Vom "Öko-Spinner" zum Kultur-Manager

Seit 25 Jahren bringt Veranstalter Michael Reinhardt durch kulturelle Projekte Menschen zusammen

shz.de von
20. August 2011, 06:39 Uhr

Flensburg | Kreatives Chaos umgibt ihn. Kiloweise Ordner, Bildbände, Fotos. Das Kompendium eines Lebens für Kunst und Kultur.

Michael Reinhardt blickt zurück. Auf ein Vierteljahrhundert unermüdlichen Schaffens, das mit dem 1. Tummelum 1986 begann. Die "Partner im Herzen der Stadt" beauftragten Reinhardt seinerzeit mit der Ausgestaltung des Flensburger Stadtfestes.

Viele weitere sollten folgen. Ein Blick auf den Schreibtisch, die Poster an den Wänden oder ins Bücheregal offenbart die ganze Bandbreite dessen, was der "Kulturmacher" organisierte oder selbst aus der Taufe hob: Das Folklore-Treffen auf dem Scheersberg, ein Bildungskongress in den Holstenhallen, der Husumer Krokusmarkt, das Maritime Landesfest in Kiel, die 725-Jahr-Feier Flensburgs, Dampf-Rundum, Nautics und der Gottorfer Landmarkt sind nur einige Beispiele.

Zudem werden Erinnerungen an das Holm-Nixen-Fest wach, an Frau Jaschke, die noch nicht die Frau Jaschke war, die wir heute kennen, oder an Herrn Holm, der noch lange kein "Polizist" war, als Reinhardt ihn 1988 an die Förde holte. "Ich habe immer versucht, aus dem Nichts Welten zu schaffen und in Einklang mit dem Alltäglichen zu bringen", umreißt der 63-Jährige sein Lebensmotto.

Die wenigsten allerdings wissen, dass Michael Reinhardt jenseits der populären Veranstaltungen auch ein gänzlich anderes Leben führte. Als er 1986 das Tummelum plante, hatte er gleichzeitig einen Lehrauftrag an der PH Kiel: "Malen in der Therapie verhaltensgestörter Kinder." In der Landeshauptstadt wirkte der ausgebildete Heilpädagoge auch als Lehrer an der Rudolf-Steiner-Schule, in Glücksburg-Meierwik gründete er den Waldorf-Kindergarten, in dem noch heute erfolgreich gearbeitet wird.

Sein Name ist untrennbar verknüpft mit dem Flensburger Künstlertreff "Galerie", in der legendäre Konzerte über die Bühne gingen. Franz-Josef Degenhardt, Barbara Thalheim, Wolf Biermann oder Hans Dieter Hüsch gastierten hier allein im besagten Jahr 1986, während The Dubliners traditionell ins Deutsche Haus wanderten. Zum Line-up gesellten sich über die Jahrzehnte so illustre Namen wie Hannes Wader, Georg Danzer, Heinz Rudolf Kunze, Herman van Veen, Nina Hagen oder Donovan hinzu.

Der britische Musiker, weltberühmt durch seine Pazifistenhymne "The Universal Soldier" oder den Song "Atlantis", brachte das Galerie-Team seinerzeit mächtig in Verlegenheit, als er in seiner Bühnenvereinbarung eine pompöse Getränketafel verlangte: erlesenste Weine, sündhaft teure Whiskys, Champagner, diverse Kaffeesorten und mehr. Doch vor dem Auftritt ließ Donovan verlauten: "Ich trinke eigentlich nur ein Guinness." Und so war es auch. Das Management hatte schlichtweg zu dick aufgetragen.

Die Kneipe im Hinterhof am Holm fungierte darüber hinaus als Talentschmiede für junge Musiker. "Ich sehe mich auch als Förderer des Nachwuchses", meint Reinhardt. Dies liege ihm genauso am Herzen wie Alltagskultur im besten Sinne zu zelebrieren. Ereignisse aus dem Boden zu stampfen, die das Publikum einbeziehen anstatt es zum bloßen Konsumenten zu degradieren. Gestaltete Kunsträume ohne soziale Barrieren.

Immer wieder betont Reinhardt, wie sehr ihn die Themen regenerative Energien und ökologischer Landbau beschäftigen. Diese Präferenz findet nicht zuletzt in der Ausgestaltung des Gottorfer Landmarktes seinen Niederschlag. "Es ist immerhin der größte Landmarkt in ganz Deutschland", gibt er zu Protokoll. Ebenso, dass ihn dieser Bereich schon zu Zeiten berührt habe, als die aktuelle Brisanz nicht annähernd absehbar war. "Damals bin ich als Öko-Spinner verlacht worden."

Michael Reinhardt resümiert: "Mein ganzes Leben lang habe ich Menschen mit Kultur konfrontiert." Nun will er sich sukzessive aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Das Zepter hat er bereits an seinen Sohn Christopher (33) übergeben. Klar, dass der umtriebige "Macher" sich damit nicht zur Ruhe setzen wird. Sein nächstes Projekt? "Ich will ein Mehrgenerationenhaus verwirklichen - ein gemeinsames Wohnen von Alt und Jung."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen