Landtagswahl und Bundestagswahl : Vom Pegida-Gänger zur Esoterik-Partei: Aus dem Leben eines Wechselwählers

Wanderer zwischen den Parteien auf der Suche nach direkter Mitbestimmung: Leif Hansen.
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Wanderer zwischen den Parteien auf der Suche nach direkter Mitbestimmung: Leif Hansen.

Leif Hansen sagt, er sei auf der Suche nach echter direkter Demokratie – und wie viele andere ein politisch Suchender im Wahljahr 2017.

Kay Müller von
29. März 2017, 18:22 Uhr

Eckernförde | Er ist einer von denen, um die die Parteien bei Wahlen buhlen – Leif Hansen aus Eckernförde sagt: „Ich bin ein Wechselwähler.“ Er hat fast alle Parteien durch, war Mitglied bei der FDP, bis vor kurzem bei der AfD und gründete die Esoterik-Partei „Die Violetten“ mit.  Man könnte Hansen für einen bunten Vogel halten, vielleicht auch für einen Spinner ohne Orientierung. Aber der 42-Jährige ist politisch interessiert, und er sagt, dass er nur auf der Suche ist nach einer Partei, die eines gewährleistet: mehr direkte Demokratie und echte Mitbestimmung. „Ich möchte nicht, dass die Parteien die Bürger bevormunden, sondern dass die Bürger selbst Verantwortung übernehmen.“

Die Landtagswahl  in SH findet am 7.  Mai statt. Bei unserer Wahlbörse können Sie auf den Ausgang der Wahl setzen.

Ein bisschen klingt das nach dem Ruf der Straße, nach Pegida, bei der Hansen mitmarschiert ist, wie er unumwunden zugibt. „Das Gefühl der Wutbürger ist mir nicht fremd“, sagt er, als er in einem Café mit Blick auf den Rathausmarkt von Eckernförde sitzt und über seine politische Einstellung erzählt. Und das, was er beschreibt, könnte in diesen Tagen auf viele Menschen im Land zutreffen, die von den etablierten Parteien enttäuscht sind, die das Gefühl haben, dass über ihre Köpfe entschieden wird, dass ihre Stimme nichts mehr zählt.

Rechts und links, diese Kategorien gibt es für Hansen nicht. Er habe sich schon in der Schule manchmal ohnmächtig gefühlt, weil einige wenige da oben, den vielen da unten gesagt hätten wie es geht, erzählt er. Und als er mit 18 Jahren das erste mal wählen durfte, habe er sein Kreuz bei der NPD gemacht. „Ich wusste nicht, was die wollten, wer die sind. Ich wusste nur, das waren die Bösen und damit wollte ich provozieren. Das war eine richtige Stinkefingerwahl.“

 

Hansens Protest wird zum Desinteresse – vorerst. Erst als der Segellehrer nach einem längeren Auslandsaufenthalt Ende 1997 nach Deutschland zurückkommt, informiert er sich, was politisch los ist. 1998 sieht er Gerhard Schröder in Kiel. Und er trifft seine Wahlentscheidung wie viele andere Menschen auch – aus Gefühl und weil er einer Person vertraut. „Der hat mich überzeugt, dass er hier was ändern will.“

Doch das hält nicht lange. Mit Freunden gründet Hansen 2001 „Die Violetten“ – eine Esoterik-Partei. „Wir waren eine Gruppe meditierender Linker, manche barfuß unterwegs.“ Die Forderungen der Partei bleiben diffus, genauso wie Hansens politische Einstellung. 2004 trifft er auf den „Omnibus für direkte Demokratie“, eines selbstverwalteten Unternehmens, das für Volksentscheide wirbt. „Ich hatte gefunden, wonach ich gesucht hatte“, sagt Hansen, der bis heute Mitglied im Verein „Mehr Demokratie“ ist, der für Bürgerbegehren und Volksentscheide eintritt. „Es geht mir darum die Demokratie zu retten“, sagt Hansen. Das sei aber nur mit einem „Systemwechsel“ möglich – unter Erhaltung der Grundrechte.

Hansens großes Vorbild ist die Schweiz. Er spricht gern über die Kantone, in denen die Einwohner einmal im Jahr auf dem Marktplatz zusammenkommen, über Steuern und Schulen abstimmen, und darüber, wer Richter wird. „Das kann auch hier funktionieren“, meint Hansen und deutet auf den Eckernförder Marktplatz. Alle Menschen könnten ihre Meinung äußern, und die Bürger müssten Verantwortung übernehmen – „echte Verantwortung, weil sie echte Entscheidungen treffen“. Aus ihren Reihen solle sich die Exekutive bilden, nicht aus denen von Parteien. Die Kommunen müssten gestärkt werden, die meiste Steuerkraft dort verbleiben. Dass dadurch reichere Regionen bevorteilt werden, das Bildungssystem weiter ausdifferenziert werden, übergeordnete Aufgaben wie innere und äußere Sicherheit oder Infrastruktur leiden würden, lässt er ebenso wenig gelten, wie das Argument, dass manche Bürger vielleicht gar nicht abgehen wollen vom Delegationsprinzip, bei dem sie nur alle paar Jahre Interessenvertreter wählen. Hansen vertraut auf die Vernunft der Bürger.

Es klingt nicht alles stringent, logisch und zu Ende gedacht, was Hansen erzählt – auch über die Motivation seiner eigenen Wahlentscheidung: Er war FDP-Mitglied, weil die in einem Landesverband für mehr direkte Demokratie waren, gleichzeitig wählte er die Grünen bei der Europawahl, weil dort jemand aktiv war, den er aus der Vereinsarbeit kannte. Doch es wirkt glaubhaft, wenn Hansen erzählt, wie er darauf gehofft hat, dass eine neue Partei wie die WASG etwas im und am politischen System verändern könnte, genauso wie danach die Piraten oder die AfD. Allerdings unterschätzt er, dass alle neuen Parteien, die aus Protest gegen „das System“ sind, am Ende meist Teil davon werden, um Teile ihrer Interessen durchzusetzen. Genau wie viele andere Enttäuschte, die den Weg des Protestes durch diese Parteien gegangen sind.

Diese Parteien sind bei der Landtagswahl zugelassen

CDU
SPD
Grüne
FDP
Piraten
SSW
Die Linke
Partei „Die Familie“
Partei „Freie Wähler“
AfD
Die Liberal-Konservativen Reformer
Satire-Partei „Die Partei“
Zukunft-Schleswig-Holstein (Z.SH)

Bei der AfD ist Hansen übrigens nicht mehr, sagt er. Aber es gibt Filme im Internet, wo er auf Kundgebungen Anhänger der Rechtspopulisten mit seinen Forderungen nach mehr direkter Demokratie zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Mittlerweile, sagt Hansen, sei ihm die AfD zu autoritär, die wollten gar keine direkte Demokratie. Wem er bei der nächsten Wahl seine Stimme gibt, stehe noch nicht ganz fest. Auf jeden Fall will Hansen weiter suchen, nach einer politischen Organisation, die wirklich etwas verändert. Auf die Frage, ob es die je geben wird, weiß er keine Antwort – ebenso wenig wie auf die Frage, ob eine Revolution nötig ist, um etwas in Deutschland zu verändern. Hansen überlegt – wie häufig, bevor er eine Antwort gibt. Und sagt dann: „Die Menschen, die von der Politik enttäuscht sind, werden das nicht mehr endlos mitmachen.“ Zumindest damit könnte er Recht behalten.

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