Prof. Dr. Abderrahman Machraoui : Vom Oasenkind zum Chefarzt

Am Freitag geht Machraoui, Chefarzt der Inneren der Flensburger Diako, in den Ruhestand.

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13. März 2013, 06:45 Uhr

Flensburg | Die schwarzen Regale hinter seinem Schreibtisch sind beinahe leer geräumt. Doch sein "Kind" bleibt griffbereit: "Angewandte internistische Standards" und im Untertitel "Krankheitsbilder und klinische Abläufe für die Kitteltasche", verlegt im Deutschen Ärzteverlag. Prof. Dr. Abderrahman Machraoui ist der Herausgeber. Bilderbuch-Geschichten wie die seine malt nur das Leben: Aus dem "Oasenkind" mit den Genen eines "seriösen Vaters" und eines "absolut tabulosen Großvaters" ist ein geachteter Arzt geworden. Und auch nach seinem Ruhestand, den Machraoui am Freitag antritt, wird er viele weitere lebhafte Kapitel aufschlagen oder schreiben.

"Ich rede ungern über mich, das ist nicht sehr produktiv", sagt der scheidende Chefarzt der Klinik für Innere Medizin der Diako in Flensburg - und lacht. Diese Bescheidenheit ist markant und kann sich der gebürtige Marokkaner selbst nur mit seiner Herkunft aus "ganz einfachen Verhältnissen" erklären. Schon lieber erzählt er von seinem Vater, dem politisch aktiven Lehrer, oder seinem Großvater mit dem unerschöpflichen Repertoire, der wie ein Kabarettist eine große Runde stundenlang unterhalten konnte.

Sein Vater engagierte sich politisch, hielt ganze Parteitage zu Hause ab. Der Todesstrafe sei er nur knapp entronnen. "Mit zwölf musste ich Briefe für ihn schreiben an den Palast, weil ich eine gute Schrift hatte", erinnert sich der Mediziner, und dass er als Knabe in der väterlichen Bibliothek Gandhi las. "Deshalb bin ich ein kompromissloser Pazifist", sagt Mach raoui und strahlt absolute Sanftheit aus. Als Lehrer sei sein Vater, auch als alle übrigen autoritär agierten, als einziger ohne Stock in der Schule ausgekommen. Der Vater wollte ein Gymnasium gründen; vier Wochen später starb er; da war Abderrahman Machraoui noch ein Teenager. Heute als Arzt kennt er die Gründe, Lungenembolie und Herzversagen, und weiß, dass die defizitäre medizinische Infrastruktur seinen Vater das Leben kostete. Eine seiner sechs Reisen, die er in nächster Zeit nach dem Ruhestand geplant hat, führt Machraoui nach Figuig, um diesen Missstand heute endlich aufzuheben.

Sein Großvater habe ihn stets geschont, die schützende Hand über ihn gehalten. Statt sich etwa an Gartenarbeit beteiligen zu müssen, sollte er lieber lernen, erinnert sich Abderrahman Machraoui; ein guter Nährboden für seine "innere Motivation, die Schule ernst zu nehmen". Das hat sich ausgezahlt: Sein Abitur in Salé bei Rabat habe er im Jahr 1966 mit der zweitbesten Note im gesamten Land absolviert. Und sein Name sei unter den vier genannten seiner Schule gewesen, die ein Deutschland-Stipendium bekamen. Zehn Stipendien wurden insgesamt in Marokko vergeben. "Gehe ich dieses Abenteuer ein?", fragte Machraoui sich und seinen Bruder, der - anders als er - immer Arzt werden wollte. Als Antwort habe er ein Schulterzucken bekommen, doch im Angesicht der gewaltvollen Proteste in seiner Heimat - und trotz der zu erwartenden Kälte - entschied er sich für Europa.

"Das erste Jahr war das schlimmste", blickt der Kardiologe zurück. Doch ab dem dritten Semester habe er gut Anschluss bekommen und schließlich 1973 in Heidelberg promoviert. "Seit 1977 lehre ich", sagt Machraoui, der am 22. März 65 wird. Er plädiert dafür, "Studenten schon in frühen Semestern an Patienten heranzuführen". Wenn der Nachwuchs in "Kontakt mit Patienten" komme und Krankheitsfälle bespreche - "das ist schon konkret", sagt der Menschenfreund. Noch länger als an der Diako in Flensburg - hier ist er Chefarzt im 15. Jahr - war Abderrahman Machraoui im Ruhrgebiet tätig. Vor allem dort prägte er die Kardiologie und Angiologie und entwickelte sie fort. 18 Jahre lang hielt er dem Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum die Treue und lehrte an der Ruhr-Universität. "Wir haben an der Weiterentwicklung der Stents gearbeitet", sagt der Arzt und spricht von einer anregenden Aufgabe, "weil wir uns sehr früh am Prozess beteiligen konnten".

Auch in seinen letzten Arbeitstagen an der Flensburger Diako schreibt Abderrahman Machraoui noch Medizingeschichte. Ganz neu werde eine Methode zur Senkung des Blutdrucks eingeführt, in dem Nervengeflechte in Blutgefäßen der Nieren verödet werden. Die Leidenschaft für den Beruf wird Machraoui auch in den Ruhestand begleiten und für seine Aktivitäten in zahlreichen Netzwerken von Nutzen sein.

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