Gewalt an Grundschulen : Vorwürfe, Burn-Out, Zuversicht: Wie Rektor Detlef V. für seine Schule kämpft

teil_4.png

Lehrermangel, Konflikte, Gewalt: Bei Grundschulleiter Detlef V. kommen viele Probleme an. Er ist trotzdem optimistisch.

23-42952605_23-61290916_1401971024.JPG von
25. November 2019, 08:49 Uhr

Schleswig-Holstein | Genervt fährt er sich mit der Hand durch die dichten Locken. Seit zwei Stunden ist Detlef V. in der Schule. Einen Blick ins Lehrerzimmer konnte er bisher nicht werfen. Es gibt Probleme. Zwei syrische Jungs haben gestern den Sportbeutel einer Zweitklässlerin genommen und darauf gepinkelt. Jetzt sind sie vom Ganztagsangebot ausgeschlossen. Mit energischer Stimme hatte der Schulleiter sie in der ersten Stunde aus dem Unterricht geholt.

sh:z-Reporterin Dana Ruhnke hat von Oktober 2018 bis April 2019 in der Klasse 3c einmal wöchentlich die Schulbank gedrückt. Die Grundschule steht in Schleswig-Holstein und gilt als Brennpunktschule, ihr Name soll auch deshalb in dieser Reportage nicht genannt werden. Sie steht beispielhaft für die Herausforderungen und Chancen im Mikrokosmos Schule, für die kleinen und großen Rückschläge und Erfolge. Auch die Lehrer und Schüler haben eigentlich andere Namen. Der Name von Schulleiter Detlef V. wurde auf seinen Wunsch gekürzt.

Das ist die 3c:
Der 38-jährige Klassenlehrer Michael Schiffer unterrichtet 21 Kinder. Sieben sind mit ihren Familien aus Syrien geflohen, drei weitere haben große Probleme mit der deutschen Sprache. Vier Kinder werden nach einem speziellen Lernplan für Emotionale und Soziale Entwicklung unterrichtet: Sie müssen nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, sondern die Grundlagen des Zusammenlebens. All das hat Folgen für den Unterricht.


Nun also die Fortsetzung an diesem Mittwochvormittag Ende November. Der Rektor spricht mit den Jungs, dem Mädchen, mit Schulsozialarbeiter Tobias Hansen. Dann das Schwierigste: die beiden Väter anrufen. Ihnen erklären, dass sie Freitag zu einem Gespräch in die Schule kommen müssen. Beide sprechen kaum Deutsch. „Freitag. Schule. 12 Uhr, das sollte ankommen.“ Aber er wird noch ein Schreiben aufsetzen, sicherheitshalber. Dann lädt er die Dolmetscherin ein.

Seit sechs Jahren ist Detlef V. Schulleiter an dieser Grundschule in Schleswig-Holstein. Konflikte wie diese gehören zur Tagesordnung. Neben den normalen Aufgaben eines Schulleiters: „Im ersten Jahr hier habe ich dicke Backen gemacht“, erinnert sich der 63-Jährige.

Rektor Detlef V. über aggressive Kinder:

Er bewarb sich weg, ohne Erfolg, musste letztlich bleiben. „Ab dem Zeitpunkt wollte ich ankommen, nicht immer weiter nach rechts oder links, nach Alternativen gucken.“

Also suchte er sich Verbündete. Er arbeitet zum Beispiel mit anderen Schulen, Stiftungen, Behörden und Vereinen zusammen. Detlef V. spricht offen über die Probleme an seiner Schule und macht sich so für “seine” Kinder stark.

Dass es zukünftig in der Region eine kinderpsychiatrische Klinik geben wird – ein Verdienst seiner hartnäckigen Anfragen bei Politik im Kreis und beim Land. Wie schwer es viele Kinder haben, sei ihm erst hier bewusst geworden, sagt der Pädagoge.

