Strukturwandel im Sex-Gewerbe : Ware Liebe in SH: Internet setzt Bordellen zu

Ab ins Netz: Die Betreiber von Internet-Plattformen machen den klassischen Bordell-Betrieben das Leben schwer.
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Ab ins Netz: Die Betreiber von Internet-Plattformen machen den klassischen Bordell-Betrieben das Leben schwer.

Das horizontale Gewerbe in SH ist auf dem harten Boden der Tatsachen angekommen – und flüchtet ins Internet.

shz.de von
26. Juli 2015, 10:16 Uhr

Kiel | Bordellkönig Jürgen Rudloff schwärmte von einem Gentlemen’s Club auf der Nobelinsel und musste seinen Traum von 2,5-Millionen-Euro-Edelbordell auf Sylt nach Bürgerprotesten doch begraben. An der A1 bei Reinfeld kippten Anwohner den Bau eines geplanten „Seitensprunghotels“ und nach 33 Jahren weht jetzt selbst der Betreiberin des „Traditions“-Bordells Eve’s in Westerland, Eve Gablenz, der behördliche Gegenwind kräftig ins Gesicht. Die 67-jährige steht mit ihren Umzugsplänen an eine der prominenten Stellen in Westerland, das Haus Ankerlicht an der Stephanstraße, im Kreuzfeuer der Kritik.

Alles keine Einzelfälle: Zwar gibt es in Schleswig-Holstein laut einem Bericht der Landesregierung zur Auswirkung des Prostitutionsgesetzes 100 Bordelle sowie weitere 300 Modellwohnungen, doch die Goldgräberzeiten im Sexgeschäft scheinen lange vorbei. Auch wenn allein in Flensburg und Umgebung über 120 Kontaktadressen auf diversen Internetseiten frei einsehbar sind und landesweit knapp 14.000 Frauen ihren Körper verkaufen – die Gefahr für das klassische Bordellgewerbe kommt allerdings nicht von Anwohnern oder Behörden, sondern aus dem Internet.

Affären und Sex außerhalb der Beziehung hat es immer gegeben. Doch Dating-Apps und Internet-Portale erleichtern nun nicht nur das Fremdgehen, sondern nehmen dem „ältesten Gewerbe der Welt“ den Geruch der Unterwelt, der dem Milieu bislang nicht zu Unrecht anhaftete. Insbesondere Online-Partnervermittlungen boomen, ob per App über Tinder und Co. oder kostenpflichtige Vermittlungen wie bei Parship: Der Markt ist umkämpft – mit all seinen Nischen und Kontroversen. Grauzone „Rotlicht“ inklusive.

Aus Dänemark drängt zum Beispiel eine Plattform nach Deutschland, die es sich zum Ziel gemacht hat, „Sugardates“ zu vermitteln: Treffen zwischen jungen Frauen und wohlhabenden Herren. Im Nachbarland erregt die Seite inzwischen nicht nur potenzielle Kunden und Nutzer: Den Machern wird die Vermittlung von Prostitution vorgeworfen. Offiziell bezeichnet sich „Sugardaters“ als „Plattform für finanziell unabhängige Männer und selbstbewusste und attraktive Single-Frauen, die auf der Suche nach einem gehobenen Lebensstandard sind.“ Kurzum: wohlsituierte Herren schmücken sich mit einer jungen Schönheit. Sie erhält dafür einen gehobenen Lebensstil – in Form von Schmuck, Reisen oder einem Taschengeld. Auch zwischen älteren Frauen und „Toyboys“ wird Kontakt hergestellt, wenn auch wesentlich seltener.

Das Geld soll in beiden Fällen nicht direkt für Sex fließen. Preisangaben sind verboten, auch anzügliche Fotos sind untersagt. Jedes Bild werde gecheckt. Nackte Brüste – oder gar mehr – dürfen nicht gezeigt werden. In Dänemark wird das Thema heiß diskutiert. Mehrere Medien berichteten über die Partnervermittlung in der Grauzone. Die Seite hat dort mehr als 27.000 männliche und 6100 weibliche Mitglieder. Jeden Monat kommen 1500 neue hinzu. In Deutschland sind 1787 Männer und 2611 Frauen angemeldet.

Bei der Zeitung „Berlingske“ packten zwei Nutzerinnen aus, die sich mit „Sugardaters “ etwas dazu verdient haben. Petra (24) aus Kopenhagen gesteht: „Er gab mir 1000 Kronen für Sex. Ich habe auch Geld für Essen für den Rest des Monats bekommen.“ Für eine Reise in die USA hat sie ihre Frequenz von Sextreffen erhöht. „Ich habe 20.000 Kronen verdient. Aber ich hatte Stress.“ Annabel (23) aus Randers bessert ihr Bafög (SU) auf. Meistens nimmt sie 1500 Kronen für einen Abend. Sie sieht sich nicht „wie ein Luder auf der Straße“, sagte sie im Gespräch mit „Berlingske“. Aber sie sei sich darüber im Klaren, dass die Seite tiefer in die Prostitution führen kann. „Hat man sich erst an die wirtschaftliche Freiheit gewöhnt, kann man in sein früheres Leben nicht zurückkehren.“

In Dänemark steht die Seite im Fokus der Justiz. Strafrechtsprofessor Jørn Vestergaard erklärt gegenüber „Berlingske“, dass die Seite gegen den Kuppelei-Paragrafen verstoßen könnte. Eine Sprecherin der Plattform wehrt sich gegen Vorwürfe. „Das zeigt mal wieder, wie wenig passieren muss, bevor man ins Visier der Behörden kommt“, sagt Fanny Sørensen. „Das Ziel der Seite ist es, eine offene, faire Seite zu führen, bei der Menschen dem Partner die Wünsche und Bedürfnisse vor dem ersten Date klar machen.“ Für viele sei es kein Tabuthema mehr, sexuelle Zuwendung gegen materielle Gegenleistung zu bieten. „Soziale Medien, Mobile-Dating-Apps und das Netz im Allgemeinen tragen zu einer Verschiebung der Grenzen der Jugendlichen bei.“

Trotz aller sexuellen Befreiungsrhetorik ist das Rotlicht breiten Kreisen noch immer ein Tabu. Wollten die Achtundsechziger mit der „freien Liebe“ noch den Kapitalismus aushebeln, ist heute Sex als Geschäft allgegenwärtig: in Form von anzüglicher Werbung, Internet-Pornos oder eben direkt zur Sache kommenden Dating-Apps. Der Kapitalismus hat die Liebe geschluckt: „Wir leben in Zeiten, in denen fast alles erlaubt ist, und trotzdem sind wenige glücklich“, schreibt der Psychologe Dirk Revenstorf in seinem neuen Buch „Liebe und Sex in Zeiten der Untreue“.

Trotz Internet, Bürgerprotesten und behördlicher Widerstände – noch immer werden im Milieu enorme Summen umgesetzt. Geschätzter Umsatz: 150 Millionen Euro bundesweit, in Schleswig-Holstein immerhin auch noch mindestens 5,2 Millionen – täglich. Kein Wunder, dass hier mit harten Bandagen gekämpft wird. In Schleswig-Holstein gehen die Behörden davon aus, dass insbesondere Rockergruppen das Rotlicht dominieren, und haben aufgerüstet: Bei der Bezirkskriminalinspektion Kiel und bei der Kriminalpolizeistelle Lübeck besteht eine spezielle „Ermittlungsgruppe Milieu“. Im Landeskriminalamt (LKA) besteht die Zentralstelle Menschenhandel.

Allerdings kommen jährlich nur zwischen vier und 20 Verfahren in Schleswig-Holstein wegen „Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“ vor Gericht, verzeichnet die polizeiliche Kriminalstatistik nur zwischen vier und 42 Straftaten wegen „Ausbeutung von Prostituierten“ beziehungsweise Zuhälterei.

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