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Landtagswahl in SH : Von Landtag zum Bioschlachter: Ein Politiker steigt aus

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie ein Landtagsabgeordneter den Abschied von der Politik schaffen will.

shz.de von
erstellt am 10.Apr.2017 | 18:46 Uhr

Ascheffel | „Moin, moin“, sagt Detlef Matthiessen und öffnet die Tür zu seinem neuen Arbeitsplatz. Er trägt eine rote Schürze, weiße Gummistiefel und grinst ein wenig schelmisch. Wer ihn nicht kennt, würde nicht denken, dass hier ein Landtagsabgeordneter der Grünen steht. Besser gesagt ein bald ehemaliger Landtagsabgeordneter, denn für Matthiessen endet mit dieser Wahlperiode seine Zeit als Berufspolitiker.

„Ich habe schon zu Beginn der Legislatur gesagt, dass dies meine letzte sein wird“, sagt Matthiessen. Jetzt wird der Mann, dessen rote Brille zu seinem Markenzeichen geworden ist, Bio-Schlachter. Vier Jahre lang hat es gedauert bis er das Projekt in trockenen Tüchern hatte. „2012 haben wir uns das erste Mal zusammengesetzt, vier Bauern und zwei Verrückte – wobei ich einer der beiden Verrückten bin“, erzählt Matthiessen. Seit Januar ist die Schlachterei „Biofleisch Hüttener Berge“ in Betrieb – und EU-zertifiziert.

Die Gesellschaft, die Matthiessen gegründet hat, hat eine alte Landschlachterei in Ascheffel (Kreis Rendsburg-Eckernförde) übernommen und völlig auf Bio umgestellt. Dort werden Schweine, Rinder und Schafe geschlachtet und nach ökologischen Gesichtspunkten verarbeitet. Das passt in Matthiessens Philosophie einer artgerechten Haltung und einer extensiven Landwirtschaft. „Mein Traum ist der Betrieb, den eine bäuerliche Großfamilie managen kann.“ Und das sei eben nicht mehr möglich mit 200 oder mehr Rindern, sagt Matthiessen.

Er träumt von einer Welt, die so ähnlich ist wie die, in der der heute 62-Jährige groß geworden ist. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Dithmarschen, studiert er Tiermedizin in Berlin. Früh kommt er in Kontakt mit der alternativen Szene und der Anti-Atomkraft-Bewegung. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der alternativen Liste in Berlin und damit auch der Grünen Partei. Jahre lang arbeitet er als Tierarzt in Schleswig-Holstein bis er 1996 in die Landespolitik wechselt und zum ersten Mal in den schleswig-holsteinischem Landtag einzieht. 2000 fliegt er wieder aus dem Parlament, wird Geschäftsführer der Fördergesellschaft Windenergie. Doch nur zwei Jahre später ersetzt Matthiessen Rainder Steenblock im Parlament – und wird fortan zum großen Nachrücker: 2006 für Klaus Müller und 2012 für Robert Habeck, der ins Kabinett aufsteigt. Matthiessen wird zum Experten für Erneuerbare Energien, beschäftigt sich aber auch mit Atom- und Tierschutzfragen.

Und nun? Wird er die Politik vermissen? Matthiessen grinst und sagt dann: „Noch habe ich keine Entzugserscheinungen, mal sehen, wie es wird.“ Klar, dass Nah-dran-sein wird ihm fehlen, sagt er – und natürlich auch die Möglichkeit, etwas auf der politischen Bühne mitzugestalten. Materiell sei er nie abhängig gewesen von der Politik. Vielleicht könnte er später noch jüngere Politiker beraten, sagt Matthiessen, doch so recht glaubt er selber nicht daran.

Als er den Betrieb zeigt, sagt er, dass er froh sei, dass ihn sein Weg zurück zu den Wurzeln geführt hat, zur Produktion auf dem Land. „Als junger Mann hätte ich eher gedacht, dass ich so etwas mache, als dass ich 20 Jahre Politiker sein werde.“ Im Hofladen trifft Matthiessen den Geschäftsführer der neuen Gesellschaft, Jakob Gosch. Der trägt Bart, Brille und Turnschuhe und sieht irgendwie hip aus. Der Landwirt könnte Matthiessens Sohn sein. Er stellt gerade den Betrieb seiner Eltern auf Bio um, und ist von seiner Idee genauso überzeugt wie Matthiessen. Gosch repräsentiert eine neue grüne Generation, die die Umstellung auf nachhaltige Ernährung vielleicht leichter schaffen kann als die Alterskohorte, der Matthiessen angehört. Das Konzept jedenfalls scheint zu funktionieren. Matthiessen muss immer häufiger an diesem Tag die Tür der Schlachterei öffnen, damit die Kunden das im Vergleich zur industriellen Produktion teure Biofleisch kaufen können. Denn in Ascheffel können sie sicher sein, dass die Ware biologisch erzeugt, geschlachtet und verarbeitet wird. Matthiessen will sich vor allem um den Aufbau eines Netzwerks von biologisch arbeitenden und verarbeitenden Betrieben kümmern.

Und er wäre nicht Detlef Matthiessen wenn er nicht noch ein paar mehr Ideen hätte, wie er seinen politischen Lebensabend bestreiten könnte. „Ich möchte noch ein paar Ecken umrunden“, sagt der baldige Ex-Politiker. Welche das genau sind, darüber will er noch nicht genauer reden. Vielleicht sei ja auch wieder etwas mit Windkraft dabei, sagt er. Nur eines sei sicher: Es müsse zu seiner Biografie passen. Oder wie Matthiessen sagt: „Alles im grünen Bereich.“
 

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