Große Leinwand : Von Flensburg in die Hollywood-Klasse

Knapp die Hälfte des Monats lebt er in Flensburg - dann gehört das 'Porticus' zu den Lieblingskneipen von Mathias Harrebye-Brandt.  Foto: Jung
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Knapp die Hälfte des Monats lebt er in Flensburg - dann gehört das "Porticus" zu den Lieblingskneipen von Mathias Harrebye-Brandt. Foto: Jung

Wie Schauspieler Mathias Harrebye-Brandt die Film- und Fernsehwelt erobert - und mit Wohnsitz an der Förde trotzdem auf dem Teppich bleibt.

shz.de von
08. Oktober 2010, 07:40 Uhr

FLENSBURG | Er hatte sich schon gefreut, ausnahmsweise mal einen Monat lang zu Fuß zur Arbeit gehen zu können: zu den Dreharbeiten einer neuen Staffel von "Hier kommt Kalle", der ZDF-Serie über den Kripo-Hund aus Flensburg. Vor wenigen Tagen erst sind sie zu Ende gegangen. Mathias Harrebye-Brandt spielt darin einen brandschatzenden Feuerwehrmann. Doch kurz vor Drehstart stellte sich heraus: Für seine Rolle waren nur Innenaufnahmen im Hamburger Studio vorgesehen - und so musste der 36-Jährige dann wie sonst auch erstmal in den Zug steigen und eine Zeit lang aus dem Koffer leben. Etabliert hat sich Harrebye-Brandt in seiner Branche trotz des abgelegenen Wohnsitzes und damit gezeigt: Auch von Flensburg aus ist eine Karriere als Fernseh- und Filmschauspieler möglich. Sogar ohne klassische Ausbildung.

Erste Erfahrungen als Darsteller machte der Sohn eines Flensburgers und einer Dänin aus der deutschen Minderheit nördlich der Grenze als Abiturient an der Theater-AG der Flensburger Goetheschule. Danach studierte er in Kiel Literaturwissenschaft. "Ab dem zweiten Semester habe ich an der Uni eigentlich nur auf der Studentenbühne gestanden", erzählt der Autodidakt. "Da habe ich mir das wichtigste Rüstzeug geholt." Verfeinern konnte er seine Bühnen-Qualitäten während dreier Spielzeiten am Polnischen Theater in Kiel, dessen Leiter Tadeusz Galia ihn fest engagierte. Dann lernte der Flensburger im Uni-Umfeld den Gründer einer Komparsen-Agentur für Fernsehrollen kennen - und kam so 2001 an seine erste TV-Rolle als Polizist in der Vorabend-Serie "Küstenwache". Es dauerte nicht lange, da erhielt der Newcomer in der an der Lübecker Bucht entstehenden Reihe bis zum Jahr 2004 die feste Rolle als Hauptkommissar Michael Steiner.
In der Maske neben Cate Blanchett