„Ich will den Kindern neben den Anforderungen, die wir täglich an sie herantragen, Räume schaffen, wo sie Erfolge erleben, an die sie sich langfristig erinnern, die sie stärken.” Auch deshalb hat er das Forscherprojekt zusammen mit Kollegen gestartet, in dem eine Gruppe aus verhaltensauffälligen und leistungsstarken Kindern drei Tage die Woche eigene Themen bearbeitet. Deshalb wurde ein Kurzfilm-Projekt angeboten, die Filme der Schüler im Kino gezeigt. Deshalb plant er eine Zusammenarbeit mit einem Comic-Zeichner und einem Bildhauer. Ein Elterncafé soll  die teils schwierige Zusammenarbeit mit Müttern und Vätern stärken.

allge_4.png
Zeichnung Cornelia Geissler nach einem Foto von: imago images / imagebroker
 

Wie eng die Zusammenarbeit mit der Nachbarschule ist, zeigt sich Anfang diesen Jahres. Detlef V. hat einen vierwöchigen Schultausch organisiert. Für einen Jungen mit libanesischen Wurzeln aus der 3c. Seit Monaten arbeitet der Achtjährige nicht mit, hört nicht auf Lehrerinnen, sorgt für Stress. Zuletzt hat er eine Erstklässlerin geschlagen, ihr gedroht.

Der Rektor griff fast schon zum letzten Mittel: Suspendierung, für zwei Tage. Das Schulgesetz Schleswig-Holsteins sieht einen Ausschluss für maximal sieben Tage vor. Dann war der Junge zurück, für zwei Stunden täglich. Mit dem Wechsel soll dem Drittklässler eine Zeitlang das Publikum genommen werden. „Eine unorthodoxe Maßnahme. Wir hatten damit aber schon öfter Erfolg.“

Weiterlesen: So lief die Recherche an der Schule

Es ist Anfang Februar, als Detlef V. sich für einen Schulbegleiter einsetzen muss. In seinem Büro sitzt der Mann ihm gegenüber, droht hinzuwerfen. Seit Ende der Weihnachtsferien soll er Katja aus der 3c im Unterricht helfen. Das Mädchen ist verhaltensauffällig. Seit Ende der Weihnachtsferien muss der Schulbegleiter sich Respektlosigkeiten von Katja und ihrer Freundin Maja gefallen lassen. Einen pädagogischen Hintergrund hat der Schulbegleiter nicht. Er weiß sich nicht zu helfen. Das eskalierte am Tag zuvor auf dem Pausenhof.

„Ich wünschte, du wärst tot. Siehst du die Hundekacke da? Das bist du, du Bananengesicht.“

Worte einer Neunjährigen. Noch ein Problem für Detlef V.

„Ich bedauere nicht, dass ich diese Schule habe kennenlernen dürfen. Aber einige Kinder verlangen einem so viel Kraft ab – manchmal ist die Kraft ausgegangen.“

Trotz aller Geduld. Trotz Engagement und Leidenschaft für den Beruf – maximal zehn Jahre könne man diesen Job als Schulleiter hier machen, ist er sich sicher. „Als Klassenlehrer hat man viele schöne Momente mit Schülern, bei mir kommen nur die Probleme an. Das zehrt an einem.“

Wie sehr, das hat er vor zweieinhalb Jahren erlebt. Als nichts mehr ging. Als er zwei Schulen gleichzeitig leitete, weil der Kollege an der Nachbarschule ausgefallen war. Detlef V. sprang ein, aus Pflichtbewusstsein. Für ein halbes Jahr. So der Plan. Doch es gab keinen Nachfolger. Der Beamte musste beide Schulen weiterleiten. Aus einem halben Jahr wurden eineinhalb Jahre. Dann war der Akku leer. „Die kompletten Ferien habe ich auf dem Sofa verbracht.“ Burnout. Anfang 2017 ging er für sechs Wochen in eine Klinik. Dort habe er gelernt, achtsamer zu sein, sich Pausen zu gönnen.

7.png
Zeichnung Cornelia Geissler
 

Nicht immer gelingt das. Mitte Februar betritt der 63-Jährige am Morgen das Lehrerzimmer. Zerknirscht lässt er sich auf seinen Stuhl sinken. Ungewohnt blass, die Augen müde. In der Hand eine ausgedruckte E-Mail, ein Vorwurf. Das ganze Wochenende hat der ihm verhagelt.

Ein Erstklässler hat zuhause behauptet, der Rektor habe ihn grob am Arm gepackt. Die Mutter hat sich direkt ans Schulamt gewandt. Enttäuscht sei er auch, dass sie nicht das Gespräch mit ihm gesucht habe. „Der Junge hat Probleme mit Aufmerksamkeit und Regeln. Wir hatten deshalb eigentlich gut mit den Eltern zusammengearbeitet, sie eingebunden. Ich weiß, dass nichts war.“ Der Junge sei im Sitzkreis unruhig gewesen. „Ich habe den Arm um ihn gelegt, er hat sich rausgeduckt, neben mich auf den Boden gelegt. Danach sind alle wieder an ihren Platz.“

Es ist der zweite Vorwurf dieser Art in diesem Schuljahr. Beim ersten hat sich die Sache in Luft aufgelöst. Auch dieses Mal ist nichts dran an der Beschwerde. Sie wird keine Folgen für Detlef V. haben, aber das weiß er jetzt noch nicht.

