Sieben Monate auf Trischen : Vogelwartin freut sich auf ein Eis

Kehrt Mitte Oktober vom Eiland Trischen aufs Festland zurück: Janina Spalke, Diplom-Biologin (29) aus Husum. Foto: Nabu
Kehrt Mitte Oktober vom Eiland Trischen aufs Festland zurück: Janina Spalke, Diplom-Biologin (29) aus Husum. Foto: Nabu

Allein unter Vögeln - sieben Monate hat Janina Spalke auf Trischen gelebt. Mitte Oktober verlässt die Vogelwartin das Eiland.

shz.de von
05. Oktober 2009, 08:44 Uhr

Frau Spalke, seit März sind Sie auf der Vogelschutzinsel. Fühlt man sich da nicht manchmal einsam?
Eigentlich nicht. Die Wochen sind sehr schnell vergangen. Es war kein Tag wie der andere, so dass keine Tristesse aufkommen konnte. Außerdem ist es ja nicht so, dass ich hier ganz und gar abgeschieden lebe. Mit dem Versorgungsboot konnte sonnabends Besuch mitkommen. Ich hatte nämlich von der Nationalparkverwaltung die Erlaubnis, eine Person auf der Insel zu beherbergen. Allerdings ist die Hütte wirklich so klein, dass es nur Besucher waren, die ich gut kannte und mit denen ich gut eine Woche auskommen konnte. Denn so lange mussten sie dann immer auf Trischen bleiben - bis zur nächsten Versorgungsfahrt.
Muss man sich das Leben auf der Insel wie bei Robinson Crusoe vorstellen?
Robinson Crusoe ist ja nicht ganz freiwillig auf einer einsamen Insel gelandet. Ich hingegen habe mir das gut überlegt und die sieben Monate hier genossen. Natürlich sind die Verhältnisse sehr einfach, aber für einen Sommer ist das alles kein Problem.
Was hat Sie dazu bewogen, Vogelwartin zu werden?
Ich wollte nach meinem Studienabschluss und der vielen Sitzerei am Schreibtisch gern "draußen" arbeiten - am besten an der Küste und im Naturschutz. Für mich war es eine tolle Chance. Obwohl ich auf Trischen alleine war, bin ich doch in ein intensives Netzwerk aus Nabu und Nationalparkverwaltung eingebunden. Außerdem kannte ich das Leben auf einer Vogelinsel aus meiner Di plomzeit auf Mellum und habe mir dort immer vorgestellt: Vogelwartin zu sein, das wär; was für mich!
Ganz unbedarft haben Sie sich also nicht in das Abenteuer gestürzt?
Nein, genau. Ich habe auf Mellum zwar vegetationsökologisch gearbeitet, aber die Vögel waren natürlich immer mit dabei. Ich hatte einfach Lust, mal die Ornithologie in den Vordergrund zu stellen.
Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Das hängt viel vom Wetter ab. Zur Vogelzugzeit stehe ich zum Sonnenaufgang auf, beobachte und protokolliere die durchziehenden Vögel. Dann stehen noch die Zählungen aller Rastvögel an. Das findet an der ganzen Westküste zu festen Terminen gleichzeitig statt. Und zur Brutzeit bin ich sehr viel über die Insel gelaufen, habe brütende Vögel gezählt. Außerdem gehören Wetteraufzeichnungen zum täglichen Programm. Und natürlich passe ich auf, dass niemand die Insel und umliegenden Watten unerlaubt betritt und womöglich die rastenden oder brütenden Vögel stört.
Wie bewerten Sie die Brutsaison 2009?
Für einige Arten gut, für andere nicht erfolgreich. Die Silber- und Heringsmöwen hatten ein außergewöhnlich schlechtes Jahr. Überhaupt sind bei dem kalten Wetter Anfang Juni viele Küken durch Regen und Nässe gestorben. Erfreulich war die Entwicklung aber für Löffler, Wanderfalke und Brandgans.
In den vergangenen Monaten haben Sie viele Eindrücke gewinnen können. Gab es einen besonderen Moment?
Beeindruckt hat mich der erste Herbststurm. Die Hütte stand nachmittags etwa einen dreiviertel Meter im Wasser, der ganze Strand war überschwemmt. So etwas erlebt man auf den befestigten und mit Deichen gesicherten Inseln nicht so leicht. Da ist Trischen wirklich besonders!
Sie hatten viel Zeit zum Nachdenken: Hat sich Ihre Sicht auf die Welt verändert?
Vielleicht ist eine wichtige Erkenntnis für mich, dass man gar nicht so viele Dinge braucht, um sich glücklich zu fühlen - und dass ein Bad im kalten Nordseewasser im März viel glücklicher machen kann als ein luxuriöses Wellnesshotel.
Schreibt man als Vogelwartin auch mal Flaschenpost?
Bisher nicht. Aber vielleicht kommt das noch, ganz am Ende meiner Zeit hier. Dann gehe ich wenigstens kein Risiko ein, sie selbst zu finden. Aber ich habe Flaschenpost bekommen - manche aus Cuxhaven, aber auch eine von der englischen Südküste.
Und worauf freuen Sie sich nach Ihrer Rückkehr aufs Festland am meisten?
Auf ein großes Eis!

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