Rund 60 Rollen summieren sich seitdem in der Berufsbiografie des Flensburgers. Darunter 2005 eine Hauptrolle als Chefarzt im "Tatort", 2008 als dänischer Skipper in der ZDF-Seehund-Serie "Hallo Robbie", im selben Jahr mehrere Folgen in der Vorabendserie "Verbotene Liebe" oder 2009 als Pharmaziehändler im ZDF-Mehrteiler "Liebe, Babys und Familienglück". 2010 kamen zwei besondere Erfolge hinzu: Für den künftigen neuen Rostocker "Tatort" - zu sehen im kommenden Jahr - stand Harrebye-Brandt im Frühjahr als Hauptkommissar vor der Kamera. Und im April kam der Aufstieg in die Hollywood-Klasse: Auf Fehmarn war Harrebye-Brandt beim Dreh des Agententhrillers "Hanna" mit Cate Blanchett und Eric Bana dabei. Sie mimt die Tochter eines Spions, die in skandinavischen Wäldern für seine Nachfolge ausgebildet wird. Bei diesem Auftrag kommen Harrebye-Brandts dänische Sprachkenntnisse ins Spiel, die er als Kind durch seine familiäre Herkunft aus dem dänischen Hadersleben erworben hat. Harrebye-Brandt gibt in "Hanna" den dänischen Außenminister, der von Bana um die Ecke gebracht wird. Zwar wird englisch gesprochen, gefragt war jedoch ein authentischer dänischer Akzent. Die Rolle dauert sogar über den Film-Tod hinaus: Eine Einstellung zeigt den Politiker als Wasserleiche. Vier Stunden hat Harrebye-Brandt dafür in der Maske zugebracht. Direkt neben ihm saß zeitweise Cate Blanchett. "Aufregend ist es eher im Nachhinein, mit Stars von der Kinoleinwand eng zusammengearbeitet zu haben", sagt er. "Im Moment selbst kam es mir unspektakulärer vor, weil es irgendwie eine Arbeitssituation war." Mit Blanchett habe er über ihre Rolle in "Der Herr der Ringe" geplaudert. "Darin habe ich sie besonders bewundert."

Von den deutschen Super-Promis hat der Darsteller aus dem Grenzland "die wirklich Großen" als "geerdet" erlebt - "die haben es nicht nötig, arrogant zu sein". Mario Adorf, mit dem er vor einigen Monaten in Berlin für die Dani Levy-Produktion "Das Leben ist zu lang" gedreht hat, bewundert er in dieser Beziehung ebenso wie Uwe Friedrichsen, mit dem er vor zwei Jahren für das ARD-Fernsehspiel "Ein Strauß voll Glück" auf Amrum vor der Kamera stand. Zu Serien-Kollegen der jüngeren Generation hat sich über die Jahre auch manche Freundschaft entwickelt. "Das bringt für einen selbstständigen Schauspieler aus Flensburg den fast existenziellen Vorteil mit sich, in vielen Großstädten einen kostenlosen Schlafplatz zu bekommen", betont Harrebye-Brandt. Oft ist er 15 bis 20 Tage im Monat unterwegs. Ausnahmsweise kann es aber auch umgekehrt sein, dass andere abends mit ihm durch Flensburgs Kneipen ziehen. So konnte man Harrebye-Brandt auch schon mit ZDF-"Landarzt" Wayne Carpendale im In-Lokal "Kritz" sichten. Harrebye-Brandt hat ihn in "Deekelsen" durch eine Gastrolle im letzten Jahr kennen gelernt.
"Flensburg hat so ein internationales Flair"

Oft werde er von Branchenkollegen gefragt: "Wie hältst du das bloß aus so weit ab von allem?" Dann erzählt Harrebye-Brandt, dass ein Standortfaktor natürlich seine Freundin Jenny ist, eine Finnin, die beim Generalsekretariat der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen - der Dachorganisation europäischer Minderheiten - in der Fördestadt die Geschäftsstelle betreut.

Bei den Pluspunkten für Flensburg kommt Harrebye-Brandts eigenes Engagement in der deutschen Minderheit in Dänemark hinzu. Dort gehört er als Mitbegründer der Junioren-Organisation "Junge Spitzen" zu den tonangebenden Nachwuchsleuten. Ob der zunehmend betonte Mix von deutsch und dänisch oder der stark gewachsene Campus auch mit Gaststudenten: "Flensburg hat so ein internationales Flair gekriegt, dass es für mich das viele Hin- und Herpendeln wert ist. Außerdem fördert der räumliche Abstand zu den meistens Drehs das Entspannen."

Und vielleicht lockt irgendwann einmal ja auch eine andere Serie, die vor der Haustür entsteht, mit einer festen Rolle, die dann nicht nur im Studio abgedreht wird. Den "Landarzt" zum Beispiel gibt es ja auch noch.

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