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Kita-Kosten : Wahlgeschenk und Tropfen auf den heißen Stein

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Koalition will die Kita-Kosten um 100 Euro senken. Das stößt nicht nur auf Lob.

shz.de von
erstellt am 03.Apr.2016 | 16:01 Uhr

Kiel | Die Dänen-Ampel feiert den „ersten Schritt zur kostenlosen Bildung.“ Um 100 Euro Beitragskosten monatlich sollen alle Eltern von Krippenkindern vom kommenden Jahr an entlastet werden. 23 Millionen Euro sind dafür im Haushalt 2017 eingeplant. Als langfristiges Ziel ist die beitragsfreie Kita ausgerufen. Doch das droht zur Milchmädchenrechnung zu werden. Mitarbeiter von Kinderschutzbund, Wohlfahrtsverbänden und dem Bundesverband der Tagespflege mahnen dringend einen schärferen Blick auf das Thema Betreuung und soziale Gerechtigkeit an. Qualität, so ein Fazit, braucht viel mehr als 23 Millionen Euro.

Mehr Qualität, weniger Kosten für die Eltern, Entlastung der Gemeinden: Bei Kitas gibt es an vielen Enden finanzielle Probleme.

Der Schlagabtausch ist heftig. Sie verteile Wahlgeschenke auf Kosten der Kommunen, wirft CDU-Fraktionschef Daniel Günther der Nord-Ampel vor, und sein finanzpolitischer Sprecher Tobias Koch legt nach: „Die Rechnungen für die kaputten Straßen und die Schulden werden genau die Kinder bezahlen müssen, deren Eltern SPD, Grüne und SSW im Wahlkampf mit einem 100-Euro-Gutschein umgarnen.“ Anita Klahn (FDP) schimpft das Krippengeld „Wählerprämie“, die ebenso „unsinnig“ sei wie einst die Betreuungsgeld-Idee der Union. „Wir müssen davon ausgehen, dass dieses ,Wahlgeschenk‘ mit einem unverhältnismäßig hohen Personalaufwand im Ministerium einhergeht“, heißt es von den Piraten.

Entsprechend vehement verteidigen seine „Erfinder“ von SPD, Grünen und SSW das Krippen-Elterngeld. Es gehe darum, Eltern von den hohen Kosten zu entlasten, argumentiert Serpil Midyatli für die SPD, denn in keinem anderen Bundesland seien die Kosten für Kinderbetreuung so hoch wie in Schleswig-Holstein. Bildung, so Anke Erdmann von den Grünen, dürfe nicht vom Portemonnaie der Eltern abhängig sein, und Lars Harms (SSW) sagt kurz und bündig zur Entlastung der Eltern von Krippenkindern, die „natürlich unter Einhaltung der Schuldenbremse und bei gleichzeitiger Senkung der Neuverschuldung sowie des strukturellen Defizits“ geschehe: „So geht solides Haushalten.“

Tatsächlich ist die Decke an allen Ecken zu kurz. „Die Kinder- und damit auch Familienarmut hat sich in den letzten Jahren immer weiter verschärft, gleichzeitig wächst der Unterstützungsbedarf von Eltern bei der Erziehung und damit der Unterstützungsbedarf für Kinder“, stellen Irene Johns und Susanne Günther für den Deutschen Kinderschutzbund, Landesverband Schleswig-Holstein, klar. „Der Kinderschutzbund fordert seit Jahren die Beitragsfreiheit der Kindertagesstätten.“ Ausdrücklich wird deshalb der Plan der Landesregierung, diese ab 2017 schrittweise einzuführen, begrüßt. Doch: Weitere Qualitätssteigerungen seien zwingend notwendig, „eine umfassende, qualifizierte frühkindliche Betreuung, Bildung und Förderung ist mit den derzeit bestehenden Standards leider noch nicht gewährleistet.“

Mehr Personal kostet mehr Geld. Das wird in Schleswig-Holstein im Landesschnitt (regionale Unterschiede sind eklatant) und damit im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich hoch zu 22 Prozent von den Eltern aufgebracht. Das führt die Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände an, die in Schleswig-Holstein 75 Prozent aller Kita-Einrichtungen trägt. Sie nennt die kostenfreie Kita ein wichtiges Ziel. „Vorrangig muss es aber darum gehen, eine Verbesserung der Qualität in den Kindertagesstätten zu erreichen und zu sichern“, mahnen Heiko Naß und Michael Selck für die Arbeitsgemeinschaft, „der geplante Zuschuss von 100 Euro (…) ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht zielführend.“

Was will die CDU statt der 100-Euro-Unterstützung?