So erlebte Reporterin Dana Ruhnke die Zeit an der Schule:

Er ist dünnhäutiger geworden, sagt der große Mann, der eigentlich so sportlich, fast jugendlich rüberkommt.

Bald geht er in den Ruhestand. Ein Schuljahr noch. Den neuen Jahrgang hat er schon kennengelernt. „25 der 80 Kinder konnten nicht ein Wort Deutsch mit mir sprechen.“ Die meisten werden auch im Sommer nicht so weit sein. Sie werden zunächst in einer DAZ-Klasse gefördert – Deutsch als Zweitsprache. „Nächstes Jahr kommen diese Kinder dazu. Dann haben wir drei erste Klassen.“

Das Land habe in dem Bereich einiges getan, sagt der Pädagoge. In die Ausbildung von Lehrern und in neue DAZ-Zentren investiert. Dass die dritten Klassen dieser Schule vor allem im Fach Deutsch beim Vergleichstest VERA weit unterdurchschnittlich abschneiden, hat sich aber nicht geändert. „In der Bearbeitungszeit haben viele hier den Aufgabentext nicht einmal durchgelesen.“ Defizite gibt es auch bei deutschen Schülern. „Mit Kindern sprechen, das ist vor allem in den ersten drei Lebensjahren so wichtig.” Heute schauten aber manche Eltern mehr auf ihr Handy als sich mit ihrem Nachwuchs zu beschäftigen. „Die Klientel haben wir hier.” 

Zukünftig könnte es zumindest etwas leichter werden für Detlef V. und seine Kollegen.

Das Bildungsministerium hat auf die wachsenden Probleme an Brennpunktschulen in Schleswig-Holstein reagiert. Über einen Bildungsbonus erhalten sogenannte Perspektivschulen zusätzliche Mittel. Seit Ende April steht fest: Diese Grundschule ist dabei.

Das sagt Schleswig-Holsteins Schulministerin Karin Prien dazu:

„Ich habe mich tierisch gefreut und mit meiner Frau angestoßen“, so der Rektor. Insgesamt umfasst das Programm bis 2024 50,3 Millionen Euro. 40 weitere Kandidaten kommen später dazu. Von August bis Dezember stehen Detlef V. die ersten 76.000 Euro bereit.

„Es scheint so, als wenn wir endlich mal in Geld schwimmen.“

Mit dem Geld will er die Stunden des Schulsozialarbeiters und des Schulassistenten aufstocken. Auch eine interne Schulbegleitung möchte er realisieren sowie weitere kulturelle Projekte. Und er kann eine unbefristete Lehrerstelle ausschreiben.

„Dann ist mehr Zeit für Gespräch, für Konfliktbewältigung und um in Ruhe Unterricht zu machen. Das große Ziel ist es ja, dass unsere Kinder nicht abgehängt werden, dass wir die Widrigkeiten ein Stück weit ausgleichen. Dafür brauche ich jemanden, der in kleinen Fördergruppen mit leistungsschwachen Schülern arbeiten kann.“ Er hofft, dass sich für diese Stelle jemand Qualifiziertes findet.

Die Politik tut etwas. Das sei gut. Ob das Geld reicht, wird die Praxis zeigen. „Aber das ist erstmal ein Quantensprung im Vergleich zu dem, was bisher war.“

Konrektorin Sabine Bader über die Notwendigkeit von finanziellen Mitteln:

 

Der Rektor möchte optimistisch in die Zukunft blicken: „Ich hoffe, dass weiterhin erkannt wird, welche Potenziale der Gesellschaft verloren gehen, wenn in solche Standorte nicht vehement reingepowert wird.“

Zumal die Schule wächst. Im Jahr 2024 werden hier 330 statt 200 Schüler unterrichtet. Dann ist Detlef V. längst im Ruhestand. Fast ein wenig schade findet er das – jetzt, wo sich etwas tut.

Sie möchten wissen, wo die Kinder dieser Brennpunktschule ihre Probleme loswerden und auch entspannen können? Hier geht’s zu Raum 11, dem Hauptquartier von Sozialarbeit und Sozialassistenz.

Lesen Sie alle Teile unserer Reportage auf schule.shz.de.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen