Personenverkehr.

Naturschützer überzeugt das allerdings nicht. So schließt sich der Umweltverband BUND der Forderung von Schleswig-Holsteins Grünen an, die A20 von Bad Segeberg nur noch bis zur A7 weiterzubauen. „Eine Fortführung der A20 über die Elbe ist nicht nur höchst umweltschädlich, sondern auch überflüssig“, kritisiert BUND-Experte Werner Reh. Denn weil gleichzeitig die A7 nördlich und südlich des Elbtunnels ausgebaut wird, könne der westlich von Hamburg erwartete zusätzliche Autobahnverkehr künftig durch die A7 bewältigt werden.

Allenfalls müsse man wegen des womöglich steigenden Verkehrs durch den geplanten Fehmarnbelt-Tunnel über eine Elbquerung östlich von Hamburg bei Geesthacht nachdenken, räumt Reh ein. Zwar wären die Umweltschäden durch eine so verlängerte A21 mit 107 Millionen Euro ebenfalls hoch, aber deutlich niedriger als bei der A20. „In den sauren Apfel müsste man vielleicht beißen“, sagt Reh. Allerdings hat Dobrindt eine östliche Elbquerung frühestens für die Zeit nach 2030 vorgesehen.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht für Naturschützer im Norden: Das umweltfreundlichste Projekt in Dobrindts Verkehrswegeplan liegt ebenfalls in Schleswig-Holstein. Die geplante Vertiefung des Nord-Ostsee-Kanals von elf auf zwölf Meter führt nicht nur in fast allen Umweltkategorien zu lediglich „geringer Betroffenheit“ der Natur, sondern bringt auch einen hohen Nutzen für die Umwelt von 700 Millionen Euro. Er ist damit fast genauso hoch wie der Schaden, den die A20 anrichtet.


Die Umweltbilanz muss Anlass zu neuem Nachdenken über die A20 sein, kommentiert Henning Baethge:

Gewarnt haben Naturschutzverbände und Grüne im Norden schon lange – jetzt haben sie es sogar schwarz auf weiß von Verkehrsminister Alexander Dobrindt: Der Weiterbau der Küstenautobahn A 20 ist extrem umweltschädlich. Kein anderes Bauprojekt im neuen Bundesverkehrswegeplan hat auch nur annähernd so nachteilige Folgen für die Umwelt. Die A 20 gefährdet Naturschutzgebiete, zerschneidet Lebensräume von Tieren, verbraucht viel Fläche und führt zu deutlich höherer Lärm- und Abgasbelastung.

Dabei hat Dobrindt sich im Verkehrswegeplan ganz andere Ziele gesetzt. Die Bauvorhaben sollen nicht mehr nur „Mobilität“ und „Güterversorgung“ sicherstellen, sondern auch umweltpolitischen Ansprüchen  genügen. Deshalb ist in Dobrindts Plan vom Ziel der „Lärmvermeidung“ ebenso die Rede wie von einer „Reduktion der Emissionen“ und der „Begrenzung des zusätzlichen Flächenverbrauchs“. Wären dem CSU-Politiker diese Ziele wirklich wichtig, müsste er den Bau der A 20 nach Niedersachsen kippen. Einerseits.

Andererseits hat sich Dobrindt im Verkehrswegeplan auch zur „Verbesserung von Erreichbarkeiten“ verpflichtet. Genau das wäre an Schleswig-Holsteins abgehängter Westküste in der Tat dringend nötig, wie selbst Grüne zugeben. Und daher treibt Dobrindt den Weiterbau der A 20 trotz der Umweltprobleme voran.

Dass die Umweltbilanz der Küstenautobahn allerdings so viel schlechter ausfällt als die jedes anderen Projekts in Deutschland, muss Anlass zu neuem Nachdenken über die A20 sein.  Denn ihr Bau  schadet ja nicht nur der Natur, sondern ist wegen des Tunnels für die  westliche Elbquerung auch teuer. Am Ende steht daher die Abwägung: Ist eine bessere Anbindung der Westküste über drei Milliarden Euro  und große Umweltschäden wert? Oder wäre  eine viel billigere und  umweltfreundlichere östliche Elbquerung die klügere Idee zur Entlastung des Hamburger Elbtunnels?

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erstellt am 06.04.2016 | 00:00 Uhr

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