Die CDU schlägt vor, „die vorgesehenen finanziellen Mittel für das Kita-Geld in Höhe von zirka 23 Millionen Euro in den Ausbau der Qualität von Kindertageseinrichtungen zu investieren, wie zum Beispiel zur Verbesserung des Fachkraft-Kind-Schlüssels, Erweiterung der Öffnungszeiten oder auch zum Ausbau des Fortbildungsangebotes, und zugleich die Kommunen stärker bei der Finanzierung der Kinderbetreuung zu unterstützen“. Es sollte die „finanzielle Unterstützung von Kindertageseinrichtungen und Tagespflege und damit auch die Qualität der Kinderbetreuung … nicht von der Finanzkraft einer Kommune abhängen“. Den Mehrheitsverhältnissen entsprechend wurde der Antrag der CDU-Fraktion im Landtag abgeschmettert.

Was sagt der „Länderreport frühkindliche Bildungssysteme 2015“

Angemahnt wird insbesondere die Verbesserung des Personalschlüssels; Johns und Günther berufen sich dabei auf den „Länderreport frühkindliche Bildungssysteme 2015“ der Bertelsmann Stiftung, der in Schleswig-Holstein für Krippengruppen mit 1:3,7 und für Kindergartengruppen mit 1:8,9 inzwischen zwar „fast dem Durchschnittswert der westdeutschen Bundesländer“ (1:3,6 beziehungsweise 1:8,9), aber noch längst nicht der Empfehlungen der Bertelsmann Stiftung für ein kindgerechtes Betreuungsverhältnis 1:3 beziehungsweise 1:7,5 entspricht. Angemerkt ist die Verbesserung gegenüber 2013, als der Betreuungsschlüssen im Norden 1:4 beziehungsweise 1:9,1 betrug.

 

Knapp gesagt, geht es bei der Qualitätskita der Zukunft nicht allein um mehr Qualität für Kinder und Eltern, sondern – natürlich und ebenso dringlich – um Verbesserungen bei Ausbildung, Fortbildung, Arbeitsbedingungen der Erzieher. Dringend warnen Naß und Selck vor „massivem Fachkräftemangel“, der im Zuge des demografischen Wandels zu befürchten und „schon heute in Teilen spürbar“ ist. Das ist ein Problem, das sich mit dem derzeitigen Ausbildungssystem zu verschärfen droht, denn hohe Zugangsvoraussetzungen, lange theoretische Ausbildungszeiten, Ausbildung ohne Vergütung, mangelnder Praxisbezug und die Aussicht auf einen lediglich schlecht bezahlten Teilzeitarbeitsplatz würden die Ausbildung unattraktiv für junge Menschen machen.

Die Anforderungen an Fachkräfte wachsen, die Vergütung indessen bleibt gleich. Darauf macht auch der Bundesverband für Kindertagespflege aufmerksam, der in Schleswig-Holstein zuletzt 1745 Tagespflegepersonen zählte.  Zeitgleich wurde ein anhaltender Rückgang bei gleichzeitigem Anstieg der betreuten Kinder (5045 unter drei Jahren) registriert. Auch hier ist der Personalschlüssel mit 1:3,6 Kindern gegenüber dem Bundesdurchschnitt von 1:3,3 hoch.

Frühkindliche Erziehung ist auf dem Weg, am Ziel ist sie nicht, wird und darf sie auch nicht sein, deuten Naß und Selck für die Landes-Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände an, denn es bedarf kontinuierlicher Entwicklung und Begleitung der Leitungen und Teams. „Die Anpassung der Bildungskonzepte an den Strukturwandel der Gesellschaft ist zu einer zentralen Aufgabe von Kindertageseinrichtungen geworden.“

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