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Hamburger Klavierbauer : Vom Holz zum Steinway

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

400 Mitarbeiter sorgen beim Weltkonzern Steinway in Hamburg dafür, dass Jahr für Jahr 1400 Flügel und Klaviere rund um den Globus gehen, um die Welt mit Klängen zu verwöhnen.

Hamburg | Während Bluetooth, Clouds und Gratis-Download die Musikwelt dominieren, scheint hier noch ein zeitloser Geist zu wehen, dem Tiefe und Qualität über alles geht. Das Gelände wirkt wie aus einem anderen Jahrhundert: rote Backsteingebäude, breitflächig gebaut, Lagerhallen, ein riesiger Schlot mittenmang, und vorne lotst der Pförtner. Hier arbeiten Tischler, Möbelbauer, Lackierer und Klavierbauer, 40-jährige Firmenjubiläen sind keine Seltenheit. Es ginge beim Bau der hochwertigen Instrumente um drei Komponenten, erläutert Firmensprecherin Sabine Höpermann: „Die lange Tradition, wir bauen seit 160 Jahren Flügel, beste Materialien und das Know-how unserer Mitarbeiter.“

Basismaterial der Steinway-Instrumente ist Holz, es kommt zumeist aus Nordamerika, Alaska, manchmal aber auch aus dem Hamburger Umland und muss zunächst einmal lagern, damit die Luft zirkulieren kann und Feuchtigkeit verloren geht. Fichte müsse um 15 Prozent runtertrocknen, so Höpermann. Anschließend kommen die verschiedenen Holzarten – auch Ahorn und Mahagoni sind dabei – in die Trockenkammer. Insgesamt dauert der Trocknungsprozess zwei Jahre. Ein weiteres Jahr dauert es, bis das fertige Instrument die Produktionsstätte verlässt.

Die Außenkontur des Flügels wird Rim genannt. In der ersten Verarbeitungsstufe werden bis zu 20 Hartholzschichten kunstvoll gebogen, sodass die optimale Spannung entsteht. Verwendet wird hierfür nur sogenanntes leitfähiges Holz. Sieben verschiedene Flügel- und zwei Klaviermodelle bekommen in Hamburg ihr Gehäuse und verschiedene Grundformen.

Nach drei Stunden wird der Rim aus der Presse genommen, fünf Stück durchlaufen täglich die Produktion. „Jeder einzelne Mitarbeiter ist ein Spezialist“, betont Höpermann, rund 80 Prozent der Arbeit wäre handgemacht. Hier, am Rondenbarg, – eine zweite Produktionsstätte gibt es in New York, wo 2000 Instrumente jährlich produziert werden – wird alles von A bis Z selber hergestellt. Außer die Gussplatte, die die Saitenspannung trägt und bis zu 20 Tonnen Zugkräfte aushalten muss, die Klaviatur und bestimmte Mechanikteile.

Alles im Rahmen: Die Hülle der Fügel wird positioniert.
Alles im Rahmen: Die Hülle der Fügel wird positioniert. Foto: Axel Heimken (3)

90 Prozent aller Instrumente sind mattschwarz, auf 0,5 Millimeter runterpoliert und glänzend wie ein Spiegel. Doch vor der Lackierung werden die Furniere kunstvoll bearbeitet und zusammengefügt. Thorsten Dahms arbeitet seit 1999 im Unternehmen und hat das besondere Auge für das Material. Im Optimalfall sind die Bretter nicht dicker als 0,5 Millimeter, „dann ist der Resonanzboden am besten für die Fertigung“, erklärt der Tischler. Seine Kollegen selektieren gerade Hölzer, anhand der Jahresringe können sie die Qualität für die Schallübertragung bestimmen und schlechtes Holz wegschneiden.

In einem anderen Raum werden schon einige Verzierungen golden lackiert. Topqualität und äußere Ästhetik gehen hier zusammen, auch das Einzelstück Steinway Crown Jewel mit lupenreinen Diamanten, der in die Tastenklappe eingelassen ist, im Sortiment.

Wenn der Resonanzboden, Rim und die Gussplatte zu einer untrennbaren Einheit zusammengefügt sind, werden oben auf die Platte die mit Kupfer umwickelten Stahlsaiten, angebracht, schließlich die Klaviatur mit ihren 88 Tasten montiert. Doch bevor es endlich etwas zu hören gibt, muss jede Taste per Hammerkopf eine Saite an einer bestimmten Stelle treffen. Ein Flügel besteht aus 12.000 Einzelteilen, in diesem Produktionsabschnitt werden 7000 zugefügt. Es braucht drei Tage, um Klaviatur und Mechanik zusammenzuführen. „Es ist die technische Grundlage, das Vorregulieren der Töne“, erklärt Höpermann. Anschließend spielt in einem Raum ein Roboter jede Taste innerhalb einer Stunde rund 10.000 mal durch.

Klavierbaumeisterin Wiebke Wunstorf intoniert einen Steinway-Konzertflügel. Jahrelang hatten deutsche Klavierhersteller mit billigerer Konkurrenz aus Fernost zu kämpfen. Doch nach einigen Krisenjahren hat sich die Branche gefangen.
Klavierbaumeisterin Wiebke Wunstorf intoniert einen Steinway-Konzertflügel. Jahrelang hatten deutsche Klavierhersteller mit billigerer Konkurrenz aus Fernost zu kämpfen. Doch nach einigen Krisenjahren hat sich die Branche gefangen.

Die letzte Phase ist die Intonation, viermal durchläuft jeder Flügel diesen Prozess der stimmlichen Feinjustierung, bevor er sein unverwechselbares Steinway-Siegel erhält. Hier arbeitet Robert Altenbach, der gerade intensiv einzelne Tasten und ihren Klang prüft. Er sagt: „Wir müssen jeden kleinen Fehler finden.“ Gerade sticht er ein wenig Filz akribisch an, es geht um Nuancen. Schließlich ist jeder Steinway einmalig, einzigartig und immer exzellent in seiner Qualität. „Man braucht ein Gefühl: Was fühlt sich gut an“, ergänzt er.

Steinway ist ein Traditionsunternehmen, das sich auf seine Wurzeln beruft. „To build the best piano possible“ („Um das bestmögliche Klavier zu bauen“) wählte Firmengründer Henry E. Steinway als Mantra und Qualitätsvorgabe. 1836 baute dieser sein erstes Instrument in seiner Küche im Harz, 1850 wanderte er in die USA aus, wo Steinway, der eigentlich Steinweg hieß, 1853 in New York das Unternehmen Steinway & Sons gründete. Schon 1859 war die Produktion auf 500 Flügel und Klaviere gestiegen, der moderne Klavierbau geboren. 1928 wurde die Fabrik am Altonaer Rondenbarg gebaut.

Mittlerweile benutzen über 90 Prozent aller Konzertpianisten auf den Bühnen der Welt Steinway-Instrumente. 45 Prozent der Ware geht an private Haushalte, 55 an Profis: Konzerthäuser, Hochschulen, Theater und andere Institutionen. Das erste Patent entwickelte Steinway bereits 1880, insgesamt sind es seitdem 125. „Seit den frühen dreißiger Jahren ist das Klavier in seiner Konstruktion im Grunde perfekt“, erklärt Höpermann die einmalig ausgetüftelte Mechanik bei solcher Wertarbeit. Diese hat ihren Preis. Steinway-Klaviere kosten zwischen 32.000 und 36.000 Euro, Flügel zwischen 68.000 und 156.000.

Manfred Sitz ist Steinway-Geschäftsführer Europa. Er verkörpert das Unternehmen, ist weltgewandt und jovial. Zur beeindruckenden Unternehmenskultur – jeder Mitarbeiter, vom Lehrling über den Tischlermeister bis zum Klangexperten, scheint in seiner Sache aufzublühen – sagt er: „Das Umfeld, es mit Musik und Instrumenten zu tun zu haben, prägt auf allen Ebenen.“ Auch dass 2013 eine US-amerikanische Investmentgesellschaft für 512 Millionen Dollar Steinway gekauft hat, bereits 1972 hatte sich die Familie vom Unternehmen getrennt, habe Steinway eher stabilisiert. Gerade expandiere man vor allem auf dem chinesischen Markt.

Die Besonderheit der Instrumente sei der große Werterhalt und sogar eine Wertsteigerung, betont Sitz. Ein 50 Jahre alter Steinway erzielt heute das Neunfache seines ursprünglichen Kaufpreises. Ein Steinway ist gut 100 Jahre haltbar. Da würden gut und gerne auch mal 20.000 Euro für eine Reparatur ausgegeben, die hier selbstverständlich auch erledigt wird. Neben den vielen Profis seien viele Ärzte und Akademiker unter den Käufern, aber nicht nur, versichert Sitz. Es seien auch „viele, die sich einen Traum erfüllen wollen“. Jüngst erst habe ein Käufer sich einen Steinway in sein altes Bauernhaus in den Vier- und Marschlanden gestellt.

Die Welt in Hamburg und Steinway als Medium, auch das ist keine Seltenheit. Besonders stolz sind Sitz und seine Mitarbeiter, wenn berühmte Pianisten wie der Chinese Lang Lang die Hansestadt beehren und mit ihren Klängen auf einem Steinway beglücken. Dann weiß man, warum das ganze Jahr über am Rondenbarg der Schornstein dampft.

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erstellt am 15.Nov.2015 | 11:03 Uhr